„Die Ärzte sagten, dass er nicht gewachsen ist“

Von: Isabelle Hennes
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Diagnose Gehirntumor. „Es bricht eine Welt zusammen“, sagt Stefanie. Foto: imago/imagebroker/europapix

Aachen. Das zweite Leben von Wolfgang beginnt im August 2010. Es ist der Tag, als im Klinikum in Aachen sein Hirntumor entfernt wird. Heute, zwei Jahre später, sitzt er gemeinsam mit seiner Frau Stefanie im Wohnzimmer auf dem Sofa ihres Reihenhauses in Aachen. Beide sind nervös. Sie wissen, dass ihnen das bevorstehende Gespräch nicht leicht fallen wird. Zu wenig Zeit ist vergangen, zu wach sind die Erinnerungen, zu emotional das Thema.

Aber Wolfgang ist fest entschlossen: Er will seine Geschichte erzählen. Er will anderen Mut machen, sich nicht unterkriegen zu lassen. Und vielleicht, aber das würde er natürlich nicht sagen, will er das Gespräch auch nutzen, seine Geschichte zu verarbeiten.

Die Geschichte beginnt im Juni 2007. Wolfgang hat gerade eine Nachtschicht beendet. Er fährt nach Hause und freut sich auf einen Spaziergang mit seiner Frau und den beiden Hunden. Zwei Havaneser, ein brauner und ein schwarzer. Während des Spaziergangs fragt sie Wolfgang, wie seine Schicht war. Als ihr Mann antworten will, ist er nicht mehr in der Lage, einen Satz zu formulieren. Er weiß, was er sagen will, aber es kommt nicht heraus. „Es war vollkommen wirres Zeug, was er da erzählt hat“, erinnert sich Stefanie. Die beiden gehen nach Hause und wählen den Notruf. Die Notärztin, die wenige Minuten später eintrifft, stellt Wolfgang verschiedene Fragen. Es sind Fragen, auf die jeder gesunde Mensch eine Antwort weiß. Wie alt bin ich? Wo wohne ich? Wie heiße ich? Wolfgang kann sie nicht beantworten. Stefanie, beim Spaziergang noch ruhig, bekommt Angst. Noch immer bringt ihr Mann nicht über die Lippen, was er sagen möchte. Die Notärztin geht von einem Gehirnschlag aus und veranlasst den Transport ins Aachener Klinikum.

Keine Anzeichen gegeben

Wolfgang unterbricht das Gespräch. Er müsse wegen der Nervosität dringend auf die Toilette. Stefanie zündet sich eine Zigarette an und schaut sich im Wohnzimmer um. Ein großer Raum mit wenigen Möbeln. Eine Schrankwand, ein Fernseher und das Sofa. Stefanie sagt nichts von sich aus, als ihr Mann nicht im Raum ist. Als Wolfgang sich wieder setzt, seufzt er. Er schaut seine Frau an und sagt: „Wenn mir das vorher jemand gesagt hätte: Ich hätte ihn ausgelacht.“ Keine Anzeichen habe es gegeben, nicht einmal Kopfschmerzen habe er gehabt. Im Klinikum wird Wolfgang weiter auf einen Gehirnschlag untersucht, unter anderem wird eine Magnetresonanztomographie (MRT) gemacht. 24 Stunden muss er auf der Intensivstation bleiben. Anschließend wird er auf die normale Station verlegt. Wenige Tage später soll er entlassen werden. Alle noch anstehenden Untersuchungen ergeben keine Auffälligkeiten. Dann verliert Wolfgang am Tag seiner Entlassung plötzlich das Bewusstsein. Stefanie wird panisch. Wieder ein Gehirnschlag? Wolfgang muss weitere fünf Tage im Klinikum bleiben, geht anschließend sofort zu seinem Hausarzt. Der überweist ihn an einen Aachener Neurologen. Wolfgang schildert ihm, was passiert ist. „Er sagte: ,Das gefällt mir nicht‘“, erinnert sich Wolfgang. Zu schnell habe er die Auswirkungen des Gehirnschlags weggesteckt – wenn es denn einer war.

Stefanie zündet sich eine weitere Zigarette an. Sie ist seit der Krankheit ihres Mannes in psychologischer Behandlung, kann nicht arbeiten gehen. Der Aschenbecher, der vor ihr steht, ist randvoll. Wolfgangs Erzählung stockt immer wieder, der 63-Jährige sucht nach Worten, gestikuliert mit den Armen und fragt Stefanie: „Wie sagt man noch?“ Das sei normal, versichert er. Die Wörter sind zwar da, aber er findet sie nicht auf Anhieb. Es sind die Momente, in denen er und seine Frau daran erinnert werden, was hinter ihnen liegt.

Der niedergelassene Neurologe ist sich sicher: Wolfgang hatte keinen Gehirnschlag. Zur Sicherheit hält er Rücksprache mit den Ärzten im Klinikum. Wolfgang soll in zwei Wochen wiederkommen. Es beginnt eine Zeit der Ungewissheit. „Das war die Hölle“, sagt Stefanie und vergräbt das Gesicht in ihren Händen. An Wolfgang ziehen die 14 Tage wie in Trance vorbei. Das Wort Krebs schwebt ständig über ihnen, keiner traut sich, es auszusprechen. Dann die Diagnose: ein Hirntumor. Sieben Zentimeter Durchmesser. Er drückt auf die linke Gehirnhälfte. „Es bricht eine Welt zusammen“, sagt Stefanie. Kein bestimmtes Gefühl, keine Angst, keine Reaktion – nur Leere. Und die quälende Frage: Warum ich? Ob gut- oder bösartig steht zu diesem Zeitpunkt noch nicht fest. Für Wolfgang beginnt ein Untersuchungsmarathon.

Schließlich sind sich die Ärzte sicher, dass der Tumor gutartig sein muss. „Sie sagten, dass er nicht gewachsen ist und sich auch nicht bewegt hat“, erinnert sich Wolfgang an das Gespräch. Auf die Idee, den Tumor zu entfernen, kommt niemand. Schließlich kehrt Wolfgang nach Hause zurück. Halbjährlich muss er nun zum Neurologen zur Kontrolle. 2009 werden die Abstände größer, nur noch einmal im Jahr muss er den Tumor kontrollieren lassen. Wolfgang geht wieder arbeiten, seine Frau kommt mehr und mehr zur Ruhe. Bis zum Frühjahr 2010. Im März soll die erste jährliche Untersuchung stattfinden. Auf dem MRT-Bild ist klar zu erkennen: Der Tumor hat seine Position verändert. Sofort ist klar: Es muss so schnell wie möglich operiert werden.

Wieder zündet sich Stefanie eine Zigarette an. Regelmäßig muss sie Tabletten nehmen, damit sie den Tag übersteht. „Ich bestand nur noch aus Angst“, sagt sie. Sie versucht, stark zu sein. Aber irgendwann klappt das nicht mehr. Sobald ihr Mann nicht an ihrer Seite ist, hat sie Angst. Manchmal zittert sie heute noch am ganzen Körper, wenn sie das Martinshorn hört. Trotzdem hat sie ihrem Mann Kraft gegeben. Wenn sie nicht da gewesen wäre, wäre er zerbrochen.

Schon wenige Tage später steht der OP-Termin fest. Wolfgang und seine Frau fahren nach Hause, packen ein paar Dinge für den Krankenhausaufenthalt zusammen. Als sie am Tag der OP im Klinikum ankommen, empfängt sie eine Ärztin. Sie sagt, die OP könne nicht stattfinden, zumindest nicht heute. Der Grund: Bei der Vorbereitung auf die OP haben die Ärzte festgestellt, dass Wolfgang beidhändig ist. Das heißt, wäre der Tumor, wie in solch einem Fall üblich, bei einer Vollnarkose vollständig entfernt worden, wäre Wolfgangs linke Gehirnhälfte und damit die Motorik seiner linken Hand zerstört worden. Also verlassen Wolfgang und Stefanie das Klinikum wieder. Immer noch unwissend, ob es ein guter oder doch böser Tumor ist.

Eine Woche später wird Wolfgang vom Oberarzt zu einem Gespräch eingeladen. Er erklärt ihm, dass es eine Möglichkeit gibt, ihm zu helfen: eine Wach-OP. Das ist ein außergewöhnlicher Eingriff, bei dem einem Patienten im wachen Zustand ein Tumor entfernt wird. Wolfgang zögert keine Sekunde. Er willigt in die OP ein. Der Erleichterung folgt Ernüchterung: Im Klinikum gibt es einen Arzt, der diese OP ausführen kann. Der aber ist erst in einem halben Jahr wieder in Aachen. Jetzt entlädt sich bei Wolfgang all das, was sich in den vergangenen Monaten angestaut hat. Erstmals bricht er zusammen und weint. Wieder beginnt eine Zeit der Ungewissheit, wieder stellen sich Wolfgang und Stefanie die quälenden Fragen. Hinzu kommt nun: Ist der Tumor weiter gewachsen bis zur OP im August 2010? Oder hat er Metastasen gebildet? Wird die OP noch rechtzeitig stattfinden? Ihnen läuft die Zeit davon.

Sechs Stunden im OP

Einige Monate später. Am Tag der OP nimmt sich Stefanies Tochter frei. „Sie wollte mich ablenken, aber das war eigentlich alles für die Katz“, sagt die 56-Jährige und drückt mit zittriger Hand die Zigarette aus. Sechs Stunden dauert die Operation. Sechs Stunden, in denen Stefanie alle möglichen Szenarien durch den Kopf gehen. Nach der Entnahme einer Gewebeprobe steht drei Tage später fest: Der Tumor ist gutartig. „Es war, als würde mein Leben noch mal neu beginnen“, erinnert sich Wolfgang. Nach zwei Wochen wird er entlassen.

Man könnte meinen, dass die Geschichte damit zu Ende ist. Aber es geht weiter. In den nächsten Monaten prasselt es regelrecht auf Wolfgang und Stefanie ein. Antrag auf Reha, Schreiben der Krankenkasse, Forderungen der Rentenversicherung, Post vom Arbeitsamt. Wolfgang und Stefanie sind – wie jeder Mensch es in solch einer Situation wäre – überfordert. Die Energie, die sie dafür investieren müssen, fehlt ihm anderer Stelle. Das ständige Hin und Her mit den Behörden ist nicht gut für Wolfgangs Gesundheit. Dabei geht es doch genau darum: gesund werden.

Heute ist Wolfgang zu 100 Prozent schwerbehindert und seit über anderthalb Jahren krankgeschrieben. Bald wird er die Rente beantragen. Obwohl er genau das lange Zeit nicht wollte. „Das Einzige, was ich wollte, war, wieder arbeiten zu gehen.“ Den Ärzten macht er keinen Vorwurf. „Nur die Sache mit den Behörden, das war grausam.“ Er weiß nicht einmal mehr, was ihn mehr Kraft gekostet hat: seine Krankheit oder der daraus resultierende bürokratische Dschungel.

Eigentlich wollte Wolfgang ein Buch über seine Geschichte schreiben. Dabei geht es ihm nicht um seine Person. Er weiß, dass es tausende Menschen gibt, denen Schlimmeres widerfahren ist. Aber er hatte Glück – er hat überlebt. Er hatte die Kraft, durchzuhalten. Er hat trotz Behörden-Wirrwarrs nicht die Orientierung verloren. Zum Buch hat es zwar nicht gereicht, aber seit seiner Sprachstörung besitzt Wolfgang einen kleinen Notizblock. Anfangs hat er ihn genutzt, um Dinge aufzuschreiben, damit er sie nicht vergisst. Zum Beispiel, was er sich im Krankenhaus zu essen bestellte. Es ist zu einer Art Tagebuch geworden. Was er Anfang des Jahres eintragen wird, weiß er noch nicht. Dann hat er seinen nächsten Nachsorgetermin.

(alle Namen von der Redaktion geändert)

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