Aachen - Dialekte machen nicht an Staatsgrenzen halt

Dialekte machen nicht an Staatsgrenzen halt

Von: Katharina Menne
Letzte Aktualisierung:
Dialekt
Dialekte machen nicht an Staatsgrenzen halt. Das zeigen Sprachstudien von Experten im Dreiländereck. Foto: Symbolbild dpa

Aachen. Der Dürener lutscht „Bröckskes“, der Eifeler „Kamelle“, der Aachener genau wie der Kerk­rader und der Heinsberger „Klömpchen“, der Ostbelgier „Schicke“. Die Rede ist vom „Bonbon“. Für dieselbe Süßigkeit gibt es allein vier verschiedene Dialektwörter diesseits wie jenseits der deutsch-niederländisch-belgischen Gren­ze.

Andererseits heißt „Wasser“ für alle Dialektsprecher der Region „Wasser“, obwohl es im Niederländischen „water“ und im Französischen „eau“ heißt. Welchen Einfluss also haben Staatsgrenzen auf die Grenzsprachen und ihre Entwicklung? Und was bedeutet das für die Sprecher?

Mit solchen Fragen beschäftigen sich Sprachwissenschaftler und Dialektforscher im Dreilän-dereck schon seit geraumer Zeit. Eine Tagung im Aachener August-Pieper-Haus brachte jetzt die Experten zusammen. Unter dem Titel „200 Jahre Sprachgrenze (1815-2015) – Die Westgrenze des Rheinlandes als Sprachgrenze“ referierten Wissenschaftler aus Deutschland, Belgien und den Niederlanden zu den Gemeinsamkeiten und Unterschieden der Dialekte im Grenzgebiet.

Deutsch in Limburg lange üblich

Die westliche deutsche Staatsgrenze, die das Rheinland von Belgien und den Niederlanden trennt, ist noch recht jung. Die niederländisch-deutsche Grenze wurde im Zuge des Wiener Kongresses im Jahr 1815 gezogen und feiert somit dieses Jahr ihren 200. Geburtstag. Die Grenze zur Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens wurde dagegen erst nach dem Zweiten Weltkrieg gezogen. Es lässt sich also an diesen Beispielen recht leicht verfolgen, welche Auswirkungen Grenzen auf Sprachen haben und wie sie die Sprecher verändern.

Insbesondere die niederländische Provinz Limburg mit ihrer bewegten politischen Geschichte ist ein beliebter Forschungsgegenstand der Sprachwissenschaftler. Ann Marynissen, Professorin für Niederlandistik an der Universität Köln, ist eine von ihnen. „Die wenigsten Rheinländer wissen, dass in Teilen von Limburg das Deutsche lange Zeit Kultursprache war“, sagt sie. „Es ist ein besonders interessantes Stück rhein-maasländischer Sprachgeschichte.“ In den letzten 200 Jahren gehörte Limburg mal zum Königreich der Niederlande, mal zu Deutschland und kurzzeitig sogar zu Belgien. Zwischen 1839 und 1866 waren die Limburger sogar gleichzeitig Niederländer und Deutsche.

So verwundert es nicht, dass die Dialekte von Kerkrade und Vaals nahe der deutschen Grenze von deutschem Einfluss geprägt sind und zu den sogenannten ripuarischen Mundarten gehören – ebenso wie auch das Öcher Platt in Aachen und die Dialekte in Düren und Köln. Der Dialekt des etwas nördlicher liegenden Heinsbergs gehört dagegen schon zum niederfränkischen Dialektraum und weist umgekehrt Ähnlichkeiten zum Niederländischen auf.

Die Ähnlichkeiten zum Deutschen werden beim Kerkrader Dialekt besonders deutlich. Ton van de Wijngaard, Sprachforscher beim Huis voor de Kunsten Limburg in Roermond, stellt dazu fest: „Kerkrader Wörter wie Ziedonk (Zeitung), Jeländer (Geländer) oder Zog (Zug) klingen sogar für Sprecher anderer limburgischer Dialekte so fremd, dass der Dialekt Kerkrades oft als deutscher Dialekt abgestempelt wird.“ Der deutsche Einfluss habe sich etwa bis zum ersten Weltkrieg gehalten, danach habe das Niederländische die Oberhand gewonnen. In Vaals sei der Einfluss des Deutschen sogar erst in den 50er Jahren abgeebbt.

Bei den Dialekten der Deutschsprachigen Gemeinschaft (DG) Belgiens beobachten die Experten eine Zweiteilung – mit dem Hohen Venn als Dialektgrenze. Im Norden der DG, oberhalb des Hohen Venns, gibt es große Ähnlichkeiten zum ripuarischen Sprachgebiet, die Dialekte des südlichen Teils der DG gehören dagegen, wie auch die der südlichen Eifel, zu den moselfränkischen Mundarten.

Damit lässt sich zumindest teilweise die unter Dialektforschern weit verbreitete These bestätigen, dass physische Hindernisse, wie in dem Fall das Hohe Venn, natürliche Sprachgrenzen sind. Während der Raerener im Norden „Erdappel“ sagt, wenn er von der Kartoffel spricht, heißt es in Bütgenbach „Jrompere“. Der Eupener, der sehr nah an der Grenze zum französischsprachigen Teil Belgiens wohnt, sagt hingegen „Kropette“.

Es lassen sich noch zahlreiche weitere Beispiele finden, wie Boteram/Bottisch/Taart für ein belegtes Brot oder Lamp/Luut für die Lampe. Diese Ergebnisse entstammen einer umfangreichen Dialektstudie von Robert Möller, Professor für Deutsche Sprache und Linguistik an der Universität Lüttich, und seiner ehemaligen Mitarbeiterin Sandra Weber. Sie befragten für ihren „Kleinen Dialektatlas von Ostbelgien“ knapp 1700 Dialektsprecher aus Ostbelgien und den angrenzenden Sprachgebieten.

Über die Dialektergebnisse hinaus traten während der Tagung auch andere Besonderheiten des ostbelgischen Deutsch zutage. So sind im Alltag der Ostbelgier Begriffe wie „Bic“ (Kugelschreiber) oder „Farde“ (Hefter) völlig selbstverständlich, während auf der anderen Seite der Grenze in Aachen oder Monschau mit diesen Worten kaum jemand etwas anzufangen weiß. Darüber hinaus gibt es zahlreiche Lehnübersetzungen aus dem Französischen, wie „Vollteppich“ für Teppichboden oder „Studienbörse“ für Stipendium. Der Sprachwissenschaftler nennt ein solches Phänomen „gemischt einsprachig“.

Dialekt erzählt Geschichte

Der Kerkrader dagegen spricht mittlerweile ausschließlich Niederländisch. Die Staatsgrenze hat sich zur Sprachgrenze entwickelt. Nur der Dialekt verweist noch darauf, dass Kerkrade in der Vergangenheit mal zu Deutschland gehörte. Doch auch hier lösen sich die Dialekte mehr und mehr auf. Die Sprache befindet sich in einem steten Wandel, vermischt und verändert sich – Spracheinflüsse ändern sich. War es in Grenzgebieten einst üblich, zwei Sprachen zu sprechen, um sich zu verständigen, gibt es heute unter den Jugendlichen meist nur noch eine gemeinsame Sprache, nämlich Englisch. So muss man sich zumindest nur noch ein Wort für Bonbon merken: „Goody“.

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