Deutschsprachige Gemeinschaft Belgiens wird 25 Jahre alt

Von: Axel Borrenkott
Letzte Aktualisierung:
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Eigene Identität: Den Autoaufkleber, den Ministerpräsident Karl-Heinz Lambertz 2002 verbreitete, fanden nicht alle in der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens witzig. Auf vielen Autos landete er dennoch. Foto: dpa

Eupen. Wer in die Deutschsprachige Gemeinschaft Belgiens mit dem Auto eindringen will, kann sich schon mal in jener Geduld üben, die dieses immer noch rätselhafte Gebilde ansonsten so grundsympathisch macht.

Der gemeine Ostbelgier fährt nämlich schon weit vor der Grenze mit konstant 47 km/h vor einem her. Das ist auch schlau, denn die erste belgische rechts-vor-links-Kreuzung kommt schneller, als man glaubt. Außerdem sind die Knöllchen dort happig. Hat man dann, beispielsweise, den Supermarkt GB in Kelmis - das auch La Calamine und zudem Neu-Moresnet heißt, was aber eigentlich Neutral-Moresnet meint - und speziell die dortige Fleischtheke erreicht, kann man die gerade eingeübte Geduld schon gut gebrauchen.

In Kelmis kennt nämlich jeder jeden. Außerdem isst der Ostbelgier, der ja auch noch wallonischer Bürger ist, gerne Fleisch. Schon drei Gründe, sich etwas länger zu unterhalten. An der Kasse geht das Palaver dann weiter, nicht selten auch auf Französisch, öfter noch im Kelmiser Platt.

Hin und her in der Geschichte

Deutschsprachige Gemeinschaft Belgiens, Ostbelgien, Wallonie: Ja, was ist denn nun richtig? Alles - und das ist kein kleines Problem im ohnehin von Anfang an um Identität ringenden Belgien mit seiner so komplizierten Verwaltungsstruktur. Drei Gemeinschaften, vier Sprachgebiete, drei Regionen, von denen zwei das ganze Land zu sprengen drohen.

Nicht zu Unrecht darf sich die Deutschsprachige Gemeinschaft (DG), der allerkleinste Teil des Königreichs, gerade im Moment als der eigentliche Wahrer einer belgischen Identität fühlen. Nüchterner betrachtet handelt es sich dabei um einen pragmatischen Pragmatismus, man hat(te) keine andere Wahl.

Die Minderheit der derzeit 74000 Deutschsprachigen - 0,7 Prozent der belgischen Bevölkerung - hat lange Zeit niemand inner- und außerhalb Belgiens interessiert. „Wir waren ständig in der Minderheit”, schreibt der Eupener Autor Michael Dujardin.

Dabei steht das 60 Kilometer lange und bis zu 25 Kilometer breite Grenzland am oberen Rand der Wallonie durchaus für ein Kapitel, wenn auch nicht das dramatischste, der Risse in der europäischen Geschichte. Seit jeher von fremden Herren beherrscht, wurden die Gebiete um Eupen, Malmedy und St. Vith auf dem Wiener Kongress 1815 Preußen zugeschlagen - bis auf einen Teil des heutigen Kelmis, das bis zum ersten Weltkrieg neutral blieb, eben jenes Neutral-Moresnet.

Die dann sogenannten Ostkantone wurden nach dem ersten Weltkrieg wieder von Belgien in Besitz genommen, was höchstwahrscheinlich die Mehrheit der Bevölkerung nicht wollte. 1940 verleibte sich das Deutsche Reich das Gebiet ein, seit 1945 ist es wiederum belgisch. Drei Nationalitätswechsel innerhalb von 25 Jahren vor - und mehrere Grenzverschiebungen unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg, das spielt in vielen Familien und Nachbarschaften heute noch eine Rolle.

Erst 1973 bekam das deutsche Element einen Titel, indem der „Rat der deutschen Kulturgemeinschaft” eingesetzt wurde, der aber wenig zu sagen hatte. Als eigentlicher Gründungstag der Deutschsprachigen Gemeinschaft gilt der 30. Januar 1984.

Seither bestehen ein gewähltes Parlament und eine Regierung, die zusammen eine - Stück um Stück gewachsene - Autonomie auf wichtigen Gebieten ausmachen: Kultur, Unterrichtswesen, Familie, Jugendhilfe, Beschäftigung, Kommunalaufsicht sind Kompetenzen der DG, die sogar Verträge mit anderen Staaten abschließen darf. Milde einheimische Spötter nennen die DG auch schon mal die „bestgeschützte Minderheit der Welt”, täglich von oben bis unten, minutiös und liebevoll begleitet von der deutschsprachigen Zeitung Grenz-Echo.

Rundum, so lobt sich deren Regierung ungestraft selbst, sei die DG „eine Erfolgsgeschichte”, die der ausgesprochen rührige und in jeder Ecke bekannte Ministerpräsident Karl-Heinz Lambertz, auch gerne in Berlin oder Köln mit ausgiebigen Präsentationen zum Geburtstag anpreist: „25 Jahre Deutschsprachige Gemeinschaft, das riecht ein bisschen nach Geschichte.” Der mal mehr, mal weniger beleibte Vollblutpolitiker brachte auch vor sieben Jahren einen eigenen Autoaufkleber „DG” unters Volk. Das fanden nicht wenige peinlich, viele pappten ihn aber auf den Wagen.

Womit wir wieder bei der Identität wären. Was also macht die DG aus? Man spricht (in erster Linie) Deutsch, weiß mit größerer Sicherheit, dass Angela Merkel Bundeskanzlerin ist als den Namen des augenblicklichen belgischen Ministerpräsidenten.

Aber man ist nicht mehr deutsch. Das wird einem normalerweise kein Ostbelgier mehr um die Ohren hauen, doch man sollte nicht „deutsche Belgier” oder „Deutsch-Belgier” sagen. Gar nicht glücklich ist man auch darüber, dass etwa deutsche Reiseführer von Raeren bis St. Vith alles unter „Lütticher Land” abhandeln. Ein von oben bis unten schönes Land gleichwohl, vom Eupener Butterländchen bis zum Hohen Venn, zu Eifel und Ardennenrand im Süden.

Verein und Karneval

Der richtige Ostbelgier pflegt seinen Vorgarten wie eine Gedenkstätte, wäscht seinen unauffälligen Kleinwagen etwas öfter als der zugezogene deutsche Nachbar - an die 10.000 deutschstämmige Migranten genießen die relativ günstigen Immobilienpreise in der DG - und klagt auch weniger als dieser über wirtschaftliche und andere Katastrophen. Man ist, alles in allem, ein bisschen gemütlicher, nutzt und toleriert Rasenmäher auch sonntagsnachmittags, und ist mindestens so viel Vereinsmeier und Karnevalist wie der Rheinländer. Nur streckenweise ein klein wenig langsamer ...

Die Deutschsprachige Gemeinschaft im komplizierten Bundesstaat Belgien

Belgien ist seit 1993 ein Bundesstaat, gegliedert in: Drei Regionen (Flandern, Wallonie, Brüssel), drei Sprachgemeinschaften (Flämische, Französischsprachige, Deutschsprachige), vier Sprachgebiete (die Hauptstadt Brüssel ist offiziell zweisprachig) und zehn Provinzen.

Die Deutschsprachige Gemeinschaft (DG) ist also keine Region - was die Regierung sich aber für die Zukunft vorstellt - und liegt auf dem Territorium der Provinz Lüttich, Region Wallonien. Ostbelgier sind also auch wallonische Bürger.

Das Gebiet der DG umfasst 854 Quadratkilometer, drei Prozent der Fläche Belgiens, hat rund 74.000 Einwohner, 0,7 Prozent der gut zehn Millionen Belgier, und reicht im Norden vom Dreiländereck bei Aachen bis Luxemburg im Süden. Nord-Süd sind es knapp 60 Kilometer, Ost-West bis zu 25 Kilometer.

Hauptstadt und Sitz der Regierung der DG ist Eupen (rund 17.500 Einwohner), die größeren der acht weiteren Gemeinden sind: Kelmis (10.300), Raeren (10.000, fast zur Hälfte Deutsche), St. Vith (9000) und Bütgenbach (5500).

Zum 25-jährigen Jubiläum der DG hat die Regierung unter Ministerpräsident Karl-Heinz Lambertz rund 30 Veranstaltungen organisiert, die sich über sieben Monate (seit September) erstrecken, überwiegend aber Fachtagungen. Der offizielle Festakt am 30. Januar findet in geschlossener Gesellschaft statt.

Die größte öffentliche Jubiläums-Veranstaltung ist die „Nacht der Offenen Gemeinschaft” am 20. März in Eupen. Dabei stellen sich die Institutionen der DG vor, mit großen Unterhaltungsprogramm.

„Neue Blicke auf Ostbelgien”, so der Untertitel, verschafft(e auch dem Autor dieses Artikels) das Buch „Wer bist Du?”, Grenz-Echo Verlag, Eupen.

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