Deutschprachige Gemeinschaft in Belgien besteht auf ihrer Identität

Von: Hermann-Josef Delonge
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FOTO: HARALD KRÖMER DATE: 13.07.2017 Strassenschilder in Ost-Belgien, Wallonie
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FOTO: HARALD KRÖMER DATE: 11.06.2014 Oliver Paasch, Ministerpräsident der DG, Belgien JOB: Paasch 5

Eupen. Also doch nur ein Sturm im Wasserglas? Man kann den Eindruck gewinnen angesichts der Bemühungen der Beteiligten in Eupen und Namur, den Ball flach zu halten. Dabei hatte es ordentlich gerumst zwischen der Deutschsprachigen Gemeinschaft (DG) und der Wallonischen Region. Die Angelegenheit weist der DG den Platz an, den sie seit Jahrzehnten besetzt: zwischen den Stühlen.

Das war passiert: In einem Ausschuss des wallonischen Parlaments in Namur hatte die ostbelgische Abgeordnete Jenny Baltus-Möres bei Regionalminister Maxime Prévot angefragt, ob er der Deutschsprachigen Gemeinschaft die Genehmigung erteile, Schilder mit der Aufschrift „Willkommen in Ostbelgien“ an den Autobahnen auf deutschsprachigem Gebiet (für die die Wallonische Regierung zuständig ist) aufzustellen. Prévot hatte dies abgelehnt, nur Schilder mit der Aufschrift „Willkommen in der Wallonie“ seien erlaubt.

„Kleine Splittergruppe“

Es entspann sich eine Diskussion über die kulturelle Identität der Menschen der DG, in deren Verlauf der Minister diesen vorwarf, sie verleugneten ihre wallonische Identität. Denn genau dies seien sie: „deutschsprachige Wallonen“, auch wenn es eine „kleine Splittergruppe“ gebe, die es gar nicht möge, wenn man sie daran erinnere. Die Abgeordnete hatte ihm widersprochen.

Die Replik aus der DG kam prompt. Prévots Äußerungen seien „beschämend“ und „borniert“, hieß es querbeet durch alle Parteien. Auch Ministerpräsident Oliver Paasch nahm sich den Minister vor: „Herablassende Belehrungen wie diejenigen von Prévot sind arrogant und wenig hilfreich“, ließ er sich zitieren.

Prévot ist mittlerweile zurückgerudert und übt sich in einer Pressemitteilung in feiner Differenzierung (institutionell seien die deutschsprachigen Gemeinden dem wallonischen Grundgebiet einverleibt, kulturell respektiere er „selbstverständlich“ das Trachten der Bürger dort, sich zuerst als Belgier und Europäer zu fühlen). Baltus-Möres betont, die Reaktionen seien im Ton schärfer als die Auseinandersetzung im Ausschuss. Paasch erklärt, er wolle die Angelegenheit auf sich beruhen lassen. Und trotzdem: Es zeigt sich, wie schwierig und konfliktträchtig jede Debatte um das Selbstverständnis der Menschen in der DG ist.

Mit ihren rund 77.000 Einwohnern (gut 11.000 davon sind deutsche Staatsbürger) ist sie die kleinste der (Sprach-)Gemeinschaften im Königreich; der Einschätzung, im Rest des Landes werde sie so gut wie gar nicht wahrgenommen, widerspricht ernsthaft niemand. Umso energischer pochen die Menschen dort auf die Souveränität, die ihnen in diesem komplexen Staatskonstrukt, das Belgien mit seiner Bundeslegislative, seinen Gemeinschaften, Regionen und Provinzen ist, per Verfassung zusteht. Diese Vielseitigkeit macht den Charme des Landes aus, diese Kleinteiligkeit das praktische Leben aber mitunter kompliziert. Hinzu kommt, dass sich Wallonen und Flamen traditionell nicht grün sind. Das hat bereits mehrfach zu veritablen Staatskrisen geführt.

Die DG versucht, sich aus diesen Händeln herauszuhalten. Hört man sich bei den Menschen dort um, wird eines klar: Sie fühlen sich wohl mit ihrer Grenzsituation zu Deutschland, den Niederlanden, Luxemburg und der Wallonie und grenzen sich gleichzeitig von den Nachbarn ab. Die kulturelle, vor allem sprachliche Identität ist ihnen näher und wichtiger als die politisch-institutionelle; das kann dazu führen, dass die französischen Ortsnamen auf zweisprachigen Schildern übersprüht werden. Sie genießen es, dass bei ihnen so unterschiedliche Einflüsse zusammenkommen.

„Wir rechnen wie die Deutschen, wir leben wie die Franzosen“, sagt der Ministerpräsident gerne. Vielleicht auch deshalb bekennen sie sich so offensiv zum föderal strukturierten Belgien. Der Historiker Carlo Lejeune, Leiter des Zentrums für Ostbelgische Geschichte in Büllingen, attestiert ihnen sogar, föderalistischer zu denken und zu handeln als die Flamen und Wallonen.

„Weder Deutsche noch Wallonen“

„Sie sind eine kulturelle Minderheit; deshalb ist es für sie umso wichtiger, angebunden zu sein und gleichzeitig ihre negative Identität zu betonen, die da lautet: Wir sind weder Deutsche noch Wallonen. Prévots Äußerungen lassen den Schluss zu, dass er das nicht versteht. Das war in höchstem Maße unsensibel“, sagt Lejeune. Sein Blick auf das gesamte Land ist eher ernüchternd: „Vielen belgischen Politikern mangelt es an föderalistischer Überzeugung. Das unterscheidet uns von der Schweiz. Und das macht es manchmal so schwierig.“

„Unsensibel“: Dieses Wort benutzen auch Oliver Paasch und Jenny Baltus-Möres, wenn sie über Prévot sprechen. Höher wollen sie die Angelegenheit nicht mehr hängen. Wobei: Der Ministerpräsident kann seine Genugtuung darüber, dass der wallonische Minister für seine Äußerung auch von französischsprachigen Medien attackiert wurde, nicht verhehlen. Nun müsse man sehen, wie ernst es Prévot mit der Relativierung der eigenen Worte sei, sagt er.

Und die Abgeordnete im Parlament von Namur schiebt nach, sie beobachte durchaus ein „permanentes Kräftemessen“ zwischen Wallonen und Deutschsprachigen. Aber auch ihr ist es letztlich wichtig zu betonen: „Die Bürger in der DG wollen in ihrer Identität verstanden und respektiert werden.“

Geschieht dies, richten sie sich durchaus bequem ein auf ihrem Platz zwischen den Stühlen.

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