Deutscher Brauch, belgischer Fußballtaumel

Von: Tobias Müller
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Riesenjubel in Eupen beim Public Viewing. Foto: Ivo Mayr

Eupen. Köpfchen. Der Grenzübergang. Auch zu WM-Zeiten ändert sich nicht viel, wenn man nach Belgien fährt. Fahnen beiderseits, die Farben bleiben die gleichen, nur ihre Anordnung verschiebt sich. Geflaggt hat man in der Deutschsprachigen Gemeinschaft schon eine ganze Zeit.

Eupen, Raeren & Co. stehen in diesem Frühsommer im Zeichen des Teufelsdreizack. Nach zwölfjähriger Turnierenthaltsamkeit ist Belgien wieder bei einer WM dabei. Algerien ist der erste Gegner.

Francis Eussen, der in Welken­raedt ein Sportgeschäft betreibt, sagt, in Ostbelgien boome der Handel mit Fan-Artikeln. Noch nie waren die Teufels-Devotionalien so sexy wie 2014. „So etwas habe ich in den 32 Jahren, seitdem dieses Geschäft besteht, noch nicht erlebt.“ Das Feuer wird geschürt: Erstmals richtete man in Eupen im Oktober ein Public Viewing aus. Zum entscheidenden Qualifikationsspiel in Kroatien bediente man sich des in Belgien eigentlich unbekannten fußballkulturellen Brauchs aus Deutschland, wo die geneigten Ostbelgier gemeinhin ihre Lieblingsklubs haben. Nur beim Thema Nationalmannschaft schlägt das Herz seit jeher für die Teufel – und nicht selten gegen den großen Nachbarn.

Die Roten Teufel und der König

Drei Stunden vor Anpfiff ist ein Strom teuflischer Flanierer zum Public-Viewing-Gelände in gang gekommen. Gewiss, auf dem Aachener Tivoli waren es am Montag beim Deutschland-Spiel gegen Portugal 5000 Fans, in Eupen werden es einen Tag später 1000 werden. Doch der Platz an der unteren Bergstraße mit seinem „Clown“ genannten Karnevals-Denkmal läuft voll. Drinnen im Café Columbus lässt man sich davon wenig beeindrucken. Zwei Senioren sitzen auf der roten Eckbank, unter dem Poster der sechsköpfigen königlichen Familie und dem riesigen Mannschaftsfoto mit der Aufschrift „Op weg naar Rio“. Sie kraulen den kleinen Hund, der zwischen ihnen auf der Bank liegt, und diskutieren zu Pils und Tongerlo-Starkbier den Auftritt der Deutschen. Was die belgische Mannschaft betrifft, nimmt hier das Wort „Geheimfavorit“ kaum einer in den Mund.

Zweifel am Sieg gibt es im Übrigen kaum. Auch nicht bei Christoph Henkel, dem Sportdirektor der AS Eupen. Seine Wangen zieren zwei belgische Flaggen. „Na klar“, lacht der Kölner, „das muss sein heute“. Ein paar Meter weiter stehen ein paar ehemalige Jugendspieler der AS, inzwischen in den Dreißigern angekommen. „350 Millionen Euro, das sagt doch alles!“, sagt Zeco zum Marktwert der belgischen Auswahl. Zeco trägt ein Trikot mit der Aufschrift „Mexico 86“. Erinnerung hat er keine an den größten WM-Coup der Roten Teufel mit Platz vier.

„Da war ich erst vier“, lacht er. Alain Brock greift auf dem Platz zum Mikrofon, früher Karnevalsprinz, heute Präsident des Eupener Teufel-Fanclubs, und als Stadtmarketing-Ratschef Mädchen für Alles beim Public Viewing. Seine Stimme überschlägt sich fast, als er die Fans mit einem „dreifachen Zickezacke“ auf das Match einschwört. „Heiheihei“, dröhnt es zurück. Als die Teufel das Match zum 2:1-Sieg drehen, dröhnt statt „Zickezacke“ und „Heiheihei“ zu schmierigen Kirmesbeats „Allez Les Belges“. Am Ende rollt ein Autokorso durch Eupen. Fahnenschwingend schießt man oben beim Bahnhof um die Kurven, die Hügel herunter ins Zentrum. Auch ein Aachener Kennzeichen ist dabei. Warum auch nicht – die Farben sind ohnehin fast die Gleichen.

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