Aachen/Reims - Deutsch-französische Freundschaft: Händedruck für alle Zeiten

Deutsch-französische Freundschaft: Händedruck für alle Zeiten

Von: Andrea Zuleger
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Reims
Hier spielt sich das Leben ab: Place Drouet d'Erlon im Zentrum von Reims. Hier steht auch der monumentale Brunnen Subé mit dem goldenen Engel. Foto: Andreas Hermann
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Noch eine Gemeinsamkeit mit der Partnerstadt Reims: die historische Bausubstanz, die den beiden Städten so viel Atmosphäre gibt – wie hier der Aachener Markt. Foto: imago stock&people
Kathedrale Reims
Die Kathedrale in Reims ist eine der bedeutendsten gotischen Kirchen Frankreichs: Hier wurden über mehrere Jahrhunderte die französischen Könige gekrönt. Foto: Andreas Hermann
Aachen Reims
Aachen und Reims sind rund 300 Kilometer voneinander entfernt. Foto: www.mapz.com
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Das Rathaus in Aachen: Bei Sanierungsarbeiten am Aachener Rathaus fanden Archäologen Mauerreste des Palastbaus, der Aula Regia, wie die Stadt am Mittwoch mitteilte. Foto: dpa/Oliver Berg

Aachen/Reims. Es ist eine Freundschaft, die inzwischen 50 Jahre zurückreicht und die viele tausend Aachener nach Reims und ebenso viele Reimser nach Aachen gebracht hat. Genau heute vor 50 Jahren wurde der Partnerschaftsvertrag zwischen Aachen und Reims unterschrieben.

Dass die Freundschaft zwischen den beiden Hochschulstädten, zwischen der Champagnerstadt im Norden Frankreichs und der Stadt des Thermalwassers im äußersten Westen Deutschlands nicht nur auf dem Papier besteht, davon zeugen viele Besuche, Bilder, Anekdoten. Und sie gründet sich seit Karl dem Großen auf eine lange gemeinsame Geschichte als Krönungsstädte und auf eine ähnliche Entwicklung: Denn beide Städte – sympathisch, lebenswert und historisch – haben nicht nur Geschichtsträchtiges, sondern daneben durch Forschung und Technik auch viel Zukunft zu bieten.

Jung ist auch ihre Partnerschaft in den 50 Jahren geblieben. Wie viele Schüler sich gegenseitig in den Städten besucht haben, wie viele Familien sich kennengelernt haben und wie viele deutsch-französische Ehen auf diese Weise entstanden sind, weiß niemand so genau zu sagen. Aber jenseits aller persönlichen Kontakte hatte die Partnerschaft von Anfang an zudem eine hohe europäische Bedeutung. „Deutschland und Frankreich sind die Motoren der Europäischen Union. Die Partnerschaft dient der Völkerverständigung und damit vor allem der Erhaltung des Friedens zwischen den Nationen“, sagt Georg Schmidt, der seit 2014 Vorsitzender des Partnerschaftskomitees in Aachen ist.

Für die heutige Generation ist die Freundschaft und der gegenseitige Respekt zwischen Deutschland und Frankreich eine Selbstverständlichkeit, doch das war zu der Zeit der Entstehung der „Jumelage“ eine völlig andere Lage. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg waren die Kriegsgegner tief verfeindet. Zwar gab es schon in den 50er Jahren Bestrebungen von Kriegsheimkehrern, sich mit dem Nachbarn auszusöhnen und durch persönliche Kontakte Freundschaften zu schließen, wie Wolf Steinsieck, ehemaliger Honorarkonsul und heute stellvertretender Vorsitzender des Partnerschaftkomitees weiß, doch die Gräben zwischen den beiden verfeindeten Nationen waren zu tief, um von einzelnen Bürgern überwunden zu werden.

Es brauchte erst einen Anstoß von politischer Seite: Ende der 50er Jahre treffen sich der französische Präsident Charles de Gaulle und Bundeskanzler Konrad Adenauer. Trotz politischer Unterschiede zollen sie sich gegenseitigen Respekt. De Gaulle sagt über Adenauer schließlich: „Es gibt niemanden, der geeigneter wäre, meine Hand zu ergreifen. Und niemanden, zu dem ich die meine besser ausstrecken könnte.“

Zu diesem Händedruck kommt es im Juli 1962 ausgerechnet in der Kathedrale von Reims. Dort wird mit den beiden überzeugten Katholiken eine Versöhnungsmesse für die beiden Länder gefeiert – 50 Jahre später, am 8. Juli 2012, treffen sich übrigens François Hollande und Angela Merkel in Reims wieder.

Das Treffen in der Kathedrale war die Grundlage für den Élysée-Vertrag, mit dem Deutschland und Frankreich am 22. Januar 1963 (heute der deutsch-französische Tag) die Partnerschaft besiegelten. Für die Freundschaft zwischen Aachen und Reims war das ein Motor, dennoch dauerte es weitere vier Jahre, bis die beiden Bürgermeister Hermann Heusch und Jean Taittinger in Reims ihre Unterschriften unter den Partnerschaftsvertrag setzten. „Bis dahin hatte der Aachener Journalist Helmut A. Crous viel dazu beigetragen, dass Aachen seine erste Städtepartnerschaft mit Reims gründete. Er war im Zweiten Weltkrieg Kriegsberichterstatter in Frankreich gewesen und hat sich ununterbrochen dafür eingesetzt, dass die Vorbehalte ausgeräumt wurden“, erinnert sich Wolf Steinsieck.

Wie dauerhaft sich Vorbehalte halten können, hat Steinsieck noch 2004 erfahren. Damals war mit Gerhard Schröder zum ersten Mal ein deutscher Bundeskanzler zum 60. Gedenktag der Landung der Alliierten in der Normandie eingeladen. Parallel dazu war Aachens Oberbürgermeister Jürgen Linden nach Reims eingeladen, um dort zu sprechen. Steinsieck, damals Vorsitzender des Partnerschaftskomitees, begleitete die Delegation.

„Als wir am Rathaus in Reims ankamen, flatterten dort die amerikanische, die britische, die französische und dazwischen die deutsche Fahne. Kurz darauf trat ein ehemaliger französischer Soldat an Jean-Louis Schneiter, den Reimser Bürgermeister, heran und forderte ihn auf, die deutsche Fahne herunterzunehmen.“

Schneiter habe ihn erst einmal vertröstet und versprochen, sich nach dem Festakt darum zu kümmern. „Jürgen Linden hielt dann eine bewegende Rede über die Versöhnung der Völker. Und nach dieser Rede kam derselbe alte Soldat zu Schneiter und sagte zu ihm: ,Entschuldigen Sie, Sie dürfen die Fahne hängenlassen“, erinnert sich Steinsieck. Diese Anekdote ist für ihn ein Beispiel, wie sehr es von einzelnen Menschen abhängt, ob Geschichte überwunden werden kann.

Zu dem Gelingen der Partnerschaft haben auch einige Privatleute beigetragen. Zum Beispiel Katharina Laschet. Die Aachenerin engagierte sich mit ihrem vor zehn Jahren gestorbenen Mann Gerd von Beginn an für die Partnerschaft und organisierte die persönlichen Kontakte zwischen den Bürgern. Sie suchten Gastfamilien für Reimser und schauten, dass die Gäste eine gute Zeit in Aachen verlebten und die Stadt und ihre Umgebung auch hinter den Kulissen kennenlernten.

Anfang der 90er hat das Ehepaar auch angeregt, dass sich zu dem Komitee ein Verein gründen sollte: „Denn schließlich sollte das nicht nur eine Partnerschaft der Offiziellen, sondern vor allem der Bürger der Städte sein“, sagt die heute 82-Jährige. Das ist auch heute noch so, auch wenn es für den Verein inzwischen schwieriger ist, Nachwuchs zu finden: „Die Welt ist kleiner geworden. Eine Reise in eine nur 300 Kilometer entfernte Stadt ist heute keine Besonderheit mehr.

Zudem hat die französische Sprache in den Schulen an Bedeutung verloren“, muss Georg Schmidt feststellen. Aber Wolf Steinsieck ist sich dennoch sicher, dass es gelingen wird, die Partnerschaft weiterhin lebendig zu halten: „Gerade in Zeiten, in denen es so viele antieuropäische Tendenzen gibt, müssen wir uns ins Zeug legen und uns anstrengen, damit wir dem etwas entgegenzusetzen haben.“

Das Jahr 2017 scheint wie geschaffen dafür. Zahlreiche Veranstaltungen stehen auf dem Programm: Konzerte und Karneval, Diskussionen und Kunstausstellungen, Sportevents und Open-Air-Feste. Daran teilhaben werden nicht nur die rund 500 Mitglieder der beiden Partnerschaftsvereine in Reims und Aachen, sondern vor allem die Bevölkerung.

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