Deshalb hat es Vorteile, öfter abgelenkt zu sein

Von: Christina Handschuhmacher
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„Das Allgemeinste, was wir an Informationen bekommen, ist so unwichtig, dass wir es vergessen“, sagt Neurobiologe Henning Beck. Foto: Hanser
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Vergesslich, nicht zu hunder Prozent verlässlich, oft abgelenkt: Erst die Schwächen unseres Gehirns unterscheiden uns von Maschinen und machen und kreativ, sagt der Neurobiologe Henning Beck. Foto: Armin Weigel/dpa (zu dpa-Vorausmeldung vom 02.12.2013) +++(c) dpa - Bildfunk+++

Aachen. Das Smartphone vibriert, auf dem PC blinkt eine neue E-Mail auf, ein Kollege ruft an: Gerade in unserer digitalisierten Arbeitswelt lauert an jeder Ecke Ablenkung. Doch Ablenkung – selbst ein Gang zur Toilette – kann durchaus gut für unser Gehirn sein, sagt der Neurobiologe Henning Beck.

Beck (Jahrgang 1983) arbeitet an der Universität Frankfurt und ist Autor mehrerer Bücher. Zuletzt erschien „Irren ist nützlich. Warum die Schwächen des Gehirns unsere Stärken sind“ (Hanser Verlag). Am Donnerstag hält er einen Vortrag an der RWTH. Wir sprachen mit ihm über die positiven Seiten der Ablenkung und die Herausforderungen an das Gehirn in der digitalisierten Welt.

Herr Beck, wann haben Sie das letzte Mal etwas Wichtiges vergessen und sich darüber geärgert?

Beck: Ich drehe den Spieß einfach um: Ich bemühe mich gar nicht mehr, alles zu behalten, dann ärgere ich mich auch nicht, wenn ich etwas vergesse (lacht). Es ist nicht schlimm, wenn wir Sachen vergessen.

Sie schreiben, dass nur die wenigsten Informationen in unserem Gehirn dauerhaft gelöscht werden, sondern sich in einem Wartezustand befinden. Können Sie das erklären?

Beck: Wenn das Gehirn aus Informationen Wissen machen will, muss es diese Informationen sozusagen verdauen. In diesem Verdauungszustand legt das Gehirn fest, welche Informationen für später noch einmal wichtig werden könnten und welche unwichtig sind. In dieser Phase haben wir nicht mehr bewusst Zugriff auf die Informationen, aber das Gehirn kann sehr dynamisch mit ihnen umgehen und sie kombinieren. Das Gehirn geht ganz anders vor, als wir es vielleicht persönlich tun würden. Wir heften Sachen in einem Ordner ab, und die sind dort für alle Zeit fixiert. Das Gehirn kombiniert jedoch neue Informationen ständig. Im nächsten Schritt kann daraus echtes Wissen werden. Allerdings ist das Allermeiste, was wir an Informationen bekommen, so unwichtig, dass wir es vergessen.

Aber wie lässt es sich dann erklären, dass man auch total unnützes Wissen ewig speichert? Ich weiß zum Beispiel noch die Telefonnummer meiner Grundschulfreundin, obwohl ich die seit mehr als 20 Jahren nicht mehr benutzt habe.

Beck: Wahrscheinlich war Ihnen die Telefonnummer Ihrer Grundschulfreundin wichtig. Wir merken uns nur das, was konkret für uns von Nutzen ist. Wenn wir einen emotionalen Bezug zu etwas haben oder die Information uns konkret nutzt, merken wir sie uns. Und auch unnützes Wissen ist nicht immer unnütz. In Zukunft werden die Menschen erfolgreich sein, die viel Allgemeinbildung haben, nicht die Leute, die Spezialisten sind und konkret für etwas ausgebildet wurden. Die erfolgreichsten Menschen, die Ideenträger, sind die, die sich schnell auf verschiedene Sachen einstellen können und viel wissen. Das ist genau der Unterschied zwischen denen, die die Welt verstehen, und denen, die nur Aufgaben lösen, was irgendwann auch eine Maschine machen kann.

Die Sorge, dass uns Supercomputer irgendwann ersetzen, gibt es in der Arbeitswelt in vielen Bereichen. Sie sagen, dass es gerade die Ungenauigkeit im Denken ist, die uns den Computern überlegen macht. Weshalb?

Beck: In den allermeisten Tätigkeiten benehmen sich Menschen wie Maschinen und wundern sich dann, wenn irgendwann eine Maschine kommt und sie ersetzt. Wie oft sitzt man da und tippt irgendetwas ab oder sortiert irgendetwas in Kästchen. Im Prinzip benehmen wir uns dadurch total unmenschlich, denn das ist ja nichts, was Menschen besonders gut können. Menschen können gut mit anderen kommunizieren, sich mit anderen begeistern, Ideen entwickeln, Sachen ausprobieren. Wenn man die Welt verändern will, ist das notwendig. Wenn ich ein Auto fahre, darf ich keinen Fehler machen. Aber wenn ich ein neues Auto erfinden will, dann sollte ich mir vielleicht Gedanken machen, wie ich mit den klassischen Denkregeln breche, nur so komme ich auf neue Ideen.

Stichwort Ablenkung: Laut einer Studie schauen die Deutschen durchschnittlich 88 Mal pro Tag auf ihr Smartphone. Ständig prasseln Push-Nachrichten und Mails von Freunden ungefiltert auf uns ein...

Beck: Es braucht noch nicht einmal Push-Nachrichten. Es reicht schon, wenn das Smartphone bei der Arbeit nur auf dem Schreibtisch liegt. Studien haben gezeigt, dass selbst ausgeschaltete Smartphones auf dem Tisch Menschen weniger leistungsfähiger machen.

Selbst ausgeschaltete Smartphones lenken uns ab?

Beck: Smartphones sind ja im Prinzip dafür konstruiert worden, um uns abzulenken und unsere Aufmerksamkeit zu bekommen, wenn ein Anruf eingeht oder eine WhatsApp-Nachricht ankommt. Sie sind genau so konzipiert, dass sie die Filtermechanismen, die störende Ablenkungen unterdrücken, umgehen. Wenn es blinkt, vibriert oder klingelt, bekommt das Smartphone unsere Aufmerksamkeit. Ich würde dafür plädieren, dass man Smartphones sinnvoll einsetzt und sich hin und wieder Phasen schafft, in denen man auf solche digitalen Medien verzichtet. Tun wir das nicht, werden wir zum Beispiel immer schlechter darin zu unterscheiden, was wichtig ist und was nicht.

Also muss man das Gehirn auch in einer gewissen Weise einfach schützen?

Beck: Das Gehirn braucht in dieser Form keinen Schutz, man kann es nicht überfordern, indem man den ganzen Tag am Smartphone hängt. Man sollte sich selbst aber vor Leistungsminderung schützen. Denn durch exzessiven Smartphone-Gebrauch kann es passieren, dass uns Sachen nicht mehr so gut gelingen, weil wir abgelenkt sind und nicht mehr so einfach in einen produktiven Arbeitsrhythmus kommen, in dem wir uns gut auf eine Sache konzentrieren können. Wir wollen diese Ablenkung und diese ständige Erreichbarkeit auch. Die Neugier ist wahrscheinlich der stärkste Trieb des Menschen. Wir sind immer auf der Suche nach neuen Informationen. Einfach mal Pause zu machen, ist da leichter gesagt als getan.

Wie sieht eine gute Pause aus?

Beck: Pause bedeutet in erster Linie, dass ich mich erst einmal nicht konkret mit irgendeinem Problem beschäftigen muss. Pause kann viele Formen haben. Sozialer Austausch mit Kollegen ist nie verkehrt. Manchmal braucht man auch Zeit für sich, schaut aus dem Fenster, geht zur Toilette. Solche Mikropausen können schon helfen, um sich wieder aufzuladen.

Der Gang zur Toilette kann also fürs Gehirn auch eine sinnvolle Sache sein?

Beck: Durchaus. Als Steve Jobs in seiner Zeit bei der Firma Pixar, den Neubau des Unternehmensgebäudes plante, wollte er nur einen Toilettenraum für die rund 1000 Mitarbeiter einrichten. Sein Argument: Jeder muss irgendwann auf die Toilette und dort würden dann die unterschiedlichsten Mitarbeiter aus allen Abteilungen aufeinandertreffen, Small-Talk halten, Sichtweisen austauschen, und würden so dann – im Idealfall – die Lösung für ein Problem finden. Das ist natürlich die Sonnenseite der Ablenkung. Da wird aus Ablenkung plötzlich Inspiration, und aus einer Störung wird mit einem Mal hilfreiches Ideenfutter.

Was ist denn mit anderen Formen der Ablenkung? Kaum ein Arbeitgeber wird wohl erfreut sein, wenn man Katzenvideos guckt.

Beck: Das kommt ein bisschen auf die Tätigkeit an. Aber es gibt in der heutigen Arbeitswelt sehr viele Berufe, wo das der Fall ist: Wenn es viel um geistige Tätigkeiten geht, um kreative, freie Arbeit, bei der es gewünscht ist, neue Ideen einzubringen. Da kann es manchmal hilfreich sein, sich aus seiner Konzentrationsphase rauszuholen. Ob eine Pause gut oder schlecht ist, entscheidet sich vor allem daran, ob sie einen definierten Anfang und ein definiertes Ende hat. Häufig werden Pausen zu Zeitfressern und ufern aus. Dann surft man nur noch, klickt rum und verliert die Kontrolle. Deshalb hilft ein konkreter zeitlicher Rahmen und auch ein Ritual, zum Beispiel, dass man Pause immer in einem anderen Raum macht.

Die digitalisierte Welt führt ja auch dazu, dass man alles an Informationen sofort mit nur drei Klicks im Netz findet. Wird unser Gehirn dadurch nicht auch sehr faul?

Beck: Definitiv. Ich weiß noch, wenn man früher bei „Wer wird Millionär?“ etwas nicht wusste, dann hat man sich hingesetzt und nachgedacht. Das ist ja heute unvorstellbar. Da bricht ein Google-Wettbewerb aus, wer als Erstes die Antwort gefunden hat. Da entsteht Schein-Wissen, so dass Menschen denken, sie hätten das begriffen oder unter Kontrolle; aber was schnell kommt, ist auch schnell wieder weg. Wenn ich mir Informationen schnell holen kann, sehe ich überhaupt nicht die Notwendigkeit, diese Informationen dauerhaft zu speichern oder zu versuchen zu begreifen, um was es da überhaupt geht. Das führt dazu, dass das alles sehr flüchtig wird und der Wert von Wissen weniger geschätzt wird. Alles, was ich googeln kann, erscheint mir so banal, so schnell da. Dabei hat es vielleicht Jahre gedauert, bis irgendjemand dieses Wissen erschaffen hat.

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