Der Weg zurück in ein Leben ohne Orden

Von: Ingo Latotzki
Letzte Aktualisierung:
4531631.jpg
Viele Erinnerungen: Majella Lenzen, die ihren Orden verlassen musste, weil sie in Afrika Kondome verteilt hat, lebt in Düren. In ihrem zweiten Buch beschreibt sie, wie es ist, in ein neues Leben zu finden. Foto: Latotzki

Düren. Ein ganz normales Mietshaus im Norden Dürens. Die Wohnung besteht aus zwei Zimmern, einem kleinen Balkon und jeder Menge Erinnerungen. Es gibt viele Bilder an der Wand, meist Fotos, sie zeigen Afrika. Majella Lenzen hat sie selbst gemacht.

Stimmungsvolle Aufnahmen, oft Sonnenuntergänge. Auf ihrem Schreibtisch steht eine Giraffe, im Regal ein Bildband über Wüsten. „Ich denke täglich an Afrika“, sagt Majella Lenzen.

Sie war Nonne. Heute ist sie Bestseller-Autorin.

Majella Lenzen, 74, hat Mitte der 90er Jahre bundesweit Schlagzeilen gemacht, als sie ihren Orden, die Missionsschwestern vom Kostbaren Blut, verlassen musste, weil sie Kondome verteilt hatte. In Tansania, Afrika. Sie wollte helfen. Die Menschen vor der Immunschwächekrankheit Aids bewahren. Viele, viele hatte sie sterben sehen. Sie konnte das irgendwann nicht mehr ertragen und hat gehandelt. Sie musste den Orden verlassen, ohne Geld, enttäuscht, verletzt, ohne große Zuversicht. Sie ging nach Düren, dorthin, wo ihre Mutter lebte. Zurück in ein ziviles Leben mit allen Problemen und Hindernissen.

„Ich konnte ja noch nicht einmal waschen“, sagt Majella Lenzen heute.

Vor gut drei Jahren machte sie wieder Schlagzeilen. Sie hatte ein Buch geschrieben mit dem vielsagenden Titel „Das möge Gott verhüten“. Es geht um ihr Leben im Kloster und ihr Ausscheiden aus dem Orden. Das Buch wurde ein Bestseller. Mehr als 60 000 Mal verkauft. Sie saß in Talkshows neben den Promis dieses Landes und erzählte ihre Geschichte. Sie machte Lese-Reisen durch ganz Deutschland und das benachbarte Ausland. „Ich hätte nicht gedacht, dass ich das kann“, sagt sie. Der ganze Rummel hat ihr Selbstvertrauen gegeben und Kraft weiterzumachen. Vor wenigen Wochen ist ihr zweites Buch erschienen. Der Titel: „Fürchte dich nicht“ (Dumont-Verlag Köln, 19.99 Euro). Sie schreibt, wie es war, in ein anderes, in ein Leben außerhalb des Ordens zu finden.

Das sind im Schnelldurchlauf die vergangenen knapp 20 Jahre im Leben von Majella Lenzen.

Trotz ihrer Gagen aus dem Buchverkauf lebt sie in ihrer kleinen Wohnung in Düren-Birkesdorf. Das passt zu ihr. Sie macht einen genügsamen Eindruck, sie scheint mit sich soweit im Reinen zu sein, wenn man das sagen kann über jemandem, dem gewissermaßen die Lebensgrundlage entzogen wurde, weil plötzlich nichts mehr war wie es mal gewesen ist. Fühlt sie deshalb heute noch Groll?

„Groll“, sagt Majella Lenzen, „ist das falsche Wort.“ Auch Ärger passe nicht. Sie sei enttäuscht gewesen. Wahrscheinlich hätte der Orden gar nicht anders handeln können. Der Papst verbiete Kondome nun mal. Das klingt alles halbwegs versöhnlich. Vielleicht liegt es daran, dass Majella Lenzen trennen kann zwischen der Kirche als Institution und dem Glauben an sich. „Ohne Gott hätte ich das alles nicht durchgestanden“, sagt sie. „Erst recht nicht, als meine Mutter starb.“

Bis heute hat sie keine Reaktion ihres ehemaligen Ordens auf ihre Bücher. Natürlich hat sie sich vieles von der Seele geschrieben, aber sie wollte keine Abrechnung. Als der letzte Buchstabe getippt war, habe sie keine Genugtuung empfunden, eher „einen Baby-Blues“. Also so etwas wie eine tiefe Niedergeschlagenheit, die aber – Gott sei Dank – vorüberging. Dann hält sie inne. „Doch“, sagte sie, es habe vielleicht doch eine Reaktion gegeben. Verschiedene Lesungen hätte sie nicht halten können, etwa in einer katholischen Schule. Obwohl alles geplant war und es die Zusage des Schulleiters gab, kam im letzten Moment die Absage, „wahrscheinlich von höherer Stelle“, sagt Majella Lenzen.

Und andere Ordensschwestern? Keine Reaktionen. „Sie wären ja sonst nicht mehr im Orden“, sagt die Dürenerin. Nur hinter vorgehaltener Hand hört sie schon mal Sätze wie diese: „Jedes Wort, das du geschrieben hast, stimmt.“

Als 2009 ihr erstes Buch auf den Markt kam, formulierte die „Frankfurter Rundschau“: „Möge Gott verhüten, dass die Kirche an dieser menschen- und frauenfeindlichen Haltung festhält.“ Ein frommer Wunsch. „Dass die Kirche sich heute anmaßt, Schwule zu verurteilen, ist ein Unding“, sagt Majella Lenzen. Und dass die Menschen nach einer Scheidung verurteilt würden, passt ebenso wenig in ihr Weltbild. Nur zwei Beispiele, die zeigen, dass es Majella Lenzen um mehr geht als um die Kondome. Die zeigen, dass es unredlich ist, sie nur auf eben diese Kondome zu reduzieren, wie es verschiedene Boulevardmedien gerne machen.

Eine letzte Frage in ihrer kleinen, aber feinen Birkesdorfer Wohnung. Was Gott wohl gesagt hätte, wenn er gesehen hätte, dass sie Präservative verteilt. „Er hätte gesagt, dass es richtig ist, aber nichts bringen würde. Weil das römische Regelwerk anders läuft.“ Auch Gott kann es nicht durchbrechen, soll das wohl heißen. „Das Problem ist, dass Gott uns den freien Willen lässt. Er zwingt uns nicht.“ Er lässt die Kirche machen, den Papst an der Spitze, das ist gemeint. Gott könne alles ändern, verkrustete Kirchenstrukturen aufbrechen, aber er mache das nicht. „Da fehlt ihm wohl die Einsicht“, sagt Majella Lenzen, „und das ist eigentlich unverständlich für die heutige Zeit.“ Dann müsse eben der Einzelne handeln. So wie sie es getan hat. Mit allen Konsequenzen.

Und trotzdem bereut sie nichts. Höchstens das: „Ich wäre heute viel resoluter.“ Dann wäre aus der Ordensschwester Majella Lenzen womöglich viel eher die Privatperson Majella Lenzen geworden, die in einer kleinen Wohnung in Düren-Birkesdorf lebt und Bestseller schreibt.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert