Der Vatikan berät, die RWTH diskutiert

Von: Peter Pappert
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Die Erwartungen sind hoch: Derzeit tagt die Familiensynode in Rom. Während dort um Positionen gerungen wird, beginnt in Aachen eine Ringvorlesung, die sich mit der gesellschaftlichen Stellung der katholischen Kirche beschäftigt. Foto: dpa
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Die Kirche ins Gespräch und in Bewegung bringen: RWTH-Theologe Ulrich Lüke. Foto: Marlon Gego

Aachen. Seit Anfang der Woche tagt in Rom die Familiensynode. Die Erwartungen in der Kirche sind hoch; es gibt großes Interesse in den Medien und in der Gesellschaft – jedenfalls deutlich mehr als sonst üblich und über den Kreis kirchennaher Insider hinaus.

Das liegt daran, dass die katholische Kirche unter und mit Papst Franziskus zum ersten Mal seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil den Eindruck – und bei vielen die Hoffnung – vermittelt, sie sei bei markanten Themen tatsächlich zu Reformen bereit. Schafft es die katholische Kirche, ihre seltsame und missachtete Sexualmoral zu ändern? Kommt sie wiederverheirateten Katholiken entgegen, statt sie von der Kommunion fernzuhalten? Das sind nur zwei heftig umstrittene Fragen. Es gibt franziskanisch motivierte Hoffnung auf positive Antworten, aber auch begründete Skepsis; die Fronten sind jedenfalls hart – nicht zuletzt im Vatikan.

Während in Rom noch um Positionen und Antworten gerungen wird, beginnt am Montag, 13. Oktober, in Aachen eine Ringvorlesung, die unter dem Titel „WeltMachtKirche“ mit eben diesen drei Begriffen spielt und so Aufmerksamkeit erreichen will für Fragen, die die katholische Kirche aktuell betreffen: Ist sie (noch) Weltkirche? Ist sie nur Machtkirche? Ist sie Weltmacht? Wie groß ist die Kirchenmacht? An sieben Abenden geht es um die gesellschaftliche Stellung der katholischen Kirche, um ihre aktuelle Situation in Deutschland und ihre auf Europa verengte Selbstwahrnehmung, um innerkirchliche Kontroversen und Chancen.

„Ganz viel Kredit verspielt“

Der Lehrstuhl für Systematische Theologie an der RWTH Aachen und das Bistum Aachen haben als die beiden Veranstalter dieser Vorlesungsreihe für ein breites Spektrum an Referenten gesorgt. Es reicht unter anderem vom Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, dem Münchener Kardinal Reinhard Marx, bis zur Grünen-Politikerin Christa Nickels.

Der Aachener Theologe Ulrich Lüke, einer der Verantwortlichen der Vortragsreihe, stellt durchaus gesellschaftliches Interesse an kirchlichen Themen fest. Aber er sieht auch selbst verursachte Blockaden: „Die Kirche hat in Fragen der Sexualmoral ganz viel Kredit verspielt. Sie gibt seit langem keine befriedigenden Antworten mehr dazu“, sagt Lüke im Gespräch mit unserer Zeitung. Die offizielle Haltung der katholischen Kirche zur Empfängnisverhütung werde nur von einer verschwindenden Minderheit als Verpflichtung anerkannt; die überwältigende Mehrheit der Katholiken hierzulande und in der westlichen Welt entscheide das selbstverständlich ganz allein und nach eigenem Gewissen.

Sollte die Familiensynode in dieser Frage oder in der Seelsorge für Geschiedene die Position der Kirche ändern, erwartet Lüke erhebliche Auseinandersetzungen innerhalb des Führungspersonals. Schließlich haben sich im Vorfeld lehramtliche Hardliner und eher liberale Kirchenleute bereits einige verbale Gefechte geliefert.

Lüke nennt den Vertrauensverlust auf diesem Feld „schwerwiegend und entsetzlich, weil er die Kirche auch Reputation in Fragen kostet, in denen sie unbedingt gehört werden sollte: Sozialgesetze, Umgang mit Flüchtlingen, Altenpflege“. Zumal in der Frage der Sterbehilfe sei die Kirche die einzige Stimme, die andere Aspekte als den der Selbstbestimmung anspreche.

Die Kirche habe durchaus Macht, sie werde gehört und ernstgenommen. Und sie habe nicht nur Macht über ihre eigenen Gläubigen. Lüke denkt an den Solidaritätsappell des Papstes auf der italienischen Flüchtlingsinsel Lampedusa vor der nordafrikanischen Küste. „Da ging ein Ruck durch die Medien, als Franziskus die restriktive Flüchtlingspolitik der Europäischen Union deutlich kritisierte. Dann wird die Kirche als besonders authentisch empfunden, weil das, was sie sagt, übereinstimmt mit dem, was sie tut.“

Für Papst Franziskus hätte Lüke gerne mehr Macht – gerade „in der momentanen Zerreißprobe, die bis in die höchsten Kreise des Vatikans geht. Ich wünsche mir, dass er sich mit seinen Vorstellungen vom Leben und der Barmherzigkeit gegen die restriktiven und unbarmherzigen Kräfte durchsetzt, die die christliche Hoffnungsbotschaft nur als Ethikdisziplin auffassen.“

Lüke rät, die deutsche beziehungsweise europäische Sicht auf die Kirche von jener auf ihre anderen Teile zu unterscheiden. Während 2013 in Deutschland 170.000 Katholiken aus ihrer Kirche ausgetreten sind, wachse die Weltkirche nach wie vor. Auch das soll in der Ringvorlesung eine Rolle spielen.

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