Der Tour auf der Spur: Ein Selbstversuch auf zwei Rädern

Von: Benjamin Jansen
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Da hat sich was zusammengebraut: In Jülich-Mersch regnet es in Strömen. Sehr zum Leidwesen unseres Redakteurs Benjamin Jansen. Foto: Benjamin Jansen
Kreis Heinsberg
Vom Kreis Heinsberg in die Stadteregion: Unser Redakteur Benjamin Jansen startete seine persönliche Tour-Etappe in Keyenberg. Foto: Tobias Königs

Aachen. 25 Jahre ist es her, dass die besten Radfahrer der Welt einen Zwischenstopp in der Region eingelegt haben. Am Sonntag wird die Uhr wieder auf Null gestellt: Die zweite Etappe der diesjährigen Tour de France von Düsseldorf nach Lüttich führt auch durch die Kreise Heinsberg und Düren sowie die Städteregion Aachen. Oder anders formuliert: 56 Kilometer vom Tagebau Garzweiler über den Jülicher Hexenturm bis zum ehemaligen Grenzübergang Bildchen. Ein Selbstversuch auf zwei Rädern.

Die Prognosen waren eindeutig - aber ich habe alle Warnsignale ignoriert. Wird schon gut gehen, habe ich gedacht. Schließlich kann auch eine Wetter-App mal danebenliegen. Oder auch nicht, denke ich jetzt. An dem Ort, an dem die Profis am Sonntag Essen auf Rädern zu sich nehmen werden, erwischt es mich eiskalt: an der ersten und einzigen Verpflegungsstation, für mich: Kilometer 18. Genau zwischen Titz und Jülich-Mersch. Es regnet. In Strömen.

Dabei sah es im ersten Drittel des Teilstücks noch nach einer gemütlichen und trockenen Kaffeefahrt aus. Über zwei Straßen, die dem Bagger zum Opfer fallen (L277, L19), am Tagebau Garzweiler und der Immerather Mühle vorbei, ganz entspannt rein in den Kreis Düren. Dass plötzliche Gegen- und Seitenwinde die Fahrt in Richtung Jülich erschweren? Geschenkt.

Die Stimmung kippt, als der Regen einsetzt. Die Brille beschlägt, die Kleidung ist aufgeweicht und hängt schlaff und schwer an mir herunter. Aus der Kaffeefahrt ist eine Wasserschlacht geworden, die ich - im Kampf gegen meinen inneren Schweinehund - antreten muss. Gewinnt er die Oberhand, ist die Tour beendet. So weit, so schlecht.

Die Gedanken kreisen – und bleiben bei Udo Bölts hängen. „Quäl dich, du Sau!“, rief der damalige Teamkollege von Jan Ullrich seinem Kapitän bei der Tour de France 1997 zu. Ich muss schmunzeln und merke, wie ich das Tempo anziehe. Ausgerechnet am Jülicher Hexenturm verschwindet der Regen auf scheinbar magische Art und Weise.

Und das ist auch gut so, denn auf dem Weg nach Aachen gibt es immer wieder kleinere Anstiege, die bei Regen nicht allzu viel Freude bereiten. Für eine Bergwertung reicht es freilich nicht, die einzige auf der zweiten Etappe liegt auf belgischem Gebiet (Côte d'Olne). Für mich reicht es, auch wenn das Streckenprofil in unserer Region nicht allzu anspruchsvoll ist. Schließlich liegen noch einige Kilometer vor mir und ich muss mir die Kraft einteilen.

In Aldenhoven, Alsdorf und Würselen deutet nicht viel darauf hin, dass hier am Sonntag der Tour-Tross durchrollt. Keine Fahnen, keine dekorierten Schaufenster, keine Plakate. Zumindest nicht in dem für mich sichtbaren Bereich. Dafür säumen unzählige Parkverbotsschilder den Straßenrand – die sich in meinem direkten Sichtfeld befinden. Ich steige gedanklich zu spät in die Zählung ein, komme aber immerhin noch auf beachtliche 56 Schilder, was ganz wunderbar zur Streckenlänge durch unsere Region passt – auf jedem Kilometer findet sich ein Schild, wenn man es hochrechnen möchte.

Die Beine werden schwerer, der Nacken schmerzt. Da kommt die Erholungsphase in Aachen-Haaren ganz gelegen. Es geht bergab. Der „üble Bahnübergang“, vor dem Haarens Bezirksbürgermeister Ferdinand Corsten gewarnt hat, dürfte Chris Froome und Co. aber auch bei Geschwindigkeiten um die 60 Kilometer pro Stunde vor keine Probleme stellen. Mich auch nicht, aber ich fahre ja auch nur mit 35 Kilometern pro Stunde die Alt-Haarener-Straße herunter.

Das Kopfsteinpflaster auf dem Aachener Markt ist von einem anderen Kaliber. Mein Rad vibriert und meine Sitzprobleme, die sich auf den letzten Kilometern bemerkbar gemacht haben, zeigen sich immer deutlicher. Nicht ganz freiwillig gehe ich immer wieder aus dem Sattel. Aber das Ziel ist ja nicht mehr weit: die Lütticher Straße.

Die letzte Straße auf dem Weg zum ehemaligen Grenzübergang Bildchen hält den bis dahin härtesten Anstieg bereit. Aber auch der lässt sich im Wiegetritt bewältigen. Mein malträtierter Sitzbereich dankt es mir, die Lunge nicht. Zum Abschluss zeigt sich sogar nochmal die Sonne. Eine derartige klimatische Veränderung hatte die Wetter-App allerdings nicht vorhergesehen.

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