Der Teufelsgeiger, der selbst Steine erweichen lässt

Von: Rudolf Müller
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Mario und der Himmel voller Möhren: Seine Bilder, sagt er, entstehen „automatish“, wie in Trance: „So etwas kann man gar nicht denken.“

Stolberg. Wenn er seine Geige singen, schluchzen, jubilieren lässt, dann schmelzen nicht nur Frauenherzen. Mario Triska beherrscht sein Instrument wie wenige andere. Und hat damit fast alle großen Festivals und Bühnen Europas erobert.

Ist mit Charlie Chaplins Tochter Patrice in musikalischer Mission zu mystischen Orten gereist und hat vor den Rolling Stones auf Englands größtem Festival gespielt. Versetzte verwundete Berge in heilsame Schwingungen und gibt Geigenunterricht am Himalaya. Dass der „Teufelsgeiger“, wie manche ihn nennen, sich vor allem ungarischer Zigeunermusik, Zigeunerswing und –jazz verschrieben hat, kommt nicht von ungefähr: Triska, seit fast 30 Jahren im Stolberger Stadtteil Büsbach heimisch, ist Sinti. Und hieße eigentlich Meerstein, hätte sein Vater Jakob in Zeiten, da Zigeuner vielerorts denkbar schlechte Behandlung erfuhren, nicht den Familiennamen seiner Mutter angenommen. Jakobs Frau stammte aus Dortmund. Und brachte Klein-Mario am 1. Januar 1964 im sauerländischen Brilon zur Welt. „Mutter musste mitten in der Nacht quer durch den Wald völlig allein zum Krankenhaus gehen. Mein Vater und meine Onkels lagen in dieser Neujahrsnacht natürlich total besoffen im Wohnwagen“, berichtet Mario.

Kunstmalerei und Musikstudium

Bei der Geburt alleingelassen, umfing ihn die Familie in den Folgejahren umso heftiger. 22 Jahre lang zog er im Wohnwagen durch die Lande. 22 Jahre ohne Radio und Fernseher: „Die Welt interessierte uns nicht so sehr. Da gab es die Natur, die Musik, die Geschichten der Alten und jede Woche Parties.“ An die 40 Leute umfasste der Familienclan. Und bei so vielen Menschen gab es immer etwas zu feiern. „Jedes Wochenende war Party, alle machten Musik, sangen, tanzten - das war herrlich“, erinnert sich der Wahl-Stolberger. „Die Menschen nutzten jede Gelegenheit, sich von der Schwere zu befreien, die jahrelang auf ihnen gelastet hatte.“ Da war sein Großonkel, der im Orchester des KZs Auschwitz spielen musste. Sein Großvater, der vier Jahre Auschwitz überlebte und später nie mehr darüber sprechen wollte. Sein Vater, der im Alter von sechs Jahren seine Familie verlor und sechs Jahre lang allein umherzog, bis er seine Familie wiederfand. Und da waren seine Onkels, die in den Niederlanden schon der Königin aufgespielt hatten. „Wenn die auf die Bühne gingen, brannte der Saal.“

Was er selbst aus seinem Leben machen wollte, war für Mario schon als Kind klar: „Ich bin immer gern zur Schule gegangen, was nicht einfach war, weil ich die häufig wechseln musste. Und ich hatte immer die Vision, Priester, Maler oder Musiker zu werden.“ Der Priester wurde aber schon bald aus der Liste gestrichen: „Ich konnte nicht einsehen, dass alles Gute von Gott kommt und alles Schlechte vom Menschen.“ Also wandte sich Mario der Musik zu, gründete mit 16 sein erstes Ensemble und tourte durch Europa – „mit der Musik, mit der ich groß geworden bin“. Mit 22 schließlich wurde er sesshaft und begann, fünf Jahre lang klassische Musik zu studieren: am Conservatorium in Maastricht und bei Professor André Serban in Brüssel. Klavier, Gitarre und Geige beherrscht er aus dem Effeff, zudem spielt er Bratsche und Cello. Und Schlagzeug – zum Abreagieren. Seinen dritten Berufswunsch hatte er schon zuvor ausprobiert: Im Allgäu hatte er eine dreijährige Ausbildung als Kunst- und Kirchenmaler absolviert. Als sein Lehrherr 87-jährig starb, war das Kapitel für ihn abgeschlossen: Mario Triska legte Farben und Pinsel beseite. Und nahm sie rund 30 Jahre lang nicht wieder in die Hand.

Stattdessen widmete er sich der Musik. Nach dem Studium spielte er für kurze Zeit bei André Rieu und im Hochschul-Symphonie-Orchester Maastricht. Und verstand die Welt nicht mehr, als die Mutter seines Sohnes ihn verließ. Triska ergriff die Flucht: vor der Trauer, dem Verlust, vor sich selbst. „Im Traum erschien mir ein Guru, der sah aus wie Jimi Hendrix“, erzählt Triska, der sich seit jeher als spirituellen Menschen bezeichnet, dem seine Vorfahren auch mediale Fähigkeiten in die Wiege gelegt haben: Madame Buchela, die in den Nachkriegsjahren als „Wahrsagerin von Bonn“ Berühmheit erlangte und nicht nur Konrad Adenauer die Zukunft vorhergesagt haben soll, war eine geborene Meerstein...

Den Guru mit der Hendrix-Frisur gab es tastsächlich, wie Triska herausfand. Und dass er ihm erschienen war, deuteten szenekundige Bekannte als klares Zeichen: Mario muss nach Indien reisen! Den versetzte die Kunde „in panische Angst. Indien war für mich eine Ansammlung von Lärm und Dreck, das Letzte, wo ich hin wollte.“ Er fuhr dennoch. Und kam verwandelt zurück. „Das Elend, die Armut, aber auch die Schönheit dieses Landes haben mich sehr berührt und mein eigenes Leiden relativiert.“ 16 Jahre ist das nun her. Seither ist Indien, das Land, aus dem sein Volk der Sinti vor Jahrtausenden kam, zu seiner zweiten Heimat geworden. Drei Monate pro Jahr verbringt Mario Triska dort, die meiste Zeit in Rishikesh, der „Yoga-Hauptstadt der Welt“ am Fuße des Himalaya, in der auch die Beatles in den 60er Jahren meditierten. Hier spielt er für Heilige und Gurus und unterrichtet Kinder. „Dafür muss man Nerven haben“, sagt der Büsbacher, über den ein befreundeter Autor derzeit ein Buch mit dem Arbeitstitel ,Der Indienfahrer‘ schreibt. „Die quietschen da fürchterlich auf Schrott-Instrumenten rum.“

An mystischen Orten

Triskas medial-spirituelle Befähigungen sprachen sich rum. Er gab Yoga-und Meditationskurse in einem tibetanischen Yogazentrum in Dänemark. Und „heilte“ einen durch Steinbrucharbeiten „verwundeten“ Berg in Süddeutschland mit seiner Musik. Der adelige Bergbesitzer hatte ihn angerufen und ihm gesagt, er könne das. „Ich selbst hatte von so etwas noch nie gehört“, schmunzelt Triska. „Aber wenn er das so wollte...“ Triska ordnete keltischen Runen bestimmte Klangbilder zu, Geomanten luden ihn ein, an den mystischen Orten Europas zu spielen, und Patrice Chaplin, Tochter Charlie Chaplins und renommierte Autorin, nahm in mit zu den kultisch-geheimnisvollen Orten im spanischen Girona, wo ihr jüngstes Buch, „City of Secrets“, spielt.

Eine halbe Million Zuhörer

Bei einem seiner ungezählten Konzerte lernte Triska Sheik Hassan Dyck kennen, den Kopf eines bekannten Sufi-Orchesters. „Ich hab noch gedacht: ,Was sind denn das für irre Typen mit ihren Turbanen und Schlabberhosen?‘, da sprach er mich auch schon an. Mit dem Islam konnte ich überhaupt nichts anfangen, mit der Musik, einer Mischung aus Jazz, Blues und Trance mit orientalischen Tonfolgen, schon. Die spielst du nicht, die spielt dich.“ Sheik Hassan lud ihn zu einer Tournee ein. Quer durch Europa. In 30 Städte. „Ich hörte mich selbst nur sagen: ,Da bin ich dabei!‘“ Triska spielte in Spanien, in Italien, in der Schweiz. Auftakt der Tour war ein interreligiöses Festival im spanischen Estella. Triska spielte gleich nach Cat Stevens alias Yussuf Islam. Mit den Sufis geprobt hatte er bis dahin kein einziges Mal. „Aber da ging dermaßen die Post ab...!“ Und nicht nur da. Seither ist Triska mit Sheik Hassans Muhabbat Caravan of Love unter anderem in Paris und Madrid, Barcelona und München, Malaga und Mailand, Amsterdam und Brüssel, Florenz und Baden-Baden, Rimini und Perpignan aufgetreten. Triska spielte in New York und in diesem Sommer im englischen Glastonbury, wo auch die Stones jetzt vor 200.000 Menschen erstmals zu erleben waren. „Die sehen ganz schön verlebt aus“, sagt der Mann, der in seinem Leben kaum weniger erlebt hat als Jagger und dessen Truppe. Seinen eigenen Abstecher in die Rockszene will Triska nicht wiederholen: Mit Peter Sonntags „Final Virus“ spielte Triska 2009 vor einer halben Million (!) Zuhörern auf dem polnischen „Woodstock“-Festival in Kostrzyn an der Oder. „Ich hätte fast einen Hörsturz gehabt“, erinnert sich der Geiger. „Diese laute Musik macht auf Dauer taub; das werde ich mir nie mehr antun.“

Stattdessen begeistert er sein Publikum mit Swing, Jazz, französischen Chansons und Zigeunermusik. Letztere nennt er bewusst so: „Sie als Roma- und Sintimusik zu bezeichnen wäre falsch, weil diese Art Musik mit den Roma nichts zu tun hat. Ohnehin bedeutet der Verzicht auf das Wort Zigeuner eine zusätzliche Vernichtung des Zigeunertums als Lebenseinstellung.“ Mit Roger Moreno, Janusch Hallema, Peter Janton und Sängerin Evi Rebière ist Mario Triska in ganz Europa gern gesehener Gast.

Hilfe von Günter Wallraff

In fast ganz Europa: außer in Wangen im Allgäu. Dort hat Mario Triska von seinem Vater am Rand des 15-Häuser-Stadtteils Bietenweiler ein kleines Anwesen geerbt. Und das soll, so ist sein Traum, zu einer „Sommerakademie für Musik“ werden, in der Spitzenmusiker der Zigeunermusik ihr traditionelles Können an Gitarre, Geige und Klavier weitergeben, um es lebendig zu erhalten. Volle Unterstützung erhält Triska bei seinem Vorhaben von Schriftsteller Günter Wallraff, mit dem er seit Jahren befreundet ist. Wallraff ist samt Triska mit einer kleinen Maschine eigens nach Wangen geflogen, um sich vor Ort ein Bild zu machen. Bislang aber machen die Behörden Ärger: „Die glauben wohl, dass dann ganze Horden von Sinti den Ort überrennen“, so Triska.

Triska wäre nicht Triska, wenn er die Zwischenzeit nicht kreativ nutzen würde. Nach 30 Jahren Pause hat er sich jüngst wieder der Malerei zugewandt. Am Computer entwirft er die ebenso farbenfrohen wie phantasievollen Werke, die er dann mit Ölfarben auf Leinwand überträgt. Bilder mit Titeln wie „Don Quijote in New York“, „Frau mit Möhre“, „Möhrenliebe“, „Röhre Röhre Wencke Möhre“ und „Himmel voller Möhren“ stellt der rührige „Möhrio“ Triska mit einem Augenzwinkern bis zum Jahresende in der Galerie „Septima Hora“ am Korneliusmarkt in Kornelimünster aus. Bilder, denen Patrice Chaplin „gewisse Ähnlichkeiten mit Míro“ bescheinigt und in denen die Kunsthistorikerin Jana Stolzenberger „vielschichtige Assoziationsräume“ findet, „die ebenso märchenhaft bezaubern können wie tiefgründig anmuten“. Und Triska-Freund C.O. Päffgen, selbst Künstler von Weltruf, beneidet Mario, weil der „so viele und so irre Ideen im Kopf“ habe. „C.O. hat mich gefragt, ob ich irgendwelche Drogen nehmen. Ich sagte: ,Nein, ich bin als Kind wahrscheinlich mal in irgend’nen Topf gefallen.“

Jetzt ist Triska auf der Suche nach einem Atelier, in dem er malen, aber auch Instrumente bauen kann. Gelernt hat er Letzteres von seinem Onkel, der Geigen baute, und Cousin Antony, der in Stolberg Gitarrenbauer war. Zunächst aber führt ihn sein Weg Anfang Januar wieder nach Indien. Dorthin, wo spirituelle Erfahrungen sein Leben verändert haben. „Wenn ich etwas gelernt habe, dann ist das, alles nicht so ernst zu nehmen. Akzeptanz lässt dich gesunden.“

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