Aachen - Der Stoff, aus dem die Fußballerträume sind

Der Stoff, aus dem die Fußballerträume sind

Von: René Benden
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Rasentausch: In Aachen-Walheim wird derzeit der Kunstrasen gewechselt – nach nur gut sieben Jahren Spielzeit. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Seit er gegen den Ball treten kann, spielt Frank Maus oben auf der Knippmühle in Eschweiler-Nothberg Fußball. Doch die Zeiten, in denen hier auf der roten Asche der Ball rollt, könnten bald vorbei sein. Damals, Anfang der 90er, als Maus in der SV-Jugend kickte, war Nothberg in der Landesliga eine Macht.

Heimstark, gefürchtet auch wegen des knüppelharten Aschenplatzes. Noch heute fürchten manche den Nothberger Platz. So sehr, dass sie ihre Kinder im Nachbardorf Bergrath anmelden. Dort gibt es nämlich einen Kunstrasenplatz. „Das mit dem Platz hier ist ein Standortnachteil für uns. Da können wir so gute Arbeit leisten, wie wir wollen“, sagt Maus, heute 38 Jahre alt und Geschäftsführer des SV. Die Nothberger müssen Spielgemeinschaften mit anderen Vereinen eingehen. Das Wort Fusion macht immer öfter die Runde. Vielleicht ist die Knippmühle bald ein Baugebiet.

Aschenplätze sterben aus. Nässende Schürfwunden, winterliche Schlammschlachten und dreckverkrustete Trikots mögen für Nostalgiker mit 11Freunde-Abo Ausdruck der einzig wahren Fußballkultur sein. Die Realität ist eine andere. Eltern schicken ihre Kinder nicht mehr auf Fußballfelder, die im Sommer so trocken sind, dass ganze Mannschaften in Staubwolken verschwinden. Ein Fußballplatz sollte nicht mehr weh tun, nicht dreckig machen und immer bespielbar sein. Das kann nur Kunstrasen.

Ungleicher Wettkampf

Um weiter existieren zu können, haben die Vereine diesem Elternwillen längst nachgegeben. Mit Ausnahme weniger Naturrasenplätze werden heute nur noch Kunstrasenplätze gebaut. Weil aber alle Kommunen in ihrer finanziellen Not gleich sind, schaffen sie es nicht, den Bedarf der Fußballvereine gleichmäßig zu bedienen. Das führt zu einem ungleichen Wettkampf um Mitglieder zwischen den Vereinen, die bereits auf Kunstrasen spielen und denen, die sich ihrer Zukunft beraubt fühlen, weil sie noch keinen Kunstrasen haben. Die Zeit drängt so sehr, dass viele Vereine selbst aktiv werden. Sie bauen ihr eigenes Kunstrasenfeld, auch wenn das ein finanzielles Abenteuer mit ungewissem Ausgang ist. Denn Kunstrasenplätze sind nicht nur teurer. Es gibt vor allem kaum Erfahrungswerte mit modernem Kunstrasen. Wie sich diese Spielfelder langfristig auf die Vereinskassen auswirken, ist kaum absehbar.

Seit der TuS 08 Jüngersdorf-Stütgerloch im vergangenen Jahr seinen eigenen Kunstrasenplatz eröffnet hat, ist der Verein – über 200 Jugendliche und Seniorenmannschaften in der Kreisliga C – ein kleines Wirtschaftsunternehmen geworden. Günter Kurth regelte früher die Finanzen bei der Post. Seit er im Ruhestand ist, tut er das nun für den TuS 08. Er hat dem Verein für die nächsten Jahre einen Wirtschaftsplan verpasst. Das ist dringend nötig. Der neue Platz hat über 300.000 Euro gekostet. Die Gemeinde Langerwehe hat 40.000 Euro bereitgestellt. Den Rest finanziert der Verein aus Rücklagen und mit Hilfe von Sponsoren sowie Krediten. Kurth wacht darüber, dass sich die Einnahmen des Vereins immer so entwickeln, dass er seine Verbindlichkeiten bedienen kann. „Ich habe unsere Kontobewegungen jeden Tag im Blick“, sagt er.

Kurths Vorstandskollege Ludwig Leonards hebt kopfschüttelnd eine Zigarettenkippe auf, die achtlos neben die Spielfläche geworfen wurde. In sattem Dunkelgrün liegt er da, der neue Kunstrasenplatz des TuS 08. „Wir haben lange überlegt, ob wir uns das leisten können. Lange war die Antwort ‚nein‘“, sagt Leonards. Doch die Neuansiedlung der Ortschaft Pier, die dem Braunkohletagebau weichen musste, gleich neben dem Ortsteil Jüngersdorf erwies sich als Jungbrunnen für den TuS 08. Viele junge Familien zogen zu. So viele, dass der alte Rasenplatz an seine Kapazitätsgrenzen stieß. Und so entschied sich der Verein, Bauherr eines Kunstrasenfeldes zu werden.

Die Beiträge mussten erhöht werden. Nicht jedem gefiel das. Es gab Austritte. Doch insgesamt sei der Verein an der Entscheidung gewachsen. „Vieles von dem, was Sie hier sehen, ist in Eigenleistung entstanden“, sagt Leonards mit Blick auf die TuS-Sportanlage. „Es war eine gute Entscheidung.“

Vereine, die mit Recht darauf stolz sind, dass sie aus eigener Kraft einen Kunstrasenplatz gebaut haben, müssen damit rechnen, dass sie diese Leistung alle zehn bis 15 Jahre wiederholen müssen. Denn so lange hält laut Angaben der Hersteller die künstliche Spielfläche. Manchmal aber auch nicht. Die Stadt Aachen lässt gerade die Spielfläche von Hertha Walheim austauschen. Der Kunstrasen dort hielt gerade einmal sieben Jahre.

Die Entsorgung eines Kunstrasenplatzes kostet heute nach Auskunft von Sportplatzbauern je nach Größe des Spielfeldes zwischen 25.000 und 35.000 Euro. Eine neue Spielfläche inklusive Sand und Gummigranulat schlägt mit 170.000 bis 250.000 Euro zu Buche. Das macht gesamt eine Summe von 195.000 bis 285.000 Euro, die Verein oder Kommune alle zehn bis 15 Jahre für eine Kunstrasenspielfläche ausgeben müssen. Sollte auch noch die untere Tragschicht des Fußballplatzes erneuert werden müssen, kann sich diese Summe verdoppeln.

Manfred Schmidt berät für den Landessportbund NRW Vereine, die ihren eigenen Kunstrasenplatz bauen wollen. „Die meisten überblicken nicht die Tragweite eines solchen Projekts“, sagt Schmidt. Die Finanzierung kann für Vereine zum existenziellen Problem werden. Heikel sind Laufzeiten von Krediten. Die NRW-Bank beispielsweise bietet Sportvereinen zum Bau eines Kunstrasens zinsgünstige Darlehen. Die übliche Laufzeit für einen Kredit über 75.000 Euro ist laut Schmidt 20 Jahre. „Eine höhere Tilgung können viele Vereine nicht aufbringen.“ Diese lange Laufzeit ist problematisch. Davon ausgehend, dass ein Kunstrasenplatz maximal 15 Jahre hält, finanziert der Verein für mindestens weitere fünf Jahre einen Belag, den es gar nicht mehr gibt. In diesen fünf Jahren muss der Verein aber auch schon Geld für einen neuen aufbringen – vielleicht über neue Kredite. So kann die Sportanlage zur Schuldenfalle werden, in der, abhängig von der Vereinssatzung, der Vorstand persönlich haftet.

Zwar gibt es Kunstrasen als Sportbelag schon seit den 1970ern. Dass die Kunststoffrevolution aber erst jetzt auf Deutschlands Fußballplätzen stattfindet, hat zwei Gründe: Zum einen ist die technische Entwicklung so weit, dass Kunstrasenbeläge in ihrem Spielkomfort nur noch von Naturrasen in Bundesligastadien übertroffen wird. Zum anderen hat der DFB die Verbreitung von Kunstrasen geschickt unterstützt. Im WM-Jahr 2006 gab er erstmals eine offizielle Empfehlung für Kunstrasenplätze an seine Vereine. Dort lobte der Verband vor allem die herausragenden Spieleigenschaften des Belags. Gerade für Kinder und Jugendliche sei Kunstrasen ideal, weil der Spielspaß vor allem im Vergleich zu Aschenplätzen steige.

Anschließend legte der DFB sein 1000-Mini-Spielfelder-Programm auf. In der ganzen Republik entstanden über 1000 Bolzplätze, auf denen fortan Millionen von Jungen und Mädchen auf modernem Kunstrasen spielten. Die Popularität von Kunstrasen wuchs schnell. Immer mehr Vereine und Kommunen rüsteten ihre Sportanlagen um, bis es so viele Kunstofffelder gab, dass sich dauerhaft kein Verein leisten kann, keines zu haben.

Dem DFB äußerst hilfreich war das Unternehmen Polytan. Der Sportbelaghersteller aus Süddeutschland baute für den Verband die über 1000 Minispielfelder. Im Gegenzug ist der DFB bemüht, Polytan auf dem deutschen Markt mit seinen gut 33.000 Spielfeldern vor der internationalen Konkurrenz zu schützen. Die Empfehlung, die der DFB für Kunstrasen ausspricht, bezieht sich vor allem auf die Produkte von Polytan.

Tatsächlich ist der deutsche Markt für Mitbewerber schwierig. Kürzlich zog sich mit dem niederländischen Unternehmen Desso einer der größten Polytan-Konkurrenten aus dem Deutschlandgeschäft zurück. Dass daraus eine Marktmacht für Polytan entsteht, die mangels Konkurrenz langfristig schädlich für die Vereine sein könnte, scheint der DFB nicht zu fürchten. Im März lud der Fußballverband Mittelrhein (FVM) Vereine zum Informationsseminar Kunstrasen nach Hennef ein. Nach einigen Worten des Empfangs von FVM-Geschäftsführer Dirk Brennecke hatte für einige Stunden ein anderer das Wort: Frank Schmidt von Polytan.

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