Der Start in das Schulleben soll ein Fest sein

Von: Sabine Rother
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Die einen sind fröhlich, die anderen eher zurückhaltend: Meist ist der Schritt in eine neue Lebensphase unproblematisch, manchmal aber auch nicht. Foto: dpa
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Prof. Beate Herpertz-Dahlmann ist Direktorin der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik, Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters, Uniklinikum. Foto: Ralf Roeger

Aachen. „Ich bin doch schon groß!“ Das sagen in diesen Tagen viele Mädchen und Jungen, die stolz ihren Schulranzen packen und die ersten Schritte in ein neues Leben gehen, das mit der ersten Klasse beginnt. Ab sofort sind sie Schulkinder, dann Schüler, später vielleicht Studenten oder Auszubildende.

Es werden wichtige Weichen gestellt. Wir sprachen mit Beate Herpertz-Dahlmann, Direktorin der Aachener Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters, über den ersten Schultag, seine Chancen und Folgen.

Ist es für das Kind gut, wenn möglichst viele Familienangehörige bei der Einschulung dabei sind?

Herpertz-Dahlmann: Ich finde es schön, wenn Kinder diesen ersten Schultag auch als einen Festtag erleben. Das ist ein großer Schritt im Leben, und es ist wichtig, dass Kinder diese Schritte sehr bewusst wahrnehmen.

Woran sollten sich Eltern dabei orientieren?

Herpertz-Dahlmann: Ich finde es gut, wenn Eltern zeigen, dass sie die Veränderung im Leben des Kindes als positive neue Lebensphase anerkennen. Das ist nicht zu vergleichen mit einem Geburtstagsfest, sondern sie vermitteln im Idealfall durch ihr Verhalten: Jetzt kommt etwas Wichtiges, aber zugleich sehr Schönes auf dich zu.

Schätzen Sie Traditionen im Hinblick auf den ersten Schultag?

Herpertz-Dahlmann: Ja, ich bin ein Fan der Schultüte. Und auch die Großeltern sollten gern dabei sein, wenn das Kind eine gute Beziehung zu ihnen hat. Ich glaube, wenn man sich später an diesen Tag erinnert, ist das von Bedeutung. Man sollte sich gut überlegen, was in die Tüte kommt. Auch das wird zu einer Erinnerung.

Was darf das denn sein?

Herpertz-Dahlmann: Etwas, das dem Kind gefällt. Am besten finde ich Dinge, die nicht ausschließlich mit der Schule zu tun haben, sondern zugleich mit Spaß – zum Beispiel Wachsmalstifte oder Wasserfarben. Bitte keine Schulhefte, höchstens ein lustiger Bleistift oder so.

Wie wirkt es sich auf die Psyche des Kindes aus, wenn es in die Schule kommt?

Herpertz-Dahlmann: Das ist von Kind zu Kind naturgemäß unterschiedlich. Manche Kinder erleben das bewusst als einen großen Schritt nach vorn. Sie profitieren von den vielen neuen Kontakten, und das merkt man ihnen auch an. Das Neue steigert ihr Selbstwertgefühl. Es ist ein Autonomie-Zuwachs.

Empfinden das tatsächlich alle Kinder in dieser Weise?

Herpertz-Dahlmann: Es gibt leider auch Kinder, bei denen die Einschulung mit sehr viel Angst verbunden ist.

Was tun, wenn das Kind weint, sich sträubt und rundum unsicher ist, sobald es zur Schule gehen soll?

Herpertz-Dahlmann: Man sollte das Kind gut begleiten, ruhig etwas Schönes für die ersten Tage verabreden, nachdem die Schulbesuche geschafft sind, vielleicht eine Runde Radfahren oder ein Eis miteinander essen. Nichts Großes, aber etwas, das dem Kind Freude bereitet. Man sollte die Zuwendung erhöhen. Dann wird Schule zum positiven Ereignis. Wenn die ersten Tage gut geschafft sind, werden die Ängste geringer.

Wenn das Weinen trotzdem nicht besser wird?

Herpertz-Dahlmann: Dann würde ich den Kontakt zum Lehrer suchen, man braucht diese Unterstützung, denn er kann dem Kind das Gefühl geben, es gehört in dieser neuen Gemeinschaft dazu.

Was ist denn mit diesen Kindern los?

Herpertz-Dahlmann: Grundsätzlich gibt es mutige und ängstliche Kinder. Für nicht so selbstbewusste Kinder ist dieser Schritt schwer und kann in Einzelfällen sogar den Beginn einer Trennungsangst-Störung markieren. Das Kind malt sich dann aus, was in der Zeit, in der es die Eltern nicht sieht, mit ihnen vielleicht passieren könnte. Das Kind fürchtet Unfälle, Krankheiten, einfach etwas Schlimmes für die Eltern. Das sechste Lebensjahr ist ein Alter, in dem Kinder durchaus wissen, dass Unglücke passieren, das sehen sie im Fernsehen oder haben es in ihrer Umgebung erfahren.

Unterscheiden sich Jungen und Mädchen im Verhalten beim Schulstart?

Herpertz-Dahlmann: Mädchen sind allgemein selbstständiger als Jungen, aber viele Jungen erleben durch den Umgang mit anderen Kindern eine neue Stärke.

Wer sollte in der ersten Zeit das Kind zur Schule bringen?

Herpertz-Dahlmann: Besteht eine enge Mutter-Kind-Bindung und das Kind ist sehr trennungsängstlich, sollte das ruhig mal ein anderer sein, vielleicht der Vater. Väter haben häufig eine erfrischend pragmatische Art, damit umzugehen, das tut Kindern gut. Mütter sind manchmal zu emotional. Wenn ihnen selbst die Tränen in die Augen steigen, registriert das ein Kind sofort. Viele Mütter erleben den ersten Schultag ja selbst als ein Loslassen. Kinder haben dafür feine Sensoren. Väter sind oft stolz und haben diese Trennungsproblematik weniger.

Wie schafft man es, dass ein Kind nicht sofort unter Leistungsdruck gerät?

Herpertz-Dahlmann: Es ist wichtig, dass Eltern in allem Struktur schaffen. Ob zum ersten Schultag oder später. Sind die Ferien vorbei, wird also wieder zeitig zu Bett gegangen. Der Tag-Nacht-Rhythmus ist sehr wichtig. In den Ferien kann man das gelassen handhaben, in der Schulzeit aber nicht. Damit gibt man der Schule eine entsprechende Wertigkeit, nimmt sie ernst. Es geht nicht nur darum, dass das Kind ausreichend Schlaf bekommt.

Wie viel Zeit dürfen bei Kindern, die gerade in die Schule gekommen sind, die Hausaufgaben in Anspruch nehmen?

Herpertz-Dahlmann: Nach einer Pause soll das Kind seine Hausaufgaben erledigen. Das sollte am Anfang aber nicht mehr als eine halbe Stunde dauern. Wenn es deutlich mehr ist und das Kind große Mühe hat, muss man mit dem Lehrer reden.

Was tun, wenn das Kind körperliche Beschwerden entwickelt?

Herpertz-Dahlmann: Unbedingt den Kinderarzt aufsuchen. Wenn das Kind länger als 14 Tage nicht in die Schule geht, braucht man fachliche Hilfe. Bei 25 Prozent der Fälle von Schulverweigerern liegt eine psychische Störung vor.

Was ist, wenn Eltern hören, dass ihr Kind keinen Kontakt in der Klasse findet und in der Pause alleine herumsteht?

Herpertz-Dahlmann: Von Anfang an interessiert das Gespräch mit dem Kind suchen. Manche von ihnen sagen, sie haben Angst vor den anderen, oder die Mitschüler schubsen, sind so wild. Ich würde versuchen, mit anderen Eltern in Kontakt zu kommen, und vielleicht einmal Kinder einzuladen. So ein Verhalten muss man ernst nehmen, das Kind unterstützen, aber keinen Wirbel veranstalten.

Was ist mit prügelnden Kindern?

Herpertz-Dahlmann: Man muss klären, was passiert ist. Da kann es sich manchmal sogar um eine Mutprobe handeln. Solch ein Problem sollte nach Möglichkeit nicht in Gegenwart von Geschwistern besprochen werden.

Was geschieht mit Kindern, die eine chronische Erkrankung haben?

Herpertz-Dahlmann: Den Umgang damit lernen Kinder schon in der Kita. Das lässt sich gut mit dem Kinderarzt vorbereiten. Ich habe fast nie erlebt, dass eine chronische Erkrankung bei der Einschulung ein Problem wurde.

Und wenn das Kind plötzlich einnässt?

Herpertz-Dahlmann: Das ist zwar ein Zeichen für eine Belastung, aber es kann sein, dass sich das Kind nicht traut, im richtigen Moment zur Toilette zu gehen. Da ist manchmal die Aktion in der Schule so spannend, dass es dafür keine Zeit hat – das geht dann in die Hose. Aber nur am Anfang. Nur wenn das Einnässen über Tag bestehen bleibt, sollte man professionelle Hilfe suchen.

Soll der Schulweg geübt werden?

Herpertz-Dahlmann: Unbedingt. Es ist gut, wenn ein Kind mit Freunden zur Schule geht. Bei einem hyperaktiven Kind hätte ich schon Sorge, dass es dazu neigt, einfach auf die Straße zu rennen.

Muss jemand da sein, wenn das Kind nach Hause kommt?

Herpertz-Dahlmann: Fast alle Grundschulen haben die Ganztagsbetreuung, das finde ich gut, und das ist die heutige Realität. Aber wenn das Kind gegen 16 Uhr nach Hause kommt, sollte es jemanden antreffen, das können auch Großmutter oder Großvater sein, die sind sehr interessiert an ihren Enkelkindern. Kinder müssen von ihrem Schultag erzählen können, nicht erst Stunden später.

Wie verhalten sich Eltern in der Zeit des Schulstarts?

Herpertz-Dahlmann: Niemand sollte sich mit übertriebener Fürsorge auf das Kind stürzen, aber ein offenes Ohr ist wichtig. Wenn es traurig erscheint, muss man es ansprechen und zehn Minuten am Tag reservieren, in denen man allein mit dem Kind spricht, auf seine Eindrücke und Sorgen eingeht. Eltern signalisieren damit, dass es sie interessiert, was in der Schule geschieht, und was mit dem Kind passiert.

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