Aachen - Der SS-Mann Boere und die „Silbertannenmorde”

Der SS-Mann Boere und die „Silbertannenmorde”

Von: Wolfgang Schumacher
Letzte Aktualisierung:
SS-Prozess / Heinrich Boere
Der Angeklagte Heinrich Boere (links, vorne) sitzt in Aachen im Saal des Landgerichts. Foto: dpa

Aachen. Nach den heftigen Juristenscharmützeln am ersten Prozesstag des Schwurgerichtsverfahrens gegen den ehemaligen SS-Mann Heinrich Boere (88) aus Eschweiler ist am Montag am 2. Verhandlungstag ein wenig Normalität eingekehrt - falls das überhaupt eine Kategorie für eines der wahrscheinlich letzten Verfahren gegen Nazitäter auf deutschem Boden ist.

Die Schwurgerichtskammer am Aachener Landgericht unter Vorsitz von Richter Dr. Gerd Nohl lehnte den Antrag der Strafverteidiger Gordon Christiansen und Matthias Rahmlow ab, den Chefankläger der Dortmunder Schwerpunktstaatsanwaltschaft für Naziverbrechen Ulrich Maaß wegen Befangenheit in die Wüste zu schicken. Er habe sich völlig im Rahmen seines Auftrages gehalten, begründete der Vorsitzende die Entscheidung.

Die Verteidiger Heinrich Boeres hatten moniert, der Ankläger habe sich in einer Sendung des Niederländischen Fernsehens über die Mordtaten von 1944 zu weit aus dem Fenster gelehnt, zudem habe er zugelassen, dass die Reporter von NL1 die Persönlichkeitsrechte des „schwer kranken Rentners” (Christiansen) bei Filmaufnahmen im Eschweiler Altenheim missachtet hätten.

Endlich verlas der zweite Sitzungsstaatsanwalt Andreas Brendel dann die Anklage. Danach hat der bereits 1949 von einem Sondergericht in Amsterdam zum Tode verurteilte Boere als Mitglied der „germanischen SS” und des Kommandos „Feldmeijer” in den von den Deutschen besetzten Niederlanden drei Menschen erschossen. Das SS-Todesschwadron sei, so hieß es im Anklagetext, als Vergeltungsmaßnahme für Widerstandshandlungen unter dem Decknamen „Silbertanne” ausgeschickt worden, um im Juli 1944 den Apotheker Fritz Bickinese in Breda und im September 1944 zunächst den leitenden Angestellten Teunis de Groot in Voorschoten sowie den Prokuristen Frans Willem Kusters in Wassenaar mit Pistolenschüssen hinzurichten.

Der Kölner Anwalt Detlef Hartmann verlas am Montag im Namen des Sohnes von Opfer de Groot eine Stellungnahme. De Groot (76) hatte am ersten Tag dem in den Niederlanden viel beachteten Prozess beigewohnt. Darin beschreibt de Groot, er habe dem Mörder seines Vaters endlich in die Augen sehen wollen. Er solle Reue zeigen und sich dem späten Urteilsspruch des Gerichts „ohne Berufungsinstanz” beugen.

Doch davon ist man in diesem Verfahren weit entfernt. Denn kaum war die Anklage verlesen, stellten die Verteidiger sogar den Antrag, das Verfahren mittels „Prozessurteil”, also ohne in der Sache zu entscheiden, einzustellen. Denn laut dem Schengener-Abkommen sei es auch im EU-Geltungsbereich nicht mehr möglich, einen Menschen zwei Mal für die gleiche Sache zu verurteilen. Da dies bereits 1949 in Amsterdam geschehen sei und der Mandant damals bereits zwei Jahre verbüßt habe, müsse die Sache jetzt eingestellt werden. Das Todesurteil gegen den staatenlosen Boere wurde damals in lebenslang umgewandelt.

Der jetzigen Anklage sind in 1983 und 1984 Juristenauseinandersetzungen vorausgegangen, die insbesondere in den Niederlanden niemand begreifen mag. So seien die Silbertannen-Morde vom Völkerrecht gedeckte Repressionshandlungen der Besatzungsmacht, rechtfertigten noch 1984 deutsche Staatsanwälte die Entscheidung, Boere nicht in die Niederlande auszuliefern.

Dazu kam, dass der staatenlose SS-Mann durch seinen Eintritt in die faschistische Terrororganisation wahrscheinlich die deutsche Staatsangehörigkeit habe und nicht ausgeliefert werden dürfe. Der Nebenklageanwalt Hartmann (Köln) warnte eindringlich seine Kollegen Verteidiger auf der Gegenseite davor, den Status von Täter und Opfer umzudrehen. Das sei in einem solchen Verfahren von historischen Dimensionen unlauter und nicht akzeptabel.
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