Der Segelmacher vom Rursee: Das neue Leben des Michael Bartz

Von: Marlon Gego
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Kehrtwende mit 34 Jahren: Michael Bartz ist Segelmacher am Rursee. Er verdient zwar jetzt weniger, dafür ist er zufriedener. Foto: Gego

Heimbach. Es gibt nicht mehr viele Boote am Rursee, auf denen Michael Bartz noch nicht gearbeitet hat. Er geht über den kleinen Steg der kleinen Marina in Heimbach und zeigt, was er in den vergangenen Jahren so alles gemacht hat. Auf dieser Yacht den Segelsatz, auf jener die Persenning, für die gelbe Yacht am Nachbarsteg eine Sprayhood und für die Jolle da drüben den Spinnaker.

Auf dieser Yacht den Segelsatz, auf jener die Persenning, für die gelbe Yacht am Nachbarsteg eine Sprayhood und für die Jolle da drüben den Spinnaker. Wohin er auch schaut, überall sieht er das Ergebnis seiner Arbeit. Er stemmt die Hände in die Hüften und sieht zufrieden über den Rursee. Bartz ist Segelmacher, der einzige im Umkreis von 400 Kilometern.

Segelmacher gibt es, seit es Segelschiffe gibt, also etwa seit 5000 vor Christus. Bei den großen Regatten sind Segelmacher bis heute mit an Bord, aber ansonsten ist in dem Beruf nichts mehr so, wie es war. Die Segel sind nicht mehr aus Baumwolle, sondern meist aus Polyester, viele Segel können mittlerweile auch industriell gefertigt werden. Deswegen gibt es in ganz Deutschland nur noch 246 Segelmacher.

Dass aus Michael Bartz einmal ein Segelmacher werden würde, war ihm selbst lange gar nicht klar, er hat ja erst mit 29 zu segeln begonnen. Noch als er anfing, die ersten Segel zu machen oder zu reparieren, wusste er nicht, dass er jemals Segelmacher werden würde.

Erst 2009, da war Bartz schon 34, hat er sich dazu entschlossen, seinen Beruf als Produktmanager für Papiermaschinenbespannungen in Düren aufzugeben und bloß noch Segel, Bootsabdeckungen (Persenninge) und Gischtschutzabdeckungen (Sprayhoods) herzustellen. Und das kam so:

Günter Becker betreibt eine kleine Marina in Heimbach am nordöstlichen Ende des Rursees, an seinen Stegen liegen ein paar Dutzend Boote von Privatleuten. In Beckers Segelschule lernte Bartz damals das Segeln, er wohnt ja nur ein paar Kilometer entfernt den Berg hoch, in Nideggen-Schmidt.

Bartz kaufte sich ein kleines Holzboot, das an Beckers Steg liegt. Bartz verbrachte also viel Freizeit in der Marina. Und weil er technisch und handwerklich begabt ist, flickte er manchmal Segel oder Persenninge von Menschen, deren Boote bei Becker liegen. Zu dieser Zeit gab es keinen einzigen Segelmacher mehr in der Region, nur einen in Holland, 400 Kilometer vom Rursee entfernt.

Wer also was zu flicken hatte oder neue Segel wollte, die nicht in einer chinesischen Fabrik hergestellt werden, musste den Segelmacher aus Holland kommen lassen. Nach und nach sprach sich herum, dass es in Heimbach jemanden gibt, der Segel flicken und herstellen kann, die Nachfrage stieg solange, bis Bartz sich 2009 dazu entschloss, einfach Segelmacher zu werden.

Es ist ein großer Unterschied, ob man mit maschinell oder manuell gefertigten Segeln unterwegs ist, qualitativ wie preislich. Bartz schneidet die Segel individuell auf jedes Boot zu und kann auf die Interessen des Bootseigentümers eingehen: Will er schnell segeln? Will er gemütlich segeln? Segelt er nur auf dem Rursee? Oder plant er eine Atlantiküberquerung?

Im Anschluss berechnet Bartz das Segel, bestellt die Materialien, wenn er sie nicht vorrätig hat, und beginnt, es mit Schere, Nähmaschine und Nadel zuzuschneiden und zu nähen. Entweder zu Hause in Schmidt, oder unten bei Günter Becker in der Marina.

Bartz läuft in Badelatschen über den Steg und schaut die bewaldeten Hänge hinauf, die seinen Arbeitsplatz unten in Heimbach umgeben. Frei zu sein, sagt Bartz, das sei ihm eigentlich das Wichtigste. Er verdient weniger als früher, aber er ist zufriedener. Und freier.

Kein schlechtes Geschäft, findet Bartz.

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