Aachen - Der Richter und die zerlegten Indizien: Freispruch für Lianne Zwanenberg

Der Richter und die zerlegten Indizien: Freispruch für Lianne Zwanenberg

Von: Marlon Gego
Letzte Aktualisierung:
Lianne Zwannenberg
Lianne Zwanenberg flossen vor Erleichterung minutenlang die Tränen. Foto: Kreutz

Aachen. Richter Quarch hatte den ersten Satz der Urteilsverkündung noch gar nicht richtig ausgesprochen, da begann das Publikum bereits zu johlen. Applaus, spitze Schreie, die Kameradin darf das Gericht als freie Frau verlassen.

Die Kameradin, also die niederländische Anarchistin Lianne Zwanenberg, weinte minutenlang Tränen der Erleichterung, der Richter lächelte milde und bat freundlich, Platz zu nehmen, um dann aus „Der gute Mensch von Sezuan“ von Bertolt Brecht zu zitieren:

„Wir stehen selbst enttäuscht und seh‘n betroffen/Den Vorhang zu und alle Fragen offen.“

Wieder Applaus, wieder lautes Johlen, wieder lächelte der Richter. Und Zwanenberg konnte ihr Glück noch gar nicht richtig fassen.

Das Aachener Landgericht hat am Donnerstag die 29 Jahre alte Lianne Zwanenberg vom Vorwurf freigesprochen, zusammen mit zwei bislang unbekannten Mittätern am 8. Juli 2013 eine Bank in der Aachener Innenstadt überfallen und 42.235 Euro erbeutet zu haben. Die Kammer habe sich bemüht die Tat zu rekonstruieren, erklärte der Vorsitzende Richter Matthias Quarch, habe alle wissenschaftlichen Möglichkeiten ausgeschöpft, doch am Ende sei eben nur festzustellen: „Es gibt Indizien, die die Angeklagte belasten, aber es bleiben auch Zweifel.“ Das Gesetz lasse in diesem Fall nur zu, die Angeklagte freizusprechen.

Ein bislang unbekannter Witzbold

Quarchs Zweifel begannen schon beim stärksten Indiz, nämlich Zwanenbergs DNA-Spuren, die auf zwei in der Bank gefundenen Pistolen festgestellt worden waren. Ein Problem sei, dass die Pistolen erst elf Tage nach der Tat in einem selten benutzten Aktenschrank nahe dem Ausgang gefunden worden waren, eine Ermittlungspanne. Quarch legte einige denkbare Varianten dar, wie die Waffen in den Schrank gelangt sein könnten; dass die Täter sie nach dem Überfall dort deponiert hatten, sei nur eine von vielen Möglichkeiten. Und Quarch skizzierte allen Ernstes ein Szenario, demzufolge ein bislang unbekannter Witzbold die Pistolen nach dem Überfall in besagtem Schrank abgelegt haben könnte, um den Bankangestellten einen Streich zu spielen.

Zudem gebe es viele Möglichkeiten, wie Zwanenbergs DNA an die Waffen gelangt sein könnte. Dass sie am Überfall beteiligt gewesen ist, sei nur eine dieser Möglichkeiten. Und so zerlegte Quarch die von den Ermittlern zusammengetragenen Indizien in ihre Einzelteile, so dass am Ende nichts übrigblieb als Zweifel und Bedenken.

Von Beginn an hatte Richter Quarch den Prozess im verbindlichen Tonfall der Nachsichtigkeit geführt und kaum einen Hehl daraus gemacht, dass seiner Auffassung nach „die vielen Rätsel dieses Falles möglicherweise nie geklärt werden können“, wie er schon am dritten Prozesstag sagte. Ein früher Hinweis darauf, worauf der Prozess unter seinem Vorsitz hinauslaufen wird, nämlich auf einen Freispruch.

Die Aachener Staatsanwaltschaft zeigte sich von Quarchs 24-minütiger Urteilsbegründung wenig beeindruckt, sie bewertet die Indizienlage völlig anders. Nur zwei Stunden nach dem Ende des Prozesses legte die Staatsanwaltschaft daher Revision ein, der Bundesgerichtshof wird sich im Laufe des kommenden Jahres also mit dem Fall befassen müssen.

Zweifelsfrei hat der Prozess lediglich eines ergeben: Die Tat wurde von Menschen begangen, die wie Zwanenberg in Kontakt zur linksextremen Hausbesetzerszene Barcelonas stehen. Ermittler in vielen Teilen Europas waren jahrelang der Frage nachgegangen, wie sich die linksextreme Szene unter anderem in Barcelona finanziert. Die Ermittlungen zu drei Überfällen, die 2012, 2013 und 2014 auf drei nahe beieinanderliegende Banken in der Aachener Innenstadt stattgefunden hatten und die die Grundlage auch für den Prozess gegen Zwanenberg waren, lieferten eine wichtige Antwort.

Der Pax-Bank-Überfall

Richter Quarch wies am Donnerstag darauf hin, dass nach Erkenntnissen der katalonischen Polizei viele kriminelle Frauen zur Hausbesetzerszene Barcelonas gehören, unter anderem die 35 Jahre alte Lisa Dorfer. Gegen sie und einen der mutmaßlichen Mittäter wird am 23. Januar der Prozess wegen des Überfalls auf die Aachener Pax-Bank am 19. November 2014 beginnen. Die Beute, die die Täter damals machten: 425410 Euro.

Es wird interessant sein zu sehen, zu welchen Schlüssen eine andere Kammer mit einem anderen Vorsitzenden Richter nächstes Jahr am Aachener Landgericht in diesem Prozess kommen wird.

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