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Der rätselhafte Mord an Christian L.

Von: Marlon Gego
Letzte Aktualisierung:
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Tatort mitten in Eschweiler: Am 14. August wurde nahe der Inde der geistig zurückgebliebene Christian L. ermordet. Die mutmaßlichen Täter sind ermittelt, doch die Hintergründe der Tat erscheinen rätselhaft. Am Dienstag beginnt am Landgericht Aachen der Prozess gegen drei Männer und zwei Frauen. Mit dem Urteil wird nicht vor Mitte Mai gerechnet. Foto: Tobias Röber

Eschweiler/Aachen. Der Ort, an dem Christian L. am 14. August ermordet wurde, liegt mitten in Eschweiler an der Inde, nicht weit von der Autobahnauffahrt entfernt, aber doch so verborgen, dass es zunächst keine Zeugen der Tat gab.

Es war ein warmer, feuchter Abend, aber weil es den ganzen Tag über immer wieder gewittrig gewesen war und es geregnet hatte, war abends kaum mehr jemand auf der Straße. Als ein Freund den geistig zurückgebliebenen Christian L. um kurz vor 22 Uhr in der Nähe des späteren Tatorts aus dem Auto ließ, rechnete L. mit vielem. Aber nicht damit, in den nächsten Minuten sterben zu müssen.

Der Mord am damals 29 Jahre alten Christian L. ist einer der rätselhaftesten Mordfälle der jüngeren Kriminalgeschichte und es hat ein paar Wochen gedauert, ehe Polizei und Staatsanwaltschaft ermittelt hatten, was eigentlich genau passiert war. Angeklagt sind fünf Menschen: drei Hauptangeklagte, die des gemeinschaftlichen Mordes beschuldigt werden, und ein Mann und eine Frau, die der Beihilfe beschuldigt werden. Am Dienstag beginnt der Prozess vor der Schwurgerichtskammer des Aachener Landgerichts, Raum A 0.009, 9Uhr, den Vorsitz hat Richter Arno Bormann.

Christian L. hatte vergangenes Jahr bei Facebook ein Mädchen kennengelernt, zwölf Jahre alt erst, doch als er Kontakt mit ihr aufnahm, ahnte er von ihrem Alter nichts. Die Eltern hatten dem Mädchen das Profil einer 22-Jährigen angelegt, damit sich ihre Tochter ohne Einschränkungen bei Facebook bewegen konnte. Als Christian L. das Mädchen kennenlernte, ging er also davon aus, mit einer 22-Jährigen in Kontakt zu treten, so steht es in der Anklage, die die Aachener Staatsanwaltschaft beim Prozessauftakt verlesen wird.

Davon abgesehen passierte zwischen Christian L. und der Zwölfjährigen nichts, das nicht hätte passieren dürfen, jedenfalls fand die Staatsanwaltschaft keine Hinweise darauf. Trotzdem gewannen die Eltern der Zwölfjährigen den Eindruck, dass Christian L. ein sexuelles Interesse an ihrer minderjährigen Tochter entwickelt und möglicherweise sogar schon Fotos ihrer Tochter auf seinem Handy gespeichert hatte. Sie erstatteten Strafanzeige, die Aachener Staatsanwaltschaft leitete ein Ermittlungsverfahren gegen Christian L. ein. Doch schon nach kurzer Zeit wurde das Verfahren wieder eingestellt, weil Polizei und Staatsanwaltschaft nicht den geringsten Hinweis darauf fanden, der den Verdacht der Eltern bestätigt hätte.

Für die Eltern war der Fall damit keineswegs abgeschlossen. Die Mutter der Zwölfjährigen versuchte, über Facebook Kontakt mit Christian L. aufzunehmen, was allerdings misslang. Sie erzählte einer 38 Jahre alten Freundin von Christian L.s angeblichem sexuellen Interesse an ihrer Tochter und bat die Freundin, das Vertrauen von Christian L. zu gewinnen. Nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft planten die Eltern gemeinsam mit der Freundin, Christian L. in eine Falle zu locken, zur Rede zu stellen und wohl auch, ihn zu verprügeln.

Der 38-jährigen Freundin der Mutter gelang es in der Tat, Kontakt mit Christian L. aufzunehmen und sein Vertrauen insoweit zu gewinnen, dass er sich darauf einließ, sich am Abend des 14. August mit der 38-Jährigen an der Inde zu treffen. Es war aber nie geplant, dass sie am vereinbarten Treffpunkt erscheint. Stattdessen erwarteten der 39 Jahre alte Vater der Zwölfjährigen und seine 31-jährige Ehefrau ihr Opfer Christian L. um 22 Uhr am Treffpunkt. Sie stellten ihn zur Rede und hielten ihm sein angebliches sexuelles Interesse an ihrer minderjährigen Tochter vor, ließen sich sogar die Fotos auf seinem Handy zeigen. Doch unter den Fotos fand sich keines ihrer Tochter.

Wie genau sich das Gespräch entwickelte, ist bis heute nicht ganz klar. Fest steht nur, dass das Ehepaar Christian L. um kurz nach 22 Uhr mit einem Totschläger und einem Messer schwer verletzte, verschwand und ihn einfach nahe der Inde liegen ließ, wo er dann verblutete. In einem Gebüsch am Tatort hatte sich ein 26 Jahre alter Bekannter aus Würselen für den Fall bereitgehalten, dass es Christian L. gelungen wäre, sich den Angriffen zu widersetzen und zu fliehen.

Für den Prozess sind 15 Verhandlungstage vorgesehen, das Urteil wird erst Mitte Mai erwartet. Es sollen 23 Zeugen und vier Sachverständige aussagen, ein außergewöhnlich umfangreiches Verfahren. Am Ende wird es vor allem darum gehen, wie die Eltern der Zwölfjährigen darauf gekommen sind, dass Christian L. ein sexuelles Interesse an ihrer Tochter gehabt haben könnte. An ihrer Schuld bestehen kaum ernsthafte Zweifel.

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass das Ehepaar und der 26-jährige Würselener gemeinsam geplant hatten, Christian L. an diesem Abend zu töten, alle drei sind des gemeinschaftlichen Mordes angeklagt. Die 38 Jahre alte Freundin der Mutter und ein 42 Jahre alter Mann, der während der Tat auf die Kinder des Ehepaares aufpasste, sind der Beihilfe beschuldigt. Allerdings nicht der Beihilfe zum Mord, sondern der Beihilfe zur gefährlichen Körperverletzung. Die Staatsanwaltschaft fand am Ende keine Beweise dafür, dass die Freundin der Mutter und der 42-jährige Mann geahnt hatten, dass Christian L. am 14. August ermordet werden sollte.

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