Aachen - Der rätselhafte Dom-Bauplan: einfach oder kompliziert?

Der rätselhafte Dom-Bauplan: einfach oder kompliziert?

Von: Claudia Schweda
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Das Oktogon im Aachener Dom: G
Das Oktogon im Aachener Dom: Gebildet aus einem Kreis, in dem ein Quadrat rotiert. Montag will der Landschaftsverband Rheinland neue Erkenntnisse zum Bauplan vorlegen.

Aachen. Bei der Berechnung eines Bauplans ist es wie bei einem Sudoku-Rätsel: Entweder der Plan geht auf, oder eben nicht. Der Aachener Dom steht. Also ist der Plan aufgegangen. Überliefert aber ist er nicht.

1994 legte der Aachener Physikprofessor Axel Hausmann ein mathematisch logisches Modell des Bauplans vor. Den heute 73-Jährigen „würde es schon sehr wundern”, wenn sein Modell am kommenden Montag widerlegt würde. An diesem Tag nämlich will der Landschaftsverband Rheinland (LVR) nichts Geringeres präsentieren als „die Enthüllung eines 1200 Jahre alten Rätsels”. „Die perfekte Geometrie der Pfalzkapelle Karls des Großen in Aachen” sei entschlüsselt, „das Rätsel des Bauplans” ergründet. Die Figuren Kreis und Quadrat, wird in der Einladung angedeutet, spielten eine zentrale Rolle.

Das wiederum wundert Hausmann nicht. Sein Buch zur Entschlüsselung des Dombauplans trägt den Titel „Kreis, Quadrat und Oktogon”. Die Grundannahme des Physikprofessors, der auch ein Staatsexamen in Philosophie abgelegt und mehrere Semester Archäologie studiert hat, ist, dass die gesamte Pfalzanlage nach einem einheitlichen geometrischen Prinzip errichtet wurde - und demnach auch heute noch als geometrische Konstruktion rekonstruierbar sein muss. Ergebnis: Quadrat und Kreis sowie ein rechtwinkliges Dreieck spielen ebenso wie bestimmte Zahlen im Bauplan und -vorgang zentrale Rollen. Karl habe ein geometrisches Prinzip gewählt, mit dem er, der Germane, seinen Anspruch auf die Macht als christlich-römischer Kaiser demonstrieren konnte: „Der Kaiser war Gottes Stellvertreter auf Erden. Das musste er den Menschen des 8. und 9. Jahrhunderts buchstäblich vor Augen führen.”

Deswegen habe Karl einen Tempel nach dem Vorbild des salomonischen Tempels in Jerusalem gebaut. Die biblischen Längenmaße von 60, 100 und 144 Ellen finden sich laut Hausmann in zentralen Bereichen des Aachener Baus wieder. Allerdings müsse man dafür erkennen, dass Karls Dom genau drei Maße zugrundeliegen: der karolingische Fuß (à 33,3 cm), die römische Elle (à 44,4 cm) und die große Elle (à 49,95 cm). Diese Maße tauchten an unterschiedlichen Stellen auf. „Wer die römische Elle als Maß im Erdgeschoss entdeckt und damit den Plan des Obergeschosses erstellen will, scheitert”, sagt Hausmann. Zudem steht der achte Tag im Christentum für den Tag des jüngsten Gerichts; das Oktogon folglich für das himmlische Jerusalem. Für Hausmann der „transzendente Grund für die Wahl dieser Bauform”.

1994 wurde er für sein Buch angefeindet, von Vorträgen ausgeladen, übel beschimpft. Er habe eben als Physiker im Gebiet von Historikern gewildert, sagt er gelassen; zudem mit der Verbindung zu Salomons Tempel eine These aufgestellt, auf die andere vor ihm nicht gekommen seien. Vielleicht hat der Physiker aber auch die abschreckende Wirkung komplizierter Formeln auf Geisteswissenschaftler unterschätzt.

Um zu seinen Erkenntnissen zu kommen, hat der Physiker viele Originaldokumente in Griechisch und Latein über Längenmaße und deren Reformen gelesen. Und er ist felsenfest überzeugt: „Mit einem Maß allein geht der Bauplan des Oktogons nicht auf.” Doch genau dieses eine Maß will die LVR-Denkmalpflegerin Dr. Ulrike Heckner am Montag in Aachen präsentieren. „Wir wissen jetzt exakt, welches Fußmaß dem Bauplan des Domes zugrundelag”, sagt sie. Es sei alles „viel, viel einfacher” als bislang angenommen. „Dafür brauchen sie nur Geometrie der 5. Klasse.” Sie kenne das Buch von Axel Hausmann „natürlich”. Nicht alles darin sei falsch, aber es treffe nicht den Kern der Sache. „Es ist halt anders.”

Vor Montag will sie nicht mehr verraten; nur soviel: Sie sei zufällig auf die neuen Erkenntnisse gestoßen. Für die gerade abgeschlossene Sanierung sei der Dom mit digitaler Technik exakt neu vermessen worden. Die wissenschaftliche Frage der Geometrie des Doms habe dabei nicht in ihrem Blickfeld gelegen. „Doch bei der Übertragung dieser neuen Daten auf ein 3D-Modell hat es einen Moment gegeben, wo einem ein Licht aufgeht”, sagt Heckner. Dann habe sie Zirkel und Lineal genommen - und alles habe gepasst.

Hausmann dagegen fragt: „Was nutzt einem eine genaue metrische Messung eines Baues, der in seiner heutigen Form erst seit 1910 existiert?” Der Wissenschaftler wird wohl genau nachrechnen und am Ende das Maß an die neuen Erkenntnisse anlegen, das er auch für sein Buch von anderen einfordert: „Wenns richtig ist, ist es richtig, wenns falsch ist, ist es falsch.”
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