„Der Personalnotstand droht nicht - er ist schon da”

Von: Jutta Geese
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Ob Kita oder Tagespflege: Der gesetzliche Anspruch auf einen Betreuungsplatz führt zu einer neuen Dimension des Personalmangels, fürchten Experten. Foto: ddp

Aachen. Droht ein Personalnotstand, wenn in gut zwei Jahren der Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz in der Kita oder in der Tagespflege auch für Ein- und Zweijährige gilt? „Nein”, sagt Matthias Schilling von der Uni Dortmund und Mitverfasser einer bundesweiten Studie zum Thema Ausbau der U3-Betreuung, „wir können uns aber auch nicht zurücklehnen.”

Denn die Zeit bis 2013 sei knapp und regional gebe es große Unterschiede. „Nein”, sagt auch Pfarrer Stephan Gedden, Vorsitzender des Kirchengemeindeverbandes Viersen, der für acht Kitas mit 500 Kindern und 73 Beschäftigten zuständig ist: „Der Personalnotstand droht nicht - wir stecken mittendrin.”

Mit unbesetzten Stellen muss Gedden schon jetzt leben. „Gott sei Dank sind unsere Mitarbeiterinnen bereit, das aufzufangen und mehr zu arbeiten. Ich weiß aber nicht, wie lange.” Insbesondere Berufseinsteigerinnen verlangten nach Vollzeitstellen, „die wir aber nicht anbieten können”, sagt er. „Wir haben auch schon beginnen müssen, unbefristete statt befristeter Verträge abzuschließen.”

Ein Risiko, seit die Finanzierung der Kitas von der Gruppen- auf die Kopfpauschale umgestellt worden ist und Eltern jedes Jahr neu Betreuungszeiten wählen können. Inzwischen fragten Bewerber auch schon nach außertariflicher Bezahlung, berichtet Gedden bei einer Tagung des Caritasverbandes im Bistum Aachen zum Thema Personalnot als Folge von U3.

Kampf um die besten Köpfe

Im „Kampf um die besten Köpfe werden wir über die Finanzierung reden müssen”, prophezeit er, zumal „die Schere zwischen Anforderungsprofil und Bezahlung immer weiter auseinanderklafft”. Sprich: Von Erzieherinnen wird immer mehr Qualität erwartet, das Gehalt aber bleibt relativ niedrig.

Ist der Personalnotstand also schon da? Und wird er durch U3 noch schlimmer? Laut Schilling hat Nordrhein-Westfalen „keine übermäßig große Personallücke” zu erwarten, jedenfalls nicht in Kitas. Um die von der Bundesregierung angestrebte Versorgungsquote von 32 Prozent der Kinder unter drei Jahren zu erreichen, fehlen nach seinen Berechnungen bis zum Jahr 2013 in NRW etwa 2700 Erzieherinnen und Erzieher. „Aber knapp 4000 werden jedes Jahr mit ihrer Ausbildung fertig”, betont er. In der Städteregion Aachen sowie den Kreisen Düren und Heinsberg verlassen im Schnitt 260 ausgebildete Erzieherinnen und Erzieher pro Jahr die Fachschulen.

Rein rechnerisch also eine klare Sache. Allerdings: Nur etwa 80 Prozent der Absolventen arbeiten nach dem Abschluss in einer Kita, die anderen gehen etwa an eine Offene Ganztagsschule. Und da nach den Vorstellungen der Politik ein Drittel der angestrebten Plätze nicht in Kitas, sondern in der Tagespflege angeboten werden sollen, fehlen im gleichen Zeitraum statistisch auch noch etwa 10.000 Tagesmütter oder -väter.

Und es gibt regionale Unterschiede. Für den Bistumsbereich stellt Schilling einen „nicht unerheblichen Personalbedarf” fest, da hier die Versorgungsquote der unter Dreijährigen nur zwischen sieben und 19 Prozent liege. „Wenn überall die 32-Prozent-Marke erreicht werden soll, fehlen bis 2013 etwa 12.000 Betreuungsplätze und damit 1600 Fachkräfte sowie 1200 Tagesmütter.” Doch schon jetzt zeichne sich ab, dass viel mehr Eltern als prognostiziert einen Betreuungsplatz für ihr Kleinkind suchen. Schilling hält eine Nachfrage von 37 Prozent für realistisch, und auch, dass diese Quote nach dem Jahr 2013 weiter steigen wird.

Hoher Altersdurchschnitt

Vom wenig kalkulierbaren Elternverhalten bei der Nachfrage sowie bei der Wahl „Kita oder Tagespflege” abgesehen, steht mancher Kita-Träger nicht nur vor der Frage, woher er qualifiziertes Personal bekommen soll, sondern auch, wie er Fachkräfte halten oder zurückholen kann. „Wir müssen attraktive Arbeitsplätze bieten, wir müssen Gesundheitsprophylaxe betreiben, und wir müssen uns mit der Frage beschäftigen: Was verändert sich, wenn zunehmend Ältere in den Einrichtungen arbeiten?”, sagt Andreas Wittrahm vom Caritasverband.

Letzteres ist im Caritasbereich durchaus eine drängende Frage, sagt die zuständige Fachreferentin Dagmar Hardt-Zumdiek. Denn das Durchschnittsalter der etwa 2500 Mitarbeiterinnen in den bistumsweit 341 Kitas liege bei 47 Jahren.
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