Der Pendler mit Posaune

Von: Sonja Essers
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Immer mit der Posaune unterwegs: Franz-Josef Classen ist karnevalsjeck. Der Erkelenzer spielt seit mehr als 40 Jahren mit den Original Eschweilern. Foto: Sonja Essers

Region. Fast zehn Mal hat Franz-Josef Classen in den vergangenen 41 Jahren bereits die Erde umrundet. Der 65-jährige Erkelenzer ist jedoch weder ein Top-Manager, der international unterwegs ist, noch ein Pilot, Seefahrer oder Lkw-Fahrer.

Franz-Josef Classen nimmt mehrmals in der Woche eine Strecke von 90 Kilometern auf sich und das nur, um seinem Hobby nachzugehen: der Musik. Er ist so etwas wie ein Pendler mit Posaune.

Seit fast einem halben Jahrhundert fährt der Hobby-Musiker bis zu sieben Mal in der Woche zwischen Erkelenz und Eschweiler hin und her. In der Karnevalshochburg an der Inde ist er Mitglied in der Big Band Original Eschweiler, mit der er in Spitzenzeiten bis zu 110 Auftritte pro Karnevalssession absolvierte.

Inzwischen sind es rund 50 Karnevalsauftritte für die 26 Hobby-Musiker. Doch auch in seiner Heimatstadt Erkelenz ist Classen in musikalischer Hinsicht kein unbeschriebenes Blatt. 15 Jahre spielte er dort beim Fanfarenkorps „Die Mennekrather“, das auch heute noch auf den großen Bühnen in der Region unterwegs ist. Classen spielte dort nicht nur Trompete – mittlerweile ist er Posaunist – sondern bildete die Musiker auch aus.

Das änderte sich jedoch im Jahr 1975. Classen suchte damals nach einer neuen musikalischen Herausforderung. Im Radio hörte ein Interview mit dem damaligen Korps-Leiter der Original Eschweiler, Willy Jouhsen. „Ich fand ihn damals so toll, dass ich mir eine Autogrammkarte von ihm habe schicken lassen, weil er für mich ein außergewöhnlicher Musiker war, ähnlich wie James Last“, erinnert sich Franz-Josef Classen und lacht.

Im Februar 1975 machte sich Classen also auf den Weg nach Eschweiler. Sein Ziel: Willy Jouhsen davon zu überzeugen, ihn bei den Original Eschweilern mitspielen zu lassen. Kein einfaches Unterfangen. Immerhin war die Gruppe damals nicht nur mit über 100 Auftritten erfolgreich in der Karnevalssession unterwegs.

Die Musiker nahmen darüber hinaus auch Jahr für Jahr Schallplatten auf und tourten durch die gesamte Welt. Nur wenige Wochen nach Classens Besuch stand eine dreiwöchige Reise durch Namibia an – mit einigen Auftritten.

An seinen ersten Besuch bei seinem großen Vorbild erinnert sich Classen auch Jahrzehnte später noch ganz genau: „Willy Jouhsen hat damals zu mir gesagt, dass Erkelenz eigentlich viel zu weit weg sei. Da ich damals noch kein Auto hatte, habe das gar keinen Sinn.“ Doch Classen ließ nicht locker und erreichte schließlich, dass er nach der Tour der Musiker die Proben besuchen durfte. „Willy und seine Frau haben trotzdem nicht geglaubt, dass sie mich wiedersehen würden. Das haben sie mir einige Jahre später dann mal erzählt“, sagt der Rentner.

Doch der damalige Student meinte es ernst. Im April kam er erneut in die Inde­­stadt. Mittlerweile hatte er sich sogar ein Auto zugelegt, einen alten VW-Käfer in mausgrau, der nur 30 Kilometer in der Stunde zurücklegte. „Wenn wir nach den Auftritten erst gegen zwei Uhr nachts wieder in Eschweiler ankamen, hatte ich noch ein paar Kilometer vor mir. Da dauerte die Rückfahrt ganz schön lange“, sagt er.

Im Laufe der Jahre hat der 65-Jährige insgesamt vier Wagen verschlissen. Bereut hat er seine Entscheidung, in der Indestadt Musik zu machen, allerdings nie.

„Ich bin eben ein richtiger Karnevalist. Karneval ist für mich etwas ganz Besonderes. In kaum einem Verein hätte ich als Hobby-Musiker so tolle Auftritte gehabt. Das ist heute auch noch so“, sagt er. Sein Highlight jeder Session: die Bühnen in der Karnevalshochburg Köln. „Alleine wenn ich an den Großen Sartory-Saal denke, bekomme ich eine Gänsehaut. Dort auf der Bühne zu stehen und Musik zu machen, ist einfach toll“.

Und auch bis weit hinter Köln hat ihn seine Leidenschaft gebracht: Die Truppe reiste bereits nach New York, Toronto, Calgary, Bangkok, Johannesburg, Windhoek, Mexico City, Las Vegas, Rio de Janeiro, Paris und Athen. Dort gaben die Musiker überall Konzerte und gewannen so auch neue Fans hinzu.

Dazu gibt es natürlich auch allerhand Anekdoten. So machte einer der Musiker Urlaub in Namibia. Dort traf er an einer Tankstelle einen Einheimischen, der ihn ansprach. Die beiden Männer waren sich zuvor zwar noch nie begegnet, aber der Mann kannte das Gesicht des Eschweiler Musikers dennoch: Er hatte ihn bereits etliche Male auf dem Cover einer Schallplatte gesehen.

Der Einheimische holte schnell die Scheibe und zeigte sie dem Musiker stolz. Das Motto der Musiker heißt eben nicht ohne Grund „in der Welt zu Gast“, meint Franz-Josef Classen.

Nachdem der Erkelenzer im April 1975 endlich bei den Original Eschweilern startete, ging für ihn noch im selben Jahr ein großer Wunsch in Erfüllung. Nach der dreiwöchigen Tour durch Thailand, die im Oktober stattfand, wurde er im November nicht nur in das Korps, sondern auch in die KG Rote-Funken-Artillerie Eschweiler aufgenommen.

Natürlich gehört er auch heute noch beiden Vereinen an und wurde für sein karnevalistisches Engagement nicht nur mit dem Orden des Karnevals-Komitees der Stadt Eschweiler, sondern auch mit Orden des Bundes Deutscher Karneval (BDK) ausgezeichnet.

Doch nicht nur Reisen und Auftritte sind für den Erkelenzer absolute Highlights. 32 Musikproduktionen, darunter Schallplatten, CDs und MCs, haben die 26 Musiker in den vergangenen 64 Jahren aufgenommen. Auftritte in Funk und Fernsehen gehören ebenfalls dazu.

Bleibt nur noch eine Frage zu klären. Warum ist der Vollblutkarnevalist nie nach Eschweiler gezogen? In der Inde­stadt fühlt er sich schließlich schon seit Jahrzehnten pudelwohl. Ein Umzug kam für ihn und seine Frau Rita trotzdem nie in Frage. „Wir sind Erkelenzer durch und durch. Meine Frau und ich sind dort geboren und wollten immer dort bleiben“, sagt er und fügt mit einem breiten Grinsen hinzu: „Nur an Karneval, da gelten andere Regeln.“

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