Maastricht - Der „Ökotainer” mit den vielen verrückten Ideen

Der „Ökotainer” mit den vielen verrückten Ideen

Von: Amien Idries
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„Ich fahr mit Pflanzenöl”:
„Ich fahr mit Pflanzenöl”: Einer von Unfrieds schrägen Internet-Auftritten im Dienste der ökologischen Sache. Foto: Jörg Birkelbach/primaklima.tv

Maastricht. Wenn Martin Unfried von seinen Ideen erzählt, tritt häufig der Effekt ein, dass man zunächst ein wenig distanziert schmunzelt, dann überlegt und schließlich denkt: „Warum eigentlich nicht?” Eine dieser Ideen ist das emotionale Tempolimit, mit dem Unfried den Verkauf umweltschonender Autos ankurbeln will.

„Wer ein sparsames Auto fährt, darf rasen”, lautet Unfrieds Temporegel. Je höher der CO2-Ausstoß, desto niedriger die erlaubte Höchstgeschwindigkeit.

„Das wäre toll. Die PS-Protze müssten mit 110 km/h auf der rechten Spur fahren, und ich könnte sie mit meinem Dreiliterauto problemlos überholen”, sagt Unfried. Der Effekt aus seiner Sicht: Die Audi-, BMW- und Mercedesfahrer würden das vermutlich zwei oder drei Tage aushalten und wären dann nervlich am Ende. „Die würden auf Knien ins Autohaus rutschen und um ein sparsameres Auto bitten.”

Martin Unfried, 1966 im schwäbischen Ellwangen geboren und seit zehn Jahren wohnhaft in Maastricht, bereitet es sichtlich Vergnügen, solche - auf den ersten Blick spinnerten Ideen - zu entwickeln und die Reaktion seines Gegenübers abzuwarten. Unfried ist „Ökotainer”. Er will Ökologie sexy und emotional verkaufen und nimmt dafür gerne in Kauf, als ein wenig schräg zu gelten.

Und schräg sind seine Musikvideos, die er via Internet unter das Ökovolk bringt, durchaus. Egal ob das Countrylied für Pflanzenöl als Benzinersatz oder der Partykracher zum Störfall bei Vattenfall: Unfried ist kaum etwas peinlich, solange er seine Botschaft rüberbringen kann. Und die ist weitaus vielschichtiger, als es durch die bunten Videos auf seiner Homepage erscheinen mag.

Im wirklichen Leben ist Unfried denn auch kein durchgeknallter Öko-Freak, sondern ein seriöser Familienvater, der sich als Schwabe in Limburg ausgesprochen wohlfühlt. Der studierte Politik- und Theaterwissenschaftler und ehemalige Radiojournalist arbeitet für das in Maastricht angesiedelte „Europäische Institut für Öffentliche Verwaltung” (Eipa).

Dort forscht er und schult EU-Beamte zur Umwelt- und Klimapolitik. „Maastricht ist wegen der Grenznähe für mich der optimale Ort. Ich kann in den Niederlanden seriös meine Arbeit machen und in Deutschland - gewissermaßen als Ausgleich - meinem heiteren Öko-Hobby nachgehen.”

Ausgangspunkt für das heitere Hobby war 2005 eine neue Kolumne in der „Tageszeitung” („Taz”), bei der sein Bruder Peter damals stellvertretender Chefredakteur war. „Die ?Taz wollte, dass ich etwas zum Thema Ökologie mache, und wir brauchten einen knalligen Namen.” So entstand die Kolumne „Ökosex”.

Ganz einfach, weil Öko zum damaligen Zeitpunkt alles anderes als sexy war. Unfried schreibt locker-flockig über Atomausstieg und Klimawandel, ohne den Zeigefinger zu heben oder Moralin zu verspritzen. Inzwischen ist die Kolumne preisgekrönt, und Unfried wird zu Kongressen eingeladen, bei denen er seine Ideen und Lieder präsentiert.

Unfried interessiert vor allem die gesellschaftliche Ebene der Umweltpolitik, die seiner Ansicht nach in Deutschland immer noch vernachlässigt wird. Welches Image hat Öko? Wie kann man Menschen, dazu bringen, sich ökologisch bewusst zu verhalten? Warum verstehen viele die Brisanz des Klimawandels, aber handeln nicht danach? Als Hauptproblem hat Unfried hierbei die Verzichtsrhetorik der „Ökomoralisten” ausgemacht, zu denen er früher selbst gehört hat.

„Die verbissene moralische Aufladung von Umweltpolitik ist kontraproduktiv”. Die vergangenen Jahrzehnte hätten gezeigt, dass es nicht an logischen Argumenten oder Fakten mangele. Was fehle, seien die positiven Gefühle. Ökologisch sinnvollem Verhalten habe stets das Image angehaftet, dass man verzichten müsse und dies für sein Gewissen mache. „Das hat bei vielen zu einer Blockadehaltung geführt”, analysiert Unfried. Besonders bei trendsetzenden Eliten wie Werbeleuten oder Journalisten.

Keine Frage, man könne über Konsumverzicht reden. Vor allem weil viele Leute dächten, heute müssten sie auf nichts verzichten. „Wenn man in den Niederlanden wohnt und mit Fahrradwegen verwöhnt ist, wundert man sich schon, wenn man in eine deutsche Stadt kommt, wo alles dem Autoverkehr untergeordnet ist. Dort verzichten die Menschen meines Erachtens auf viel Lebensqualität”, sagt Unfried. Viel wichtiger aber als der Verzicht sei der Konsumumbau.

Hier gelte es, Öko ein neues Image zu verpassen. Unfried nennt das den Kampf um die Herzen. Dazu müsse man die Mechanismen der Konsumgesellschaft verstehen und die Werbung nutzen. „Wir müssen ökologisch sinnvolle Produkte mainstreamfähig machen”, sagt Unfried im Werbe-Deutsch. Kunden sollen umweltfreundliche Produkte nicht kaufen, weil sie gute Menschen sind, sondern, weil es um Lifestyle geht. Nur so könne es funktionieren.

Als Beispiel nennt Unfried den Dreiliter-Lupo, den VW von 1999 bis 2005 produzierte. „Neben dem relativ hohen Preis waren die Gründe für den mäßigen Verkaufserfolg vor allem Marketingfehler.” VW habe ein bereits bestehendes Modell, das ein biederes Image hatte, als Grundlage für das erste serienmäßige Dreiliterauto genommen und in seiner halbherzigen Kampagne an das Gewissen der Kunden appelliert. „Das ist grotesk. VW baut mit viel technischem Aufwand ein Auto mit dem sparsamsten Motor der Welt und nutzt bei der Werbung das Faszinosum Technik überhaupt nicht.”

Ganz anders Toyota. „Das Hy-bridauto Prius wurde bewusst als technologisches Spitzenprodukt beworben, das man haben muss.” Hinzu gekommen sei, dass Hollywood-Stars wie Leonardo di Caprio und George Clooney die Ökologie und den Prius für sich entdeckten. Mit dem Ergebnis, dass der Hybrid ein Erfolg wurde. „Das zeigt, was man mit Image und Gefühl erreichen kann.” Die positiven Gefühle für spritfressende Sportwagen seien eben nicht gottgegeben, sondern von der Automobilindustrie in den vergangenen Jahrzehnten strategisch aufgebaut worden.

Und dann ist Unfried wieder bei einer seiner Ideen. Viel hänge eben an Eliten und Prominenten. Wenn Heidi Klum Werbung für einen VW-Geländewagen mit hohen CO2-Emissionen von 200 g/km macht, dann habe das einen Effekt. Ebenso wie Gutscheine für Atom- und Kohlestrom von Eon, die bei „Wetten Dass..?” werbewirksam in die Kamera gehalten werden. Zum Glück aber seien Prominente käuflich.

Wie wäre es also, fragt Unfried, wenn die Bundesregierung 100 Millionen Euro in die Hand nähme, und dafür zehn A-Promis für fünf Jahre kaufen würde? Schumi, Tokio Hotel, Hape Kerkeling, Heidi Klum, André Rieu und andere würden mit 1A-Klimaschutzprodukten ausgestattet und müssten sich verpflichten, immer und überall mit ihrem Energieplushaus und dem Verbrauch ihres Autos anzugeben. Produktplacement mit den richtigen Produkten, nennt Unfried das. „Mit einer solchen Kampagne ließe sich mehr für Umweltschutz tun als mit Demonstrationen.”
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