Aachen - Der nicht enden wollende Fall Lydia H.

Der nicht enden wollende Fall Lydia H.

Von: Wolfgang Schumacher
Letzte Aktualisierung:
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Das Aachener Justizzentrum: Dort wird im Herbst zum dritten Mal der Fall Lydia H. verhandelt. Sie hat ihren Mann getötet, aber war es Mord? Oder Totschlag? Foto: Archiv/Wolfgang Plitzner/dpa (2)
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Der BGH-Richter Thomas Fischer hat eine eigene Sicht auf den Fall... Foto: Archiv/Wolfgang Plitzner/dpa (2)
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...Sein Senat hat bereits zwei Urteile des Aachener Landgerichts über Lydia H. (Bild) aufgehoben. Foto: Archiv/Wolfgang Plitzner/dpa (2)

Aachen. Es war am 11. März 2015, als der Bundesgerichtshof zum zweiten Mal ein Urteil über die ehemalige Aachener Ärztin Lydia H. (39) aufhob. Der Fall muss im Herbst zum dritten Mal am Aachener Landgericht verhandelt werden.Die 1. Schwurgerichtskammer des Landgerichts hatte die am Aachener Klinikum ausgebildete Anästhesistin zu lebenslanger Haft wegen heimtückischen Mordes an ihrem 50 Jahre älteren Ehemann Hermann H. verurteilt.

Die Tat geschah in der Nacht vom 18. auf den 19. Februar 2011 in der gemeinsamen Wohnung im Aachener Stadtteil Haaren. Der Rentner hatte seiner Frau im Vorfeld gedroht, sie wegen eines Liebhabers beruflich zu diskreditieren und hatte ihr gleichzeitig, obwohl sie damals selbst Geld verdiente, die Konten gesperrt.

Der Bundesgerichtshof (BGH), besonders der Vorsitzende des 2. Strafsenats, Thomas Fischer, scheint einen Narren am Fall Lydia H. gefressen zu haben, besonders am lebenslangen Berufsverbot stößt sich Thomas Fischer offenbar nachhaltig. Als Folge der neuerlichen Aufhebung des Urteils ist Lydia H. bereits seit dem 9. Dezember 2015 wieder auf freiem Fuß. Das Aachener Landgericht entschied auf Grundlage der Entscheidungsbegründung des BGH auf eine Haftverschonung. Lydia H. habe sich ohne Tadel in der Kölner JVA geführt und dort sogar eine Friseurlehre begonnen.

Jetzt wartet Lydia H. in Freiheit auf ihren dritten Prozess, in dem es nach den Vorgaben des BGH nun auch um eine Rücknahme ihres lebenslangen ärztlichen Berufsverbotes gehen könnte. Im zweiten Verfahren gegen die Ärztin, die ihren Mann im Streit mit einer Überdosis Morphium getötet hatte, war die lebenslange Strafe nach den Vorgaben von Fischers Senat auf eine achtjährige Haftstrafe wegen Totschlags abgemildert worden. In dem Urteil von Mitte April 2014 stellte damals der Vorsitzende Richter Wolfgang Diewald am Landgericht Aachen ernüchtert fest: „Wir wissen einfach nicht, was in dieser Nacht genau geschehen ist.“

Damit folgte Diewald allerdings nicht hundertprozentig den Vorgaben des BGH, der die Tötung des pensionierten Kaufmanns als Affekttat wertet und so der angeklagten Ärztin erhebliche Milderungsgründe zugestanden hatte. Die Staatsanwaltschaft mit ihrem Vertreter Oliver d‘Avis blieb konsequent beim Mordvorwurf, sie forderte damals erneut lebenslange Haft wegen Mordes.

Ob nun das dritte Aachener Gericht den Karlsruher Vorgaben hundertprozentig folgen möchte, wird man in nicht allzu ferner Zukunft sehen. Das erneute Verfahren vor der 3. Schwurgerichtskammer am Aachener Landgericht ist jetzt auf den 25. Oktober 2016 terminiert und soll mit dem Vorsitzenden Richter Jürgen Beneking in zwei Verhandlungstagen, der zweite Tag ist der 4. November, über die Bühne gehen.

Vor allem sieht der BGH „erhebliche Milderungsgründe“ bislang nicht ausreichend berücksichtigt. Lydia H. hatte in dem ersten Prozess lange geschwiegen. Ihr prominenter Strafverteidiger Reinhard Birkenstock (Köln) sagte damals immer wieder, so habe es seine Mandantin entschieden, er habe ihr nicht aus taktischen Gründen zum Schweigen geraten. Am Ende jedoch brach Lydia H. ihr Schweigen, berichtete, sie sei von ihrem Mann, seit sie eine Stelle in Ulm angenommen und dort zudem noch einen Mann kennengelernt hatte, fortwährend gedemütigt und bedroht worden.

Als er daran ging, ihre berufliche Existenz zu zerstören, indem er die Abhängigkeit der Anästhesistin von Schlafmitteln und auch ihre Vergangenheit als Prostituierte publik machen wollte, sei sie in jener Nacht im Februar 2011 ausgerastet und habe ihm eine Morphiumspritze in den Oberschenkel gerammt.

Hermann H. starb noch in jener Nacht an einer Überdosis des Schmerzmittels. Beinahe wäre die Tat trotz einer sofortigen Leichenschau unentdeckt geblieben, der Tote war schließlich ein alter Mann, der seit Jahren zwar nicht sterbenskrank, aber doch medizinisch behandlungsbedürftig war.

So hatte der BGH in seiner Begründung zur Aufhebung des ersten Aachener Urteils Wert dargelegt, dass die Tat „aus einer konfliktbeladenen Beziehung zu dem Opfer“ entstand und auch durch „dessen Verhalten provoziert“ worden sei. Zum Thema lebenslanges Berufsverbot hatte Fischers Senat eine besondere Sicht: Mit einer „vergleichbaren Tat sei für die Zukunft kaum zu rechnen“.

Ob also ein lebenslanges Berufsverbot gerechtfertigt sei, benötige eine genaue Abwägung der Verhältnismäßigkeit in Hinblick auf das Grundrecht einer freien Berufsausübung, wie Fischer den Aachener Richtern mit auf den Weg gab. Die Causa Lydia H. beschäftigt die Aachener Justiz also weiter.

Lydia H.s derzeitiger Anwalt, Marc Sitzer aus der Kölner Kanzlei des renommierten Strafrechtlers Ulrich Sommer, wollte sich vor Prozessbeginn nicht äußern. Unumstritten in diesem spektakulären Fall der deutschen Rechtsgeschichte ist momentan eigentlich nur der Umstand, dass Lydia H. ihren Mann damals vom Leben in den Tod beförderte. Ob sie dafür überhaupt noch mal ins Gefängnis muss, wird sich spätestens am 4. November zeigen.

Ein stiller Beobachter des Falles ist der inzwischen pensionierte Richter Gerd Nohl. Er war es, der Lydia H. als damaliger Vorsitzender der Aachener Schwurgerichtskammer wegen Mordes verurteilte. Wenn Gerd Nohl heute auf den Fall Lydia H. und die Rolle des BGH angesprochen wird, schüttelt er nur den Kopf. Weiter möchte er sich zu dem Fall nicht mehr äußern.

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