Aachen - Der Museumsführer der Zukunft ist digital

Der Museumsführer der Zukunft ist digital

Von: Angela Delonge
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Fotos, Infos und noch mehr: Mit dem Smartphone wird der Museumsbesuch zu einem multimedialen Erlebnis. Foto: imago/Itar-Tass
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Multimediales Erlebnis: Die „Schatzinsel“ mit festinstalliertem iPad bietet eine Form der Kunstvermittlung mit neuester Technik, von der Jung und Alt begeistert sind. Foto: Nicole Rath/Mainfränkisches Museum

Aachen. Unter dem Motto „eintauchen und mehr wissen“ erobern neue multimediale Präsentationsformen die Museen. Kunstliebhabern eröffnen sich damit ganz neue Welten. So werden Museumsbesucher demnächst mit einem iPad in der Hand von Bild zu Bild ziehen und ihr Lieblingsobjekt nicht nur von vorne, sondern auch von hinten betrachten können.

Tatsächlich sieht das Museum der Zukunft wohl so aus.Im Lütticher Kunstmuseum Grand Curtius wird diese Vision sogar jetzt schon Wirklichkeit. 20 Tablet-PCs ergänzen dort im neuen Jahr die museumsdidaktischen Angebote des Hauses, nach einer Einführungsphase sollen 30 weitere folgen. Mit dem neuen digitalen Museumsführer soll der Museumsbesuch interaktiver gestaltet werden und Besuchern eine stärkere Auseinandersetzung mit den Schätzen der Sammlung ermöglichen.

Dutzende Kunstwerke werden zurzeit dafür nummeriert, eingespeichert und teilweise auch mit QR-Codes versehen, die mit dem Smartphone eingelesen werden können. 50 000 Euro werden dafür in Lüttich investiert. Mit und mit sollen die Tablet PCs sogar die bisher üblichen Audioguides ersetzen.

Audioguides vor dem Aus?

Schon heute ist das Smartphone auf dem besten Weg, den guten alten Audioguide aus dem Museum zu verdrängen. Der war die Erfindung der Jahrtausendwende und ist heute aus keiner Ausstellung mehr wegzudenken. Doch im Zeitalter von Smartphone und Tablet PCs scheinen die mobilen, nur aufs Ohr zielenden „Knochen“ bald zu Dinosauriern der Kunstvermittlung zu werden.

Denn heute genügt eine Berührung mit der Hand, und Handy oder Tablet werden zum multimedialen Kunstführer, der Augen und Ohren gleichermaßen mit Informationen versorgt. Augmented Reality (AR) lautet das Zauberwort der Zukunft, mit dem Besucher von Ausstellungen und Museen über die Kamera ihres mobilen Geräts umfassend informiert – und unterhalten werden können.

Speziell Kinder und Jugendliche fahren auf solche Angebote der sogenannten erweiterten Realität ab. Sie könnten aber auch zur Konkurrenz werden für die traditionelle Kunstvermittlung mit Einzel- und Gruppenführungen, Kinderrallye, Seminaren für Freunde und Förderer, Vorträgen. Müssen sich die Museen in Sachen Kunstvermittelung neuen Herausforderungen stellen?

In den Aachener Museen geht man entspannt mit dem Thema um. Tablet PCs gibt es hier in keinem einzigen Haus. Vor anderthalb Jahren habe man das „intensiv geprüft“, auch mal mit einem Anbieter darüber diskutiert, sagt Olaf Müller, Leiter des Aachener Kulturbetriebs, dann aber von der Einführung Abstand genommen. Einerseits wegen des „sehr hohen Mietpreises“ und andererseits wegen der „sehr großen Informationstiefe“. Müller befürchtet da einen „overflow“, einen Informationsüberfluss: „Wir glauben, dass der Besucher damit überfordert ist.“ Und durch die umfangreiche Informationsvermittlung mittels Tablet von der „eigentlichen Aura des Kunstwerks“ abgelenkt werde.

Gerne verweist Müller aber auf den W-Lan-gesteuerten „Aixplorer“, den Audio-Video-Begleiter, der im Rahmen der Route Charlemagne die Besucher schon jetzt viersprachig und interaktiv durchs Rathaus führt und unter anderem Impressionen eines Krönungsmahls im 16. Jahrhundert vermittelt. Zukünftig werden 100 solcher Geräte auf iPhone-Basis Besucher auf der gesamten Route durch die Stadthistorie begleiten.

Für das Dürener Leopold Hoesch Museum sagt Pressesprecherin Eva Struckmeier: „Das hätten wir gerne, aber das scheitert bislang an der Kostenfrage.“ Man hofft auf einen Sponsor. Eine Ablenkung vom Kunstwerk durch die digitalen Geräte sieht Struckmeier nicht. Im Gegenteil: „Wir glauben, dass das Kunstwerk dann wieder mehr in den Vordergrund rückt.“ Jetzt lenkten viele unterschiedliche Informationen wie Wandtexte, Bildlegende oder Flyer häufig eher vom Werk ab.

Auch die Kölner Museen beschäftigen sich mit dem Thema. „In den städtischen Museen sieht es finster aus“, kommentiert Dr. Matthias Hamann, Direktor des Musemsdienstes Köln die Lage. Bei der zurzeit laufenden David Hockney-Ausstellung im Museum Ludwig seien elektronische Museumsführer durchaus eine Überlegung gewesen. „Aber wir haben das nicht finanziert bekommen.“

Fürs Kölner Stadtmuseum sei allerdings „etwas derartiges geplant“, sagt Hamann und verweist auf die Museums-App der Kölner Firma Pausanio, die federführend in der Entwicklung von innovativen Museums-Anwendungen, sogenannten Apps, für Smartphones und Tablet PCs ist. Geschäftsführer Holger Simon, zugleich auch Kunsthistoriker, ist seit 2009 auf dem Gebiet der multimedialen Kunstinformation für Museen tätig.

Seine Vision von „Schatzinseln“ als besonderen Orten im Museum, an denen die Schätze eines Hauses multimedial unterstützt präsentiert werden können, ist bisher erst einmal verwirklicht worden: im Würzburger Mainfränkischen Museum. „Dort haben wir einmal die ganze Technologie in einer iPad-App für ein einziges Objekt ausgereizt“, sagt Simon. Das sei so gut angekommen, dass das Museum 20 weitere „Schatzinseln“ einrichten will. Auch in Sachen Marketing hält Simon die neuen Möglichkeiten für ideal: „Eine App ist der beste Flyer, den man sich denken kann.“

Freier Eintritt nach der Rallye

„Bei uns sind diese Entwicklungen im Moment nicht tagesaktuell“, sagt Gerd Korinthenberg, Pressesprecher der Kunstsammlung NRW im Düsseldorfer Ständehaus. Für die Zukunft werde man das „von Fall zu Fall entscheiden“. Für die Schau „100 x Paul Klee“, die noch bis zum 10. Februar zu sehen ist, gibt es schon eine spezielle App für Smartphone und Tablet PC mit weitergehenden Informationen und Videos zum Thema.

Eine App bot im vergangenen Sommer auch das Düsseldorfer Museum Kunstpalast für die El-Greco-Ausstellung an. Allerdings funktionierte diese mittels interaktiver QR-Codes im Rahmen einer Stadtrallye. „Die Leute mussten in der Stadt danach suchen, Fragen beantworten und wer genügend zusammen hatte, hatte freien Eintritt in die Ausstellung“, berichtet Pressesprecherin Marina Schuster.

Über die größten Erfahrungen mit einem multimedialen Museumsführer verfügt inzwischen das NRW-Forum Kultur und Wirtschaft Düsseldorf. Seit 1998 zeichnet die Düsseldorfer Firma Projects Corporate Culture Consultants für das Ausstellungsmanagement des Hauses am Ehrenhof verantwortlich. Neben dem ständigen App-Angebot für iPhone und iPod Touch kann Geschäftsführer Werner Lippert von einem einjährigen Testlauf mit einem tragbaren PC berichten, bei dem man „positive und negative Dinge gegeneinander abgeglichen“ habe.

So hätten die Besucher die Ausstellung durchweg besser bewertet, wenn sie sie mit einem Tablet durchwandern konnten. Auch sei die jeweilige Verweildauer vor den Kunstwerken länger gewesen. Allerdings, sagt Lippert, bewege man sich hier auf einem schmalen Grat bei der Wissensvermittlung. „Bietet man zu wenig, sind die Leute unterfordert und gelangweilt, bietet man zu viel, sind sie schnell überfordert und sagen, ,das kapier‘ ich nicht‘. Bei ständig wechselnden Ausstellungen entstehe zudem ein „gigantischer Produktionsdruck“, der viel Geld koste und Kraft binde.

Trotzdem ist der Ausstellungsmacher überzeugt, dass multimediale Museumsführer bei Häusern mit einer ständigen Sammlung durchaus „überlegenswert“ seien. Lippert: „Das Tablet ist einfach ein wunderbares Instrument.“

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