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Der Messerangriff wird zur Lehre

Von: André Schaefer
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Unterricht mal anders: Studentin Astrid Schulz (rechts) wehrt den Messerangriff gekonnt ab. Professor Thomas Kron (Mitte) schaut, dass nichts passiert. Foto: André Schaefer
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Wenn Thomas Kron eine Übung vormacht, kann es schon mal ordentlich zur Sache gehen. Foto: André Schaefer

Aachen. Dass Astrid Schulz mal in einem Seminar an der RWTH mit einem Messer bedroht, von einem deutlich schwereren Mann gewürgt und gleichzeitig von einer fünfköpfigen Gruppe angegriffen wird, hätte die 25-jährige Studentin wohl selbst nie für möglich gehalten. Doch in Raum R204 am Soziologischen Institut in der Eilfschornsteinstraße in Aachen ticken die Uhren an diesem frühen Abend (mal wieder) ein wenig anders.

Denn statt in Büchern zu wälzen oder Mitschriften anzufertigen, steht Astrid Schulz in Sportklamotten da. Sie schaut konzentriert, Schweißperlen tropfen ihr von der Stirn, und ehe sie auch nur für einen kurzen Moment die Gelegenheit hat, ein wenig durchzupusten, sieht sie erneut das Messer vor ihren Augen. Auch so kann die Lehre an einer Universität aussehen.

Verletzt wird niemand

Streng genommen ist es nur eine Messerattrappe, die der 25-Jährigen an die Kehle gehalten wird. Verletzen soll sich im Seminar „Gewalt – Theorie und Praxis“ im Rahmen des Bachelorstudiengangs niemand. Dafür sorgt Soziologie-Professor Thomas Kron, der sich mit seinen Studenten dem Begriff der Gewalt auf eine etwas andere Art nähert. „Auf die Frage, was Gewalt ist, gibt es in den Sozialwissenschaften keine klare Antwort“, sagt er. „Es gibt sehr enge Definitionen des Begriffs und eben sehr weite. Ich bevorzuge die enge Definition.“

Heißt konkret: Da, wo die Theorie an ihre Grenzen stößt, kommt die Praxis zum Einsatz. Kron formuliert es auch gerne so: „Wenn man im Fußball einem Menschen einen Doppelpass beibringen möchte, kommt man mit theoretischen Erklärungen nicht weit. Man muss das trainieren“, sagt er. Sein Seminar ist kein Zusatzangebot, es ist ein Kurs, an dessen Ende die Teilnehmer eine Note erhalten, die in die Gesamtbewertung des Studiums einfließt. Wochenlang haben sich Kron und seine 18 Studenten mit der Theorie zum Thema Gewalt beschäftigt. Es ging um theoretische Ansätze; um die Frage, wann man in einer Situation von Gewalt spricht; wie sie zu verhindern ist; und: wie man sich bei einem Angriff zu verhalten hat. Und genau an dieser Stelle ging Kron mit seinen Seminarteilnehmern in die Praxis über.

Einen besseren Seminarleiter hätten die Soziologie-Studenten dabei nicht haben können: Kron ist nicht nur Professor, er beherrscht auch das Konzept der Social Defense in Kombination mit dem Krav Maga, einem israelischen Selbstverteidigungssystem. Auch der thematische Kontext passte. Kron sagt: „Die Silvesterereignisse rund um den Kölner Dom und die damit verbundene öffentliche Diskussion macht die Thematik unseres Seminars aktueller denn je.“

Eine Hausarbeit als Abschluss

Dieser Meinung ist auch Astrid Schulz. Glücklicherweise, so sagt sie, sei sie in ihrem Leben noch nie körperlich bedroht worden. „Ich hoffe, das bleibt auch so“, sagt sie. „Sollte es doch mal zu einer solchen Situation kommen, weiß ich zumindest, wie ich mich verhalten kann. Ich fühle mich jetzt selbstsicherer.“ Damit hat Soziologie-Professor Thomas Kron ein wesentliches Ziel seines Seminars erreicht. Er sagt: „Es geht nicht darum, ängstlicher, sondern einfach wachsamer zu sein.“

In jedem Fall hat Kron mit seinem Angebot für ein Novum gesorgt: Noch nie hat es an der RWTH im Rahmen eines Bachelorstudiengangs solch ein Seminar gegeben. „Selbstverteidigungskurse – gerade für Frauen – gibt es viele“, sagt Kron. „Aber es gibt sicher nur wenige, die jederzeit wissenschaftlich eingerahmt sind.“ Und wie es sich für ein wissenschaftliches Seminar gehört, stand für alle Kursteilnehmer am Ende des Semesters auch eine Hausarbeit auf dem Plan. Dafür griffen die Studenten übrigens nicht zum Messer, sondern zum Buch.

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