Der Mann, der Staumauern verschönert

Von: Stephan Johnen
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Kreativjob in luftiger Höhe: Der Dürener Klaus Dauven bringt Kunst auf die Staumauern großer Talsperren. Foto: Bernd Nörig
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Seit 2007 ziert das Kunstwerk „Wildwechsel“ die Mauer der Oleftalsperre. Foto: Bernd Nörig
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Der gebürtige Dürener Klaus Dauven (47) lebt in Kreuzau-Drove und ist Lehrer an der Gesamtschule Langerwehe.

Vettweiß/Drove. Ob er einen Putzfimmel hat? Klaus Dauven muss lachen und winkt ab. Die Verwendung von Reinigungsgeräten beschränkt sich bei ihm mehr auf künstlerische Gestaltung denn auf Hausarbeit. Inspiration lässt sich eben aus vielen Quellen schöpfen. Bei Klaus Dauven aus Kreuzau-Drove war es der Griff zum Staubsauger.

Eher zufällig kam der Künstler zu seinem Werkzeug, denn mit dem Sauger wollte Dauven die Spuren einer missglückten Kohlezeichnung vom Papier tilgen. Schwarz war dort, wo Weiß sein sollte. Also griff der heute 47-Jährige zum Reinigungsgerät. Eine Erfindung, mit der man auch zeichnen kann.

Einige Staubsaugerbeutel später setzte Dauven neben Unterdruck auch auf Überdruck. Er begann, mit dem Hochdruckreiniger zu zeichnen. Erst ganz klein, später monumental. Am Sonntag lässt der Künstler das Silo der Buir-Bliesheimer Agrargenossenschaft in Vettweiß zur Leinwand werden. Etwa 40 mal 13 Meter ist die Fläche groß, die Dauven mit dem Hochdruckreiniger bearbeitet. Indem er den „Schmutz“ wegnimmt, lässt er Weizenähren entstehen. Es ist eher eine Miniatur: Im vergangenen Jahr hat er die Staumauer der Eibenstock-Talsperre im Erzgebirge gestaltet, 307,5 Meter breit und 57 Meter hoch.

Staumauern – das sind die Flächen, auf denen sich Klaus Dauven gerne austobt. Zwei Telefonate eröffneten dem Künstler, der als Kunst- und Französischlehrer an der Gesamtschule Langerwehe arbeitet, viele Möglichkeiten. Eines beim Erfinder der Hochdruckreiniger, eines beim Wasserverband Eifel-Rur. Dauven hatte die Idee, die Mauer der Oleftalsperre zu gestalten. Als er seine Idee vorstellte, erklärte ihn niemand für verrückt. Im Gegenteil: Seit 2007 ziert sein „Wildwechsel“ die Mauer, eine Dokumentation hält die Entstehung des vergänglichen Kunstwerks fest. Denn ohne Dokumentation wäre jedes Werk innerhalb von wenigen Jahren verschwunden: Schmutz und Flechten erobern sich ihr Revier zurück. Mittlerweile arbeitet der Künstler sogar auf Einladung – beispielsweise in Japan, wo er einen Staudamm mit meterhohen Blumen schmückte, oder in Korea.

Das Vorgehen bei allen Monumentalzeichnungen ist ähnlich: Zunächst erstellt Klaus Dauven eine Zeichnung mit den Motiven. Mittels Lasertechnik werden anschließend Messpunkte auf die Mauer projiziert, per Knetgummi fixiert und mit einem Einsatz des Hochdruckreinigerstrahls verbunden. Es ist ein wenig wie Malen nach Zahlen. Während er sonst bei der Reinigung der großen Flächen Hilfe von Industriekletterern bekommt, wird er in Vettweiß solo auf dem Hubsteiger stehen.

Aber warum gerade ein Silo? Ein grauer Klotz in der Landschaft, nicht gerade ein optisches Erlebnis. „Genau deswegen“, sagt Dauven. „Die Oberfläche reizt mich.“ Mehrfach schon sei er an dem Silo vorbeigefahren – und es habe bei ihm gekribbelt. Moose, Flechten, Schmutz und Grünspan – der 47-Jährige geht mit offenen Augen durch die Welt, immer auf der Suche nach interessanten Oberflächen. Da kam die Einladung der Vettweißer, anlässlich der Kulturtage zum Hochdruckreiniger zu greifen, ganz gelegen. Auch, wenn die Vorbereitungszeit etwas knapp war. Normalerweise plant Dauven Großprojekte akribisch in den Schulferien. In Vettweiß wird er etwas mehr improvisieren – und das vor Publikum. „In Japan ist es mir einmal passiert, dass man zunächst nichts erkennen konnte“, sagt Dauven. Es war an diesem Tag so heiß, dass sich der frisch weggekärcherte Dreck wieder als Staub auf die Zeichnung legte. Erst kräftiges Spülen offenbarte das Kunstwerk – und ließ den Blutdruck des Künstlers sinken. Harakiri war nicht notwendig. Was genau sich unter Schmutz und Moos verbirgt, welche Kontraste entstanden sind, zeigt sich erst, wenn der Wasserstrahl verebbt ist.

Klaus Dauven bezeichnet sich selbst als Zeichner. Sein Verfahren mit dem Saubermachen funktioniert allerdings im Gegensatz zu den meisten anderen Zeichen-Techniken nicht additiv, sondern eher skulptural im wahren Sinne des Wortes: Dauven nimmt etwas weg. Seit 1997 hat er sich in seinem Atelier durch die Kohle gesaugt, um so auf dem Papier bildhauerisch zu zeichnen. Der Griff zum Hochdruckreiniger sei im Grunde die logische Fortsetzung seiner Arbeit gewesen. „Was auf Papier funktioniert, muss auch mit Beton klappen“, dachte er sich. Anfangs griff er zur Drahtbürste – und schrubbte sich durch den Kölner Großstadtdreck. An Brücken, Trafokästen und Gehwegplatten: Der Schmutz wurde seine Arbeitsgrundlage. Indem er ihn entfernte oder bewusst stehen ließ, entstanden seine Zeichnungen. Einmal fuhr die Polizei an ihm vorbei, als er einen Brückenpfeiler bearbeitete. Die Drahtbürste versteckte er vorsichtshalber hinter seinem Rücken. „Machen Sie was drauf oder machen Sie etwas weg?“, fragte der Beamte. Dauven machte etwas weg – und Saubermachen ist schließlich nicht verboten. Klaus Dauven hat es sogar zur Kunstform erhoben.

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