Staukarte

Der Kleinkrieg der Kölner Abiturienten

Von: Madeleine Gullert
Letzte Aktualisierung:
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Vermummt, eine Steinschleuder als Symbol der Gruppe: Das sogenannte Kölsch Kraat Kommando gründet sich 2010 und begründet eine Art Krieg zwischen Kölner Gymnasien. Screenshot: Youtube

Köln. Seit einigen Jahren eskaliert die Mottowoche der Abiturienten in Köln regelmäßig, auch in diesem Jahr wieder. Am Wochenende und in der Nacht auf Montag gab es Auseinandersetzungen zwischen Abiturienten und der Polizei. „Das hat nichts mit Feiern zu tun!“, sagte Kölns Polizeipräsident Jürgen Mathies zu der Randale.

Die Jugendlichen zündeten in der Nacht zu Montag Feuerwerkskörper, außerdem werden ihnen Körperverletzung und Vandalismus vorgeworfen. Unter anderem seien Schulen mit Eiern und Toilettenpapier beworfen worden, wie die Kölner Polizei am Montag mitteilte. Es gab 15 Einsätze. Anschließend seien Anzeigen wegen teils gefährlicher Körperverletzung, Verstößen gegen das Waffen- und Betäubungsmittelgesetz aufgenommen worden, sagte ein Polizeisprecher.

Schon am Freitagabend hatten rund 50 Schüler mitten in einem Wohngebiet gefeiert und gepöbelt. Die Polizei konnte die Party nur mit einem Großaufgebot mit Pfefferspray und Schlagstöcken den Platz räumen. Einige der Schüler griffen dabei die Polizisten an, sie warfen Gegenstände und beleidigten die Beamten.

Dass Abiturienten ihre letzten Schultage feiern, ist nicht außergewöhnlich. Zunächst gab es an den meistern Schulen in Köln und im Land nur den Abi-Gag. Abiturienten kaperten an ihrem letzten Schultag die Schule, machten ein Bühnenprogramm, bei dem sich die Lehrer zum Affen machen mussten. Mitte der 2000er etablierte sich an den Gymnasien und Gesamtschulen in ganz Nordrhein-Westfalen die „Mottowoche“. Abiturienten verkleiden sich und feiern dabei ihre letzte Schulwoche. Und Feiern können auch einmal ausarten, aber in Köln ist das inzwischen Programm.

Angefangen hat das, als sich im Jahr 2010 das sogenannte Kölsch Kraat Kommando (KKK) gründete. Seitdem hat Abi-Krawall in Köln Tradition. In Videos auf Youtube und auf ihrer Facebook-Seite machten die stets schwarz Vermummten fortan jedes Jahr im Frühling Kampfansagen an andere Gymnasien. Ihr Symbol: eine Steinschleuder. Ihr Anliegen: ein Kampf gegen andere Schulen.

Beim KKK handelt es sich nach eigener Aussage um Schüler des Humboldt-Gymnasiums, das sich in der Kölner Südstadt befindet. Kölner Zeitungen vermuteten immer wieder, dass Teile der Gruppe der Hooligan-Szene angehörten.

Das KKK betonte in jedem Jahr, dass es um spaßige Kämpfe – vorzugsweise in Form von Wasserschlachten – gegen andere „verfeindete“ Schulen gehe. Mehr nicht. Und ja, es gab diese mehr oder weniger harmlosen Wasserschlachten. Außerdem Aufkleber an anderen Gymnasien mit lustigeren bis dämlichen Sprüchen: „KKKniet nieder“ bis „KKKlitoris“ sind nur zwei Beispiele von Sprüchen, die auf den Bannern zu lesen waren.

Doch bei diesen eher harmlosen Aktionen blieb es nicht. Spätestens im Jahr 2013 war der Krieg unter den Kölner Gymnasien ausgebrochen. In einer Nacht im März vor drei Jahren versammelten sich 500 Schüler aus ganz Köln, um zum Humboldt-Gymnasium, der KKK-Schule, zu marschieren. Dort warteten 100 Humboldt-Schüler. Es wurden Bengalos und Knallkörper gezündet, die Schüler haben sich gegenseitig mit Wasser- und Mehlbomben beworfen, berichtete die Kölner Polizei tags darauf.

Aus der Menge wurden auch Knallkörper auf die Polizisten geworfen. An einem Gymnasium gab es einen Buttersäureanschlag, Eier und Kuh-Mist wurden an die Wände geschmiert. Die Stadt Köln schätzte den Sachschaden auf 50.000 Euro. Es gab Dutzende Anzeigen wegen Sachbeschädigung. Das waren keine harmlosen Streiche mehr.

Das Besudeln anderer Schulen und das Posieren dabei für Selfies, die dann bei Facebook gepostet wurden, gehörten zur Abi-Zeit fortan für viele Kölner Abiturienten dazu. Diese Entwicklung gefiel einigen Kölner Gymnasiasten nicht. Im vergangenen Jahr distanzierten sich Schülervertreter von fünf Kölner Gymnasien in einer Resolution von den Krawallen.

Vielleicht etwas überraschend: Auch dem Kölsch Kraat Kommando missfiel, was da mit ihrem Erbe geschah. Die Entwicklung, die die Mottowoche nehme, passe ihnen nicht, teilten die Mitglieder vor einem Jahr mit. Mit dem ursprünglichen Wettstreit habe das, was jetzige Geschehen nichts mehr zu tun. Das KKK prangerte die Modeerscheinung Abi-Krawall an. „Wenn Krawalltouristen teilweise extra aus anderen Städten oder Vororten anreisen und auf die ganz große Randale hoffen“, toleriere man das nicht.

Das KKK gab seine Auflösung bekannt. Der Auslöser der Randale ist also verschwunden, aber die Randale nicht. Denn für viele Abiturienten aus dem Kölner Raum gehört es inzwischen wohl als eine Art Event dazu, sich danebenzubenehmen. So wie manch einer Karneval als ein Fest versteht, an dem alles erlaubt ist, ist offenbar auch die Mottowoche in Köln zu einer Zeit ohne ein Bewusstsein für Regeln verkommen.

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