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Der Kaplan und die Kinderpornografie

Von: Rainer Herwartz
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Im Schatten der St.-Gangolf-Kirche in Heinsberg: Kaplan S. ist angeklagt, kinder- und jugendpornografische Fotos angesehen und verbreitet zu haben. Der Geistliche leugnet die Taten nicht – und bittet in den Pfarreien um Entschuldigung. Foto: Daniel Gerhards, Rainer Herwartz

Heinsberg. Manche Gottesdienstbesucher in den 15 Pfarreien, die zur Gemeinschaft der Gemeinden Heinsberg/Waldfeucht gehören, kannten die Gerüchte. Doch als daraus Gewissheit wurde, hat es den meisten die Sprache verschlagen. Kaplan S., so wurde in den Gottesdiensten erklärt, müsse sich „für den Besitz und die Weitergabe strafbaren Bildmaterials aus dem Internet vor dem Amtsgericht verantworten“. Es geht um Kinder- und Jugendpornografie.

Die Staatsanwaltschaft Aachen hat Anklage erhoben, der Prozess gegen den 36-jährigen Geistlichen beginnt am 12. September.

So erklärte sich auch, warum der bei vielen Gläubigen offenbar beliebte Kaplan vor rund vier Monaten plötzlich wie vom Erdboden verschluckt schien. Er habe sich „in einer kirchlichen Einrichtung, in der er therapeutisch und geistlich begleitet wird“, aufgehalten, heißt es nun. In einem persönlichen Schreiben an die Mitglieder des Rates der Gemeinschaft der Gemeinden (GdG) Heinsberg/Waldfeucht und des Verbandsausschusses hatte S. sich zu seinem Fehlverhalten bekannt, für das enttäuschte Vertrauen um Entschuldigung gebeten und die Hoffnung geäußert, dass ihm eines Tages verziehen werden könne.

Vorübergehend im Kloster

Der Sprecher des Aachener Landgerichts, Herbert Voßen, erklärte auf Anfrage unserer Zeitung, S. werde vorgeworfen, zwischen dem 2. November 2012 und dem 12. März 2014 in drei Fällen „kinder- beziehungsweise jugendpornografische Schriften besessen und verbreitet zu haben“. Darunter seien auch Fotos zu verstehen, sagte Voßen.

Nachdem sich S. vorübergehend in ein Kloster zurückgezogen und die letzten drei Monate im Recollectiohaus Münsterschwarzach bei Würzburg verbracht hatte, erklärte er sich nun gegenüber unserer Zeitung bereit zu einem Gespräch. Obwohl ihm viele Freunde davon abgeraten hätten, habe er sich dafür entschieden, sich auf diesem Wege der Öffentlichkeit zu stellen, sagt er. „Für mich ist das der einzige Weg, es gibt keinen anderen, auch wenn er sehr schmerzlich ist.“

Am 12. März habe die Kriminalpolizei Heinsberg überraschend vor seiner Tür gestanden und ihn darüber informiert, „dass der Verdacht besteht, dass ich pornografisches Bildmaterial auf meinem Rechner habe, darunter auch jugend- und kinderpornografische Bilder“. Er habe dies eingestanden und eine Aussage gemacht. Die Ermittler beschlagnahmten seinen Computer. Festgenommen wurde er nicht.

Als S. im Juni 2012 in Heinsberg seine erste Stelle als Kaplan antrat, konnte niemand ahnen, was wirklich in dem so freundlich und fröhlich wirkenden Mann vorging. „Daheim ist man dort, wo man mit Gott verbunden ist”, hatte er bei seinem Amtsantritt erklärt. Und: „Ich fühle mich schon ganz daheim, wenn ich die Fahnen sehe.” In Wahrheit, so sagt er heute, sei dies wohl nicht der Fall gewesen.

In der neuen, fremden Umgebung habe der aus der Eifel stammende Priester zunehmend mehr Zeit im Internet verbracht. „Ich habe mich im Internet verloren und meine Sexualität nicht versucht, in meine Lebensform zu integrieren.“ Dabei, so behauptet er, habe er „einen Chat gefunden, in dem man miteinander über die verschiedensten sexuellen Dinge spricht. Dabei waren Menschen, die mir nach einiger Zeit auch Bilder gesendet haben, die unbekleidete Jugendliche oder Kinder zeigen“, sagt er.

Auf den Einwurf, dass solche Kontakte ja nicht ohne eigenes Zutun zustande kämen, bleibt S. eine eindeutige Erklärung schuldig. Die Situation ist ihm sichtlich unangenehm. Auch auf die Frage, was genau auf den Bildern zu sehen gewesen sei, ob sie eventuell auch Gewaltszenen beinhalteten, möchte er sich nicht äußern. „Ich habe diese Bilder immer wieder gelöscht, doch nie die Kraft gefunden, damit aufzuhören.“ Die Bilder hätten ihn nicht sexuell gereizt, sagt er, „aber es war etwas da, das mich angetrieben hat“.

Was ihn denn angetrieben habe, die Bilder zum Teil sogar noch an Dritte weiterzugeben? Er schweigt, denkt nach. Schließlich sagt er leise: „Ich weiß es nicht.“

Ob er sich überhaupt darüber Gedanken gemacht hat, was die Kinder auf den pornografischen Bildern eventuell durchmachen mussten? Er starrt eine Weile vor sich hin und sagt dann: „Der Anblick der Bilder löste bei mir einerseits Ekel aus, andererseits ein Gefühl, nicht davon lassen zu können. Ich war mir nicht bewusst, was es war.“

Erst durch die therapeutischen Gespräche in Münsterschwarzach sei zutage getreten, sagt er, „dass ich als Kind selbst von einem nahestehenden Menschen missbraucht worden bin. Plötzlich kamen Bilder und Erinnerungen hoch von Dingen, die ich verdrängt hatte.“ Zwischen dem sechsten und elften Lebensjahr sei der Missbrauch erfolgt.

Ins Detail möchte der Geistliche auch in diesem Punkt nicht weiter gehen. Nur so viel: „Es ist schwer für mich zu wissen, was ich getan habe. Wichtig ist für mich aber auch die Erkenntnis, dass ich keine pädophilen Neigungen habe, sondern die Ursache für meine Verfehlungen in meinem eigenen Missbrauch liegt“, sagt er. Er sei daher sicher, „dass die Anziehungskraft dieser Bilder für mich nun nicht mehr gegeben ist. Das war ein schmerzlicher Prozess.“ Er habe „noch nie jemanden angefasst und würde das auch nie tun“. Homosexuell sei er nicht: „Ich muss lernen, mit meiner Sexualität umzugehen. Das heißt, meine Sexualität nicht von mir zu schieben oder zu leugnen, sondern anzunehmen, aber mir bewusst zu sein, dass ich sie nicht ausleben kann.“

Auf Vermittlung der Personalabteilung des Bistums Aachen habe er sich einem gerichtsmedizinischen Gutachten unterzogen, dessen Ergebnis noch ausstehe. Ob es beim Prozess vor dem Heinsberger Amtsgericht eine Rolle spielen wird, steht noch nicht fest. Nach dem Prozess wird ein innerkirchliches Verfahren über die Konsequenzen aus S.‘ Fehlverhalten befinden. „Ich würde gern in Heinsberg bleiben, weil die Menschen mir ans Herz gewachsen sind, und ich hoffe, dass sie mir vergeben“, sagt er.

Letztlich dürfte es nicht nur eine Frage von Vergebung, sondern von Vertrauen sein. Johannes Winkelhorst, stellvertretender Vorsitzender des Kirchenvorstands, Rechtsanwalt und Vater von vier Töchtern, glaubt: Wenn das Urteil gefallen ist und S. „offen damit umgeht, bin ich der Letzte, der sagt, ich möchte mit ihm nichts mehr zu tun haben. Ich könnte mir durchaus vorstellen, wieder mit ihm zusammenzuarbeiten“.

Ebenso räumt Winkelhorst allerdings ein: „Ich bin zwiegespalten. Man kann sich auf den Standpunkt stellen, dass Dateien irgendwelcher Art niemanden wehtun und dass das Betrachten solcher Dateien Privatsache ist. Man darf aber nicht vergessen, dass die dargestellten Menschen zum Opfer geworden sind und dass die Abnehmer solcher Dateien dem Vorschub leisten.“ Es bestehe natürlich die Gefahr, dass die Gemeinde im Falle einer Weiterbeschäftigung von Kaplan S. gespalten werde, sagt Winkelhorst. „Das Bistum müsste zuvor mit den Gremien sprechen. Ihn wegzuversetzen könnte aber andererseits als ein Unter-den-Teppich-kehren ausgelegt werden.“

Zunächst ist nun das Urteil des Heinsberger Amtsgerichtes abzuwarten. Doch schon jetzt dürfte klar sein, dass der Angeklagte in einem Punkt Recht behalten wird. Denn S. sagt: „Ein Schlussstrich wird hier nicht gezogen, weil ich ja mit dem, was ich getan habe, weiterleben muss.“

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