Düsseldorf - Der Kampf gegen eine schwierige Klientel

Der Kampf gegen eine schwierige Klientel

Von: Juliane Kinast
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Razzia im Düsseldorfer Bahnhofsviertel „Klein-Marokko“: Das Land sieht bislang keine Notwendigkeit, ein NRW-weites Lagebild wegen der auffällig hohen Zahl von Tatverdächtigen aus Nordafrika zu erstellen. Abgestimmt sind die Aktionen der einzelnen Polizeibehörden deswegen nicht. Foto: dpa
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Joachim Reichert, neuer WVER-Vorsitzender, Foto: Abels

Düsseldorf. Und plötzlich waren sie wieder da. Am Kölner Hauptbahnhof. Mindestens 2000 junge Männer, mutmaßlich aus Nordafrika. Gleichzeitig alarmierte auch die Bundespolizei am Düsseldorfer Bahnhof die Altstadtpolizisten: Gruppenweise stiegen augenscheinlich Nordafrikaner aus Zügen und fuhren weiter Richtung Altstadt. Wo kamen sie her, fragt sich seither ganz Deutschland.

Und was wollten sie. Die Szene, obwohl zum Teil seit Jahren unter Beobachtung, scheint für die Behörden noch immer ein Buch mit sieben Siegeln zu sein.

In Dortmund gibt es eine Ermittlungskommission „Maghreb“, die Kölner Polizei hat schon 2013 ein Analyseprojekt unter dem Titel „Nafri“ ins Leben gerufen, um die auffällig hohe Zahl von ermittelten Tatverdächtigen aus dem nördlichen Afrika zu bündeln und zu ordnen. Ihr Anteil an der Gesamtzahl aller Verdächtigen habe 2015 in Köln bei mehr als zehn Prozent gelegen – unter ihnen Täter mit Wohnsitz überall in NRW – in Mettmann, Gelsenkirchen, Wuppertal und anderswo.

„Liquid Organisation“

Auch in Bochum sind Taschendiebe – meist sogenannte „Antänzer“ – aus den Maghreb-Staaten zum massiven Problem geworden. Ein Einsatztrupp in Zivil, der die Szene gut kennt, zum Teil sogar dieselben Täter wieder und wieder trifft, ist dort unterwegs. Woher genau diese Täter kommen, kann Behördensprecher Frank Lemanis nicht sagen; oftmals verlagerten sie ihre Wohnorte auch. „Ich will nicht sagen, es ist ein Kampf gegen Windmühlen – aber doch sehr schwierig“, erklärt er.

In Düsseldorf beobachtet die Polizei ebenfalls eine sehr mobile und sehr heterogene Szene nordafrikanischer Straftäter. Es sind sowohl gerade eingetroffene Flüchtlinge, die irgendwo im Ruhrgebiet oder im Rest Nordrhein-Westfalens untergebracht sind, als auch junge Männer, die nach dem Arabischen Frühling kamen, schon jahrelang im Land sind und zum Teil bereits einen deutschen Pass haben.

Im Rahmen des „Casablanca“-Projektes geriet das Düsseldorfer Bahnhofsviertel „Klein-Marokko“ – bei der Polizei Maghreb-Viertel genannt – in die Schlagzeilen. Doch die Thematik sei keine lokale, sagt Dietmar Kneib, Inspektionsleiter Organisierte Kriminalität in Düsseldorf: „Das Problem ist nicht das Maghreb-Viertel, sondern es sind die Leute von außen, die es als Ankerpunkt nutzen.“ Weil sie wissen, dass sie dort Landsleute treffen – auch jene, die wie sie nach Tatgelegenheiten suchen.

Eine Bande seien die Tausenden Verdächtigen aus der „Casablanca“-Akte allerdings nicht. Eher passe der Begriff einer „Liquid Organisation“ aus den Niederlanden: Ein durchlässiges Konglomerat, in dem sich wechselnde Gruppen zusammenfinden, Kommunikation stattfindet, aber nicht zentral gesteuert wird. Man trifft sich in Flüchtlingsunterkünften, dann verbreiten sich Kontakte weiter über Soziale Netzwerke. Aber es ist keine Kommunikation, auf die die Polizei ohne Weiteres Zugriff hat.

In Düsseldorf hat man das Analyseprojekt inzwischen auslaufen lassen und sich neu aufgestellt, um aus den Erkenntnissen konkrete Maßnahmen abzuleiten. So ist die Ermittlungskommission „Pocket“ jetzt speziell den Intensivtätern beim Taschendiebstahl – in den Altstadtnächten werden diese zu einem hohen Prozentsatz von Nordafrikanern begangen – auf den Fersen, auch die Staatsanwaltschaft hat eine Abteilung für Intensivtäter eingerichtet.

Mit Erfolg: In der Silvesternacht wurden drei algerische Taschendiebe von der Bundespolizei am Hauptbahnhof beobachtet, Zivilkräften der Landespolizei in der Altstadt zur Observation übergeben, auf frischer Tat gefasst – und am Folgetag schon im beschleunigten Verfahren zu mehrmonatigen Haftstrafen auf Bewährung verurteilt. „Das sind Dinge“, sagt Kneib, „die sich in der Szene rumsprechen – und dazu führen, dass die Täter zumindest Düsseldorf schon mal meiden.“

Das hilft den übrigen Städten in NRW freilich wenig. Doch außerhalb der Stadtgrenze stößt auch der Kampf gegen dieses Kriminellenmilieu oft an seine Grenzen. So hat die Düsseldorfer Polizei zwar gemeinsam mit der Ausländerbehörde der Stadt einen Runden Tisch eingerichtet, um Intensivtäter aus Nordafrika priorisiert abschieben zu können. Doch so lange es teils über ein Jahr dauert, aus den maghrebinischen Herkunftsländern Papiere dafür zu beschaffen, wird es mit einer raschen Abschiebung nichts.

Auch nicht in Fällen wie jenem des selbst ernannten „Königs der Diebe“, Taoufik M., der unter anderem wegen eines sexuellen Übergriffs in der Düsseldorfer Altstadt in der Silvesternacht 2015/16 verurteilt worden war. Denn nach Marokko darf nur mit einem marokkanischen Linienflieger abgeschoben werden – M. wusste sich aber so heftig zu wehren, dass mehrere Versuche, ihn außer Landes zu bringen, an der Weigerung der Piloten scheiterten, ihn an Bord zu lassen. Erst mit massivem Personaleinsatz gelang das Unterfangen zuletzt.

Das Land sieht bislang keine Notwendigkeit, ein landesweites Lagebild zu erstellen. „Die Szene ist örtlich gebunden“, sagt ein Sprecher auf Anfrage. Zuständige Ermittler wie Kneib sehen das anders: „Die Täter sind schon sehr mobil.“ Der CDU-Innenexperte im NRW-Landtag, Gregor Golland, kann die Zurückhaltung des Landes nicht nachvollziehen. „Das zeigt, dass Innenminister Jäger und seine Behörden die Probleme entweder massiv unterschätzen oder aber nicht ernst nehmen.“

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