Der Kampf gegen die Armut in der Region

Von: Jutta Geese
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Viele Kommunen versuchen, mit Sozialprojekten die Armut zu bekämpfen. Doch das hilft nur bedingt. Foto: dpa
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„Kaufkraftarmut“: Die Städteregion liegt hier bundesweit mit einer Quote von 22,6 Prozent auf dem zwölftletzten Platz. Karte: iwkoeln.de

Aachen. Die Wirtschaft boomt, der Staat nimmt soviel Steuern ein wie noch nie, der Bund erwirtschaftet Überschüsse – und gleichzeitig steigt die Zahl derjenigen, die nach gängigen Definitionen als arm gelten. Für einen Single-Haushalt liegt die Armutsschwelle bei 942 Euro im Monat, bei einer Alleinerziehenden mit einem Kind bei 1225 Euro und bei einer Familie mit zwei Kindern bei 1978 Euro (jeweils inklusive Kinder- und Wohngeld oder sonstige Sozialleistungen).

12,9 Millionen Menschen sind laut dem Paritätischen Wohlfahrtsverband, der am Donnerstag zusammen mit anderen Verbänden seinen aktuellen Armutsbericht vorgelegt hat, in Deutschland arm. Das entspricht 15,7 Prozent der Bevölkerung. In Nordrhein-Westfalen liegt die Quote bei 17,5 Prozent – und in der Region Aachen sogar bei 18,6 Prozent.

„Armut verfestigt sich“

Arbeitslose, Alleinerziehende, Migranten und Menschen mit geringen beruflichen Qualifikationen sind am stärksten von Armut gefährdet. Das ist keine neue Erkenntnis. „Armut verfestigt sich in diesen Gruppen“, sagt Antje Rüter, Sozialplanerin bei der Städteregion Aachen.

„Das beobachten wir seit vielen Jahren.“ Die Gründe? Laut Rüter gibt es „ein Zusammenspiel von mehreren Faktoren: fehlende Qualifikation; in der Region nicht nachgefragte Qualifikation; fehlende Arbeitsplätze generell und fehlende Arbeitsplätze, die zu der individuellen Lebenslage des Einzelnen passen, sei es, dass jemand alleinerziehend ist, Angehörige pflegt oder selbst gesundheitliche Einschränkungen hat.“

Mit Blick auf die vom Kölner Institut der deutschen Wirtschaft festgestellte dramatisch hohe „Kaufkraftarmut“ – die Städteregion liegt hier bundesweit mit einer Quote von 22,6 Prozent auf dem zwölftletzten Platz – weist Rüter darauf hin, dass das Lohnniveau in der Region seit Jahren deutlich dem Bundesschnitt hinterherhinkt.

„Wir bilden in der Region zwar gut aus, aber die Bezahlung für Fachkräfte ist in anderen Bundesländern besser.“ Die Folge ist, dass hochqualifizierte Menschen abwandern. Punktuell versuchen die Kommunen gegen die Armut zu steuern, etwa mit Projekten gegen Kinderarmut, sagt Rüter. „Da läuft vieles.“ Aber grundsätzlich etwas ändern könne man vor Ort nicht, sagt die Soziologin.

Ähnlich sieht es Alois Poquett, Geschäftsführer des gemeinnützigen Aachener Vereins Wabe (Wohnung, Arbeit, Beschäftigung). Vor Ort habe man es mit den Auswirkungen von Bundesgesetzen zu tun. „Tafeln, Sozialkaufhäuser und Beschäftigungsprojekte sind im Grunde nur Pflaster auf die Wunden, aber keine Lösungen“, sagt Poquett. Mit der Einführung des gesetzlichen Mindestlohnes sei das Thema Armut ein wenig aus dem Blickfeld geraten. „Faktisch aber kommen die Leute auch mit dem Mindestlohn nicht aus der Abhängigkeit von Sozialleistungen heraus“, erklärt er.

„Selbst bei einer Vollzeitstelle nicht.“ Und für manch einen lohne es sich auch gar nicht, einen Job anzunehmen, weil er dann finanziell schlechter gestellt wäre als mit Hartz IV. Der Mindestlohn müsse deshalb deutlich erhöht werden, fordert Poquett. Zudem müsse Erwerbsarbeit anders verteilt werden. „Wir waren schon mal in Richtung 35-Stunden-Woche unterwegs, aber heute ist es so, dass viele, die eine Arbeit haben, 40, 50 oder noch mehr Stunden arbeiten müssen.“ Dass die Region mit ihren Hochschulen weltweit einen guten Ruf genießt, sei sicherlich toll, „aber es fehlen Arbeitsplätze für Geringqualifizierte“, klagt Poquett.

Hoffnung auf Wahlkampf

Dass durch Martin Schulz das Thema soziale Gerechtigkeit jetzt im Bundestagswahlkampf in den Fokus rückt, begrüßt Poquett. „Ich hoffe, dass im Wettstreit der Parteien tatsächlich Verbesserungen im Bereich Agenda 2010 erfolgen werden.“ Dass sich etwas tun muss, darüber sind sich alle Fachleute einig. Nur darüber was, sind sie es nicht.

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