Aachen - Der Kampf für ein unabhängiges Biafra geht weiter

Der Kampf für ein unabhängiges Biafra geht weiter

Von: Christina Merkelbach
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Familie Dikeocha ist sicher, viele ihrer Landsleute sind es nicht. Das Foto zeigt das Ehepaar mit seinen Kindern Seraphim (links) und Beneditha (rechts) auf der Terrasse ihres Hauses in Aachen.
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Familie Dikeocha ist sicher, viele ihrer Landsleute sind es nicht: Chidi beim Gespräch über seine Heimat Biafra. Foto: Harald Krömer
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Seine Frau Blessing mit Baby Freedom. Foto: Harald Krömer
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Kundgebung in Berlin: In Deutschland lebende Biafraner demonstrieren am 30. Mai dieses Jahres vor dem Bundestag. Anlass ist der 49. Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung von Nigeria. Foto: Stock/Christian Ditsch

Aachen. Freedom streckt die Fäustchen dem Himmel entgegen. Drei Monate alt ist der Säugling, dessen Name auf Deutsch Freiheit bedeutet. Wie seine Geschwister, die zweijährige Beneditha und der vierjährige Seraphim, wurde Freedom auf der Flucht geboren.

Ihre Eltern Chidi und Blessing haben die afrikanische Heimat 2007 verlassen. Sie kommen aus einem Land, das es offiziell nicht gibt. „Wir sind Biafraner“, sagt Chidi. In ihrer Heimat seien sie nicht mehr sicher gewesen. In ständiger Angst hätten sie gelebt, verschleppt und ermordet zu werden. Ihr Weg führte sie über Westafrika und den Maghreb nach Italien und schließlich nach Deutschland. Seit fast vier Monaten leben sie in einem kleinen Haus in Aachen.

1967 ruft der Gouverneur Ostnigerias die unabhängige Republik Biafra aus. Der Landesteil im Südosten des größten afrikanischen Staates verfügt über viele Rohstoffe, unter anderem große Vorräte an Erdöl. Nigeria will diese Region nicht aufgeben und geht brutal gegen die Separatisten vor. London und Moskau liefern der Regierung in Abuja die Waffen. Drei Jahre dauert der blutige Konflikt. Nigeria isoliert Biafra, dort bricht eine Hungersnot aus.

Bilder von verhungernden Menschen gehen um die Welt. Das abgemagerte Biafra-Kind wird zum Symbol dieses Krieges. Über die genaue Zahl der Opfer gehen die Angaben auseinander, denn keine internationale Institution hat die Zahl erfasst. Der große afrikanische Schriftsteller Chinua Achebe zog noch kurz vor seinem Tod in seinem letzten Buch „There was a country“ Bilanz: Bis zu zwei Millionen Menschen seien bei diesem Völkermord umgekommen. Biafra-Aktivisten sprechen von 3,6 Millionen Toten.

„Der Mord an unserem Volk geht weiter, und die Welt lässt es geschehen“, sagt Chidi. Er schluckt, sein Blick geht ins Leere. „Aber viele wissen ja auch gar nicht, was mit uns passiert.“ Die nigerianische Regierung verhindere, dass Berichte nach außen dringen. Deswegen möchte er als Geflohener so vielen Menschen wie möglich davon erzählen. Familie Dikeocha gehört wie alle Biafraner zur Volksgruppe der Ibo. Dabei handelt es sich um Christen – im restlichen Teil des Landes leben überwiegend Muslime. „Wir passen einfach nicht zu Nigeria, unsere Kultur ist vollkommen anders. Wir sind stärker westlich orientiert.“

Aus Sicht der Freiheitsaktivisten ist Nigeria kein Land, sondern ein künstliches Gebilde. „Die Briten haben als Kolonialherren verschiedene Staaten und Völker zusammengeworfen“, sagt Chidi. „Jedes Mal, wenn mich jemand Nigerianer nennt, verursacht das bei mir große Schmerzen. Ich bin kein Nigerianer, ich bin Biafraner.“ Auf einer Anrichte hinter seinem Sessel steht eine kleine Biafra-Flagge. Sie ist Rot-Schwarz-Grün, in ihrer Mitte leuchtet eine aufgehende Sonne mit elf Strahlen. Jeder Strahl steht für eine Provinz Biafras. „In Nigeria dürfen wir unsere Flagge nicht zeigen. Wer es trotzdem tut, muss ins Gefängnis“, sagt Chidi. Dort drohten Misshandlungen. Vor kurzem erst sei eine junge Frau verhaftet und gefoltert worden, weil sie mit Biafra-Flagge um ihren Schultern über die Straße gelaufen ist.

Bevor sie nach Deutschland kamen, haben Chidi und Blessing als Flüchtlinge in Mali, Burkina-Faso, der Elfenbeinküste, Libyen und Italien gelebt. Sie sind durch die Wüste gelaufen, haben das Meer in einem Schleuserboot überquert und sind per Bus durch Europa gefahren. Was ihnen in ihrer Heimat zugestoßen ist, was sie auf ihrer Flucht erlebt und gesehen haben, darüber möchte Chidi nicht sprechen. Er beugt sich nach vorne und verdeckt seine Augen kurz mit den Händen. „Ich will über mein Volk und über Biafra reden“, sagt er dann sehr bestimmt. Täglich würden dort Menschen getötet, nur weil sie die Freiheit wollten, die ihnen zustehe. „Die Welt soll endlich hinschauen. Wir wollen kein Mitleid und kein Geld, wir wollen als Volk anerkannt werden.“

Weltweit leben Biafraner im Exil. Laut Gesellschaft für bedrohte Völker hat es die meisten in die USA verschlagen. Auch in Deutschland gibt es eine gut vernetzte Gemeinschaft. Am 30. Mai, dem 49. Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung, demonstrierten zahlreiche von ihnen in Berlin vor dem Gebäude des Bundestags.

In Asaba, einer Großstadt in Südnigeria, prallten am gleichen Tag Demonstranten mit Polizei und Militär zusammen. Dabei seien zwei Polizisten und fünf Separatisten ums Leben gekommen, meldete die Deutsche Presseagentur und zitierte einen Polizeisprecher. Die „Bewegung des indigenen Volkes von Biafra“ (IPOB) und die „Bewegung für einen souveränen Staat Biafra“ (Massob) sprachen hingegen von über 30 weiteren Toten aus ihren Reihen.

IPOB und Massob vermuten nicht nur Machenschaften der nigerianischen Regierung dahinter, dass kaum jemand in der restlichen Welt Interesse am Schicksal der Biafraner zeigt. „Unser Land hat sehr viele Rohstoffe, riesige Konzerne wie Shell und Chevron beuten es aus“, sagt Chidi.

Nnamdi Kanu und Radio Biafra

Neuigkeiten aus seiner Heimat erfährt er im Internet, wo er sich mit anderen Aktivisten ständig austauscht. Auf seinem Smartphone ruft er Fotos auf. Das erste zeigt einen schlanken, glatzköpfigen Mann, der mit kämpferischer Miene in die Kamera schaut. „Das ist unser Anführer“, sagt Chidi stolz. Es ist Nnamdi Kanu, Betreiber des Rundfunksenders Radio Biafra, der von London aus sendet. Im Oktober 2015 wurde Kanu in Nigeria verhaftet und sitzt seitdem dort im Gefängnis. Über Radio Biafra soll er gegen die Regierung gehetzt und den Südosten zur Abspaltung angestachelt haben.

Dann zeigt Chidi andere Bilder. Einen Mann, dem der Kopf abgeschlagen wurde. Eine Frau mit abgetrennten Händen. Eine verkohlte Leiche. „Das war ein biafranischer Pfarrer, den sie bei lebendigem Leib verbrannt haben.“ Jeden Tag würden ihn solche Bilder erreichen, sagt Chidi.

Amnesty International reagiert auf Nachfrage zurückhaltend, ebenso die Hilfsorganisationen Missio und Misereor. Selbst für sie ist es schwierig, aus dem Südosten Nigerias verlässliche Informationen zu bekommen.

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