„Der Juchli“: Ein Klassiker der Pflege

Von: Amien Idries
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Leitet in den 80er Jahren eine kleine Pflege-Revolution ein: Liliane Juchli. Foto: Otto Hofer

Aachen. Es gibt Berühmtheiten, die jeder kennt. Die Bekanntheit von Boris Becker, Angela Merkel oder Madonna dürft quer durch alle Bevölkerungsschichten ähnlich hoch liegen. Dann wiederum gibt es solche, deren Bekanntheit variiert. Liliane Juchli ist so ein Beispiel.

Wenn Sie jetzt sagen, „Liliane wer?“, ist das ein sicheres Indiz dafür, dass Sie nie eine Pflegeausbildung absolviert haben. Dass Sie sie nicht kennen, heißt aber nicht, dass Juchli für Ihr Leben keine Bedeutung hat.

Bei Krankenschwestern und -pflegern wiederum ist der Name sehr bekannt. Selbst wenn sie „die Juchli“ nicht kennen, wird ihnen „der Juchli“ aus ihrer Ausbildung in Erinnerung geblieben sein. Das deutschsprachige Standardwerk der Pflegeausbildung, mit dem sich die Schweizer Ordensschwester den Titel „Grande Dame der Pflege“ erworben hat. Erstauflage 1973. Inzwischen unter dem Titel „Thiemes Pflege“ in der zwölften Auflage erschienen und mehr als eine Million Mal verkauft. Ein Pflegebestseller, der in diesem Jahr seinen 40. Geburtstag feiert.

Der Ursprung für dieses Jubiläum liegt in den 60er Jahren. Hinter Juchli liegt eine Ausbildung zur Krankenschwester, in der es so gut wie keine Unterrichtsmaterialien gab, Pflege durch intuitives Handeln geprägt war und die Qualität der Ausbildung weitgehend von der jeweiligen Abteilungsschwester abhing, an deren Vorbild man lernte. Als Schwester Liliane ihrerseits eine Tätigkeit als Lehrerin für Krankenpflege aufnimmt, beginnt sie, die fehlenden Materialien selber zusammenzustellen. Sie erstellt Arbeitsblätter und Abbildungen und fasst ihr Lehrmaterial 1969 zu einem 500-seitigen Manuskript zusammen, das zunehmend auch von auswärtigen Schülern angefordert und schließlich vom Thieme-Verlag unter dem Titel „Allgemeine und spezielle Krankenpflege“ herausgegeben wird.

Aktivitäten des täglichen Lebens

Der Erfolg ist durchschlagend. In einem der ältesten Berufe der Welt gibt es nun erstmals ein systematisches deutschsprachiges Lehrbuch, das die Professionalisierung und Emanzipation des früheren Hilfsberufs vorantreibt.

Mit dem Erfolg für ihr Buch kommt aber auch die Belastung für Juchli, die inzwischen Leiterin einer Krankenpflegeschule, Pädagogiklehrerin, Buchautorin und Vortragsreisende in Sachen Pflege ist. Nach der dritten Auflage (1979) geht dann nichts mehr. Totale Erschöpfung, Depression, Burnout. Ihr Engagement für die Kranken hat sie gewissermaßen selbst krank gemacht. „Ich war jederzeit für alle da, weil ich sonst Schuldgefühle hatte“, sagt Juchli im Gespräch mit unserer Zeitung. Konsequenzen aus dem Alarmsignal zieht sie sowohl für sich als auch für ihr Pflegeverständnis.

Nach ihrer Gesundung krempelt sie ihr Lehrbuch für die vierten Auflage um. Pflege sollte, so ihre Überzeugung, auf einem ganzheitlichen Denken und Handeln beruhen. Nicht „der Blinddarm von Zimmer zwei“ muss gepflegt werden, sondern immer der ganze Mensch, mit all seinen körperlichen und seelischen Bedürfnissen. Aus dieser Erkenntnis entwickelte Juchli das Pflegemodell der Aktivitäten des täglichen Lebens (ATL), bei denen sie zwölf ATL zur Umsetzung eines ganzheitlichen Pflegeprozesses beschreibt. „Wach sein, schlafen, sich bewegen, sich sicher fühlen, kommunizieren, sich waschen“, das und noch mehr muss der Pflegende beachten. Was aus heutiger Sicht profan klingt, löste nach dem Erscheinen der vierten Auflage 1983 eine kleine Pflege-Revolution aus.

Und noch eine revolutionäre Erkenntnis gibt Juchli als Lehre aus ihrem Burnout den Pflegenden mit auf den Weg: „Pflege darf nicht als Aufopferung verstanden werden. Es geht auch um die Selbstpflege der Pflegenden“, sagt sie. Sie hat inzwischen gelernt, nicht mehr jeden von außen an sie herangetragenen Anspruch zu erfüllen. Das Lehrbuch verfasste sie bis zur achten Auflage im Jahr 1998, inzwischen wird es vom Thieme-Verlag mit anderen Autoren weitergeführt. Seit 1997 ist sie offiziell pensioniert, wobei „Kürzertreten“ bei einer Frau mit einer Botschaft relativ ist.

In diesem Jahr war und ist der Rummel besonders groß, weil der runde Geburtstag des Pflegeklassikers mit dem seiner Autorin zusammenfällt. 80 ist sie am 19. Oktober geworden. Eine Biografie ist erschienen, ein Film wurde gedreht und Schwester Liliane ist immer noch unterwegs, um ihre Idee unter die Leute zu bringen. „Früher haben mir der Rummel und die Fixierung auf meine Person Mühe bereitet, heute sind sie für mich Mittel zum Zweck, um die Pflege und die Freude an der Pflege in den Mittelpunkt zu stellen“, sagt Juchli.

Diese Freude ist es, die Juchli weiterhin antreibt. Dabei leugnet sie keinesfalls die Schwierigkeiten, die es im Pflegebereich gibt. Die zunehmende Ökonomisierung des Gesundheitssystems, die Grenzen der Apparatemedizin, den Fachkräftemangel. „Die Probleme gibt es natürlich und sie müssen auch angegangen werden. Das heißt aber nicht, dass wir uns nicht auch über das Schöne freuen können“, sagt sie, um eine kleine Medienschelte hinterher zuschieben: „Das liegt auch an der Presse. Negative Nachrichten über die Pflege finden bei Ihnen sofort Niederschlag. Bringen Sie doch auch mal etwas Positives!“ Bitteschön.

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