Der IS-Informant aus dem Aachener Hotel

Von: Marlon Gego
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Das zur Flüchtlingsunterkunft umfunktionierte Hotel Schweizerhof in Aachens Süden vergangenen Januar: Zu diesem Zeitpunkt lebte Bilal C. wahrscheinlich schon dort, wenigstens zeitweise. Zuvor soll er die Balkanroute für den IS ausgekundschaftet haben. Foto: Archiv/Harald Krömer

Aachen. Bilal C. lebte einige Monate lang scheinbar unbehelligt in dem früheren Hotel Schweizerhof im Süden Aachens, das mittlerweile eine Flüchtlingsunterkunft ist. Dass er beobachtet wurde, war ihm wahrscheinlich nicht bewusst. Bilal C., ein 20 Jahre alter Algerier, kam im August 2015 nach Deutschland, der Aachener Polizei fiel er vor allem als Ladendieb auf.

Wiederholt wurde er festgenommen und wieder freigelassen, seinen kriminellen Aktivitäten, die auch Sozialbetrug umfassten, tat das aber keinen Abbruch. Dass Bilal C. offenbar noch in ganz andere Aktivitäten verwickelt war, wurde erst später öffentlich.

Der Bundesgerichtshof hat mittlerweile einen Haftbefehl gegen Bilal C. erlassen, der Generalbundesanwalt ermittelt gegen ihn wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, dem Islamischen Staat (IS). Schon vor seiner erstmaligen Verhaftung wegen Ladendiebstahls Ende April in Aachen hatten die Sicherheitsbehörden Bilal C. beobachtet, doch die Erkenntnisse der Ermittler reichten damals noch nicht aus, um die Vorwürfe gegen Bilal C. zu konkretisieren.

Das hat sich mittlerweile geändert, Beamte des Bundeskriminalamts verhafteten Bilal C. sofort nach seiner Verurteilung am 6. Juli am Amtsgericht Aachen. Das Urteil lautete acht Monate Haft ohne Bewährung, das Gericht hatte Bilal C. wegen zwei Ladendiebstählen in Aachen und dem unrechtmäßigen Bezug von Asylbewerberleistungen in Aachen und Kaarst schuldig gesprochen. Das Urteil ist allerdings noch nicht rechtskräftig, Bilal C. legte über seinen Rechtsanwalt Berufung ein. Der Fall wird vor dem Aachener Landgericht erneut verhandelt werden müssen.

Doch Bilal C.s größeres Problem sind die Ermittlungen des Generalbundesanwaltes. Nach Recherchen unserer Zeitung werfen die Ermittler dem Algerier vor, sich spätestens im Dezember 2014 dem IS angeschlossen zu haben, in Syrien erhielt er nach Erkenntnissen des Bundesamtes für Verfassungsschutz eine Kampf- und Waffenausbildung.

Im Juni 2015 soll ihm einer der späteren Planer und Attentäter der Pariser Anschläge vom 13. November 2015, Abdelhamid Abaaoud, den Auftrag erteilt haben, die Balkanroute für den IS auszukundschaften. Abaaoud galt bis zu seiner Erschießung während einer Razzia nach den Pariser Anschlägen als einer der Top-Rekrutierer des IS in Westeuropa.

Bilal C. machte sich im Juni 2015 umgehend auf die Reise, über die Türkei, Griechenland, Serbien, Ungarn und Österreich kam er im August 2015 nach Deutschland. Die Ermittler haben Erkenntnisse darüber zusammengetragen, dass Bilal C. während seiner Reise Abdelhamid Abaaoud laufend über offene Grenzübergänge, Grenzkontrollen, Wartezeiten, Wege zu den offenen Grenzen und Schleusungsmöglichkeiten auf der Balkanroute informierte. Wie und ob Abaaoud die Informationen verwertet hat, ist im Moment noch nicht ganz klar.

Doch Abdelhamid Abaaoud war nicht der einzige, der von Bilal C. Informationen erhielt. Der Marokkaner Ayoub El K. (26), der am 21. August 2015 in einem Thalys zwischen Brüssel und Paris mit einer Kalaschnikow um sich geschossen und drei Menschen leicht verletzt hatte, wurde von Bilal C. über Schleusungsmöglichkeiten insbesondere von der Türkei nach Griechenland auf dem Laufenden gehalten. Ayoub El K. hatte sich kurz nach Bilal C. auf den Weg nach Westeuropa gemacht. Belgische Sicherheitsbehörden gehen davon aus, dass Abdelhamid Abaaoud der Drahtzieher des Attentats im Thalys war, das nur aufgrund des Mutes von fünf Passagieren, die Ayoub El K. überwältigten, nicht in einem Blutbad endete.

Nach Informationen unserer Zeitung liegen den Sicherheitsbehörden und dem Generalbundesanwalt im Moment keine Erkenntnisse darüber vor, dass Bilal C. nach seiner Einreise nach Deutschland im August 2015 noch einmal für den IS aktiv war. Ab Dezember 2015 lebte er zumindest zeitweise in Aachen, bis er am 29. April wegen wiederholten Ladendiebstahls erstmalig verhaftet wurde und seitdem im Gefängnis ist. Wann der Generalbundesanwalt Anklage gegen Bilal C. erhebt, ist offen.

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