Der große Meister, die Kunst und der Kommerz

Von: Christoph Classen
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Mit der Infrarotkamera dem Mei
Mit der Infrarotkamera dem Meister auf der Spur: Dr. Micha Leeflang erklärt unseren Aboplus-Lesern, wie sie erkennen kann, dass das Dekolleté der Maria auf dem Gemälde Jos van Cleves ursprünglich höher geschlossen sein sollte. Foto: Heike Lachmann

Aachen. Das Bild vom Künstler, sagt Alice Taatgen, sei ja dann doch oft das des einsamem Menschen, der nur dann zum Pinsel greift, wenn ihn die Leidenschaft packt. Taatgen fuchtelt ein paar mal wild mit ihrer Hand durch die Luft, um zu zeigen, wie sie das mit der Leidenschaft meint.

Zudem solle die Arbeit des Künstlers einzigartig sein: Vorher nicht da gewesen und später nie mehr erreicht.

Stellt man diesem Bild vom Künstler den niederländischen Maler Joos van Cleve gegenüber, dann sieht man, dass er ihm in weiten Teilen nicht entspricht. Naja zumindest sieht man es, nachdem man mit Taatgen eine gute Stunde durch die große Van-Cleve-Ausstellung gegangen ist; zu sehen im Aachener Suermondt-Ludwig-Museum, noch bis zum 26. Juni.

Taatgen ist die Kuratorin der Ausstellung und an diesem Vormittag führt sie 18 unserer Aboplus-Leser durch die Museums-Räume. Vorab verspricht sie einen exklusiven Einblick und spätestens, wenn man bei Dr. Micha Leeflang und Dr. Margreet Wolters angelangt ist, dann weiß man, was Taatgen damit meint.

Leeflang und Wolters sitzen vor Gemälde Nummer 30, Maria mit Kind, ca. 1530. Und sie sitzen da nicht einfach so, sondern sie sind dabei, den Künstler hinter dem Werk zu identifizieren. Infrarotrefletographische Untersuchung nennen Leute, die etwas davon verstehen, das was Leeflang und Wolters da gerade machen.

Bei der Methode kommt eine Infrarotkamera zum Einsatz. Das Gerät ruht auf einem klobigen, schwarzen Stativ und sein Objektiv ist einige Zentimeter vom Gemälde entfernt. Über der Kamera leuchten zwei Lampen. sie sind mit flexiblen Armen am Stativ befestigt und sehen aus, wie die Fühler von Insekten. Die Bilder, die die Infrarotkamera aufzeichnet, werden auf einen winzigen Monitor übertragen, weswegen die ganze Szenerie irgendwie an eine Ultraschalluntersuchung einer Schwangeren erinnert.

Dr. Micha Leeflang hat bislang 108 Gemälde van Cleves mit dieser Technik untersucht, sie hat ihre Doktorarbeit über die Werkstattpraxis des niederländischen Meister geschrieben. Aber in Aachen bekommt Leeflang, mittlerweile Kuratorin des Museums Catharijneconvent in Utrecht, Bilder vor die Kamera, die für sie Neuland sind. 17 Werke wird sie insgesamt untersuchen, Dr. Margreet Wolters vom Niederländischen Büro für kunsthistorische Dokumentation begleitet sie dabei.

Infrarot macht Kohlenstoff sichtbar

Mit der Infrarotkamera arbeiten sie, weil das Gerät in der Lage ist, Kohlenstoff sichtbar zu machen. Und davon gibt es eine Menge in den Werken van Cleves. Der Meister malte nicht einfach drauflos, sondern fertigte vorher Skizzen an. Und die Materialien, die er dafür verwendete, enthielten eben Kohlenstoff. Die Infrarotkamera kann deswegen das Bild hinter dem Gemälde zeigen und wenn man das zu interpretieren weiß, dann erfährt man eine Menge über die Arbeitsabläufe in van Cleves Werkstatt.

Bild Nummer 30 zum Beispiel, Maria mit Kind, sollte ursprünglich etwas anders aussehen. Die Skizze zeigt Maria mit hochgeschlossenem Dekolleté, auf dem Gemälde schließlich wurde der Ausschnitt deutlich großzügiger gestaltet. Ein anderes Werk van Cleves, das Leeflang und Wolters untersucht haben, zeigt ebenfalls eine kleine Madonna mit Kind. Hier aber verrät die Skizze, dass es ursprünglich mal ein Porträt hätte werden sollen.

Die Infrarotuntersuchung erlaubt es, Veränderungen während des Malprozesses zu dokumentieren, obwohl dieser seit Jahrhunderten abgeschlossen ist. Es ist ein bisschen so, als könne man dem Meister über die Schulter schauen. Und gerade bei van Cleve ist das eine ziemlich spannende Angelegenheit.

Die ansteigende Linie

In den Fokus der Kunsthistoriker und ihrer Kameras rückte der Niederländer, weil er schlichtweg viel produktiver war, als seine Zeitgenossen. „Von van Cleve kennen wir circa 200 Gemälde. Andere blieben derweil bei 20”, verdeutlicht Alice Taatgen und formuliert die Frage, die sich die Forschung vorgenommen hat zu beantworten: „Was ist da in seiner Werkstatt gelaufen?”

Um zu verstehen, warum van Cleve danach strebte, möglichst viele Gemälde zu produzieren, hilft es, sich die Zeit anzuschauen, in der er lebte. Als er 1485 in Kleve geboren wird, befindet sich die Malerei in einer Entwicklung, die jeden Investmentfond-Manager zu einem Freudentänzchen veranlassen würde. „Vom 15. auf das 16. Jahrhundert haben wir eine immer weiter ansteigende Linie”, sagt Taatgen und skizziert mit der linken Hand eine immer weiter ansteigende Linie in die Luft. Gemälde werden zu einem Statussymbol, wer es geschafft hat, der zeigt es, indem er sich eines oder mehrere an die Wand hängt.

Die Stadt Antwerpen wird zu einer Art Hochburg der Malerei, und wer mit Kunst sein Geld verdienen möchte, den zieht es nach dort. Vielleicht war die Stimmung ein bisschen so wie in den USA während des 19. Jahrhunderts, als die Männer getrieben vom Goldrausch nach Westen gingen. Sicher ist jedenfalls, dass van Cleve irgendwann nach Antwerpen kommt, 1511 wird er dort erstmals aktenkundig. „Er wollte mehr”, sagt Taatgen.

Van Cleve tritt als Meister in die Antwerpener Gilde ein und spezialisiert sich auf das Anfertigen von Porträts, Andachtsbildern und Altären. Taatgen nennt das seine „drei Standbeine”, ganz so als würde sie über ein mittelständisches Unternehmen sprechen. Im Grunde genommen trifft es das auch ganz gut.

<>Der Meister und seine Assistenten

Weil die Leute die Werke van Cleves mögen, muss er immer mehr produzieren und irgendwann ist es dann so viel, dass er es alleine gar nicht mehr bewältigen kann. Leeflang geht davon aus, dass in des Meisters Werkstatt zeitweise bis zu sechs Assistenten damit beschäftigt waren, echte van Cleves zu malen.

Sie alle folgten dabei den strengen Vorgaben ihres Chefs, der sie in Form von Skizzen auf die Holztafeln malte, auf denen später die Gemälde entstanden. Er zeichnete Konturlinien, Schraffuren und Rauten, die die Schatten und Formen von Gesichtern andeuten sollten. Auf den Skizzen fanden van Cleves Assistenten detaillierte Farbangaben, die Arbeit muss für sie so ähnlich wie ein etwas anspruchsvolleres Malen nach Zahlen gewesen sein.

Nach und nach baute sich van Cleve zudem eine feine Sammlung von Schablonen auf, die er für jeden Kunden neu miteinander kombinieren konnte. So gab es den Heiligen Joseph mit und ohne Bart und eine Standard-Madonna, die van Cleve ziemlich oft verwenden konnte, weil sie zu seiner Zeit ein recht beliebtes Motiv war. „Man muss sich das vorstellen, wie eine Art Baukasten”, sagt Taatgen. Dass der Meister nicht auch noch das Fließband erfand, verwundert ein wenig.

„Aber van Cleve war kein einfacherer Kopierer”, sagt Taatgen ganz am Ende der Runde durchs Museum, und es klingt, als sei es ihr ziemlich wichtig das herauszustellen. Dass sie damit Recht hat, zeigt sich zum Beispiel darin, dass Kunsthistoriker unterscheiden können zwischen den Gemälden, die van Cleve tatsächlich gemalt hat, und denen, für die er nur die Skizzen anfertigte. Van Cleve malte deutlich besser als jeder seiner Assistenten und wohl auch als die meisten anderen Künstler seiner Zeit. Er hatte schlicht und einfach ein beneidenswertes Talent.

Nachdem man mit Taatgen durchs Museum gegangen ist, weiß man aber, dass dies nicht allein für den künstlerischen Bereich, sondern auch für den finanziellen gilt. Wenn man Micha Leeflang dann noch fragt, worin van Cleve wohl besser war, Malen oder Geschäfte machen, dann bläst sie die Wangen auf und sagte eine lange Zeit erstmal gar nichts. „Er war ein exzellenter Maler”, sagt sie dann. Und: „Er war ein exzellenter Geschäftsmann.”

Auf dem Weg nach draußen kommt man im Foyer des Museums wieder an dem großen Plakat vorbei, dass mit einem Selbstporträts van Cleves für die Ausstellung wirbt. Und irgendwie sieht er darauf jetzt anders aus, als noch vor einer Stunde.

Vortrag über die Selbstbildnisse Joos van Cleves

Um die rätselhaften Selbstbildnisse van Cleves geht es im heutigen Vortrag um 19.30 Uhr im Vortragssaal des Aachener Suermondt-Ludwig-Museums, Wilhelmstraße 18.

Referentin ist die Kuratorin der Aachener Ausstellung, Alice Taatgen. Der Titel des Vortrags lautet „Signatur oder Arroganz?” und bezieht sich darauf, dass keiner seiner Zeitgenossen die eigene Gemälde öfters mit dem eigenen Antlitz versah, als van Cleve.

Vorgestellt werden sowohl Selbstbildnisse van Cleves als auch Beispiele einiger weiterer namhafter Maler. Der Eintritt zum Vortrag ist frei.

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