Der Graf tritt ab, als Vollendeter

Von: Daniel Gerhards
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2016 macht der Graf Schluss mit Unheilig: Er habe seiner Familie in den letzten Jahren zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Das will der Würselener nach seiner Musikkarriere nachholen. Foto: Harald Krömer
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Erklärungsbedarf: Der Graf erklärt im Gespräch mit Daniel Gerhards, warum er seine Musikkarriere beenden will. Foto: Harald Krömer

Aachen/Würselen. Als sein Offener Brief eine Stunde im Netz steht, schaut sich der Graf zum ersten Mal die Reaktionen darauf an. Dafür muss er sich Zeit nehmen. Etliche Fans antworten am Sonntag umgehend auf seine Ankündigung, dass er mit der Musik Schluss machen will. „Meine größte Angst war: Können die Menschen das verstehen?“, sagt der Unheilig-Frontmann.

Die ersten Reaktionen: „Verständnis, Mitgefühl und ganz viel Dankbarkeit. Das hat mich zu Tränen gerührt“, sagt er. Er fühlt sich verstanden.

Der Text, in dem er seinen Anhängern erklärt, warum er sich zurückziehen möchte, ist lang: mehr als eine DIN-A4-Seite. Trotzdem will er noch mehr erzählen. Der Mann, der sagt, dass er in der Öffentlichkeit eigentlich nur über seine Musik sprechen möchte, redet darüber, was ihn zu seiner Entscheidung bewogen hat.

Schwarze Hose, weißes Hemd

In einem Konferenzraum in Aachen sitzt er, wie man ihn von der Bühne kennt. Schwarze Hose, weißes Hemd, schwarze Krawatte. Nur den langen schwarzen Gehrock hat er abgelegt. Für das Interview setzt er seine Brille ab. Er sieht aus, als müsste er gleich auf die Bühne.

Und dann erzählt er. Es gebe zwei Hauptgründe fürs Schlussmachen: Er habe sein musikalisches Ziel erreicht, und er will mehr Zeit mit seiner Familie verbringen. Aber seine Erklärung ist länger: „Der Grundgedanke aufzuhören, kam vor drei Jahren das erste Mal.“ Er feierte damals große Erfolge. So große, dass er sich die Frage stellte, wie er das toppen kann. „Ich habe mich gefragt: Alter Schwede, wie willst du da als Künstler noch einen drauf setzen? Das ist eine wahnsinnige Latte, die da hochgelegt worden ist“, sagt er.

Er wagte den Versuch, darüber zu springen. Er schrieb neue Lieder und wartete ab, ob der Gedanke ans Aufhören wieder kommt. Drei Jahre lang arbeitete er an seinem neuen Album. „Ich bin dann an einen Punkt gekommen, an dem ich gemerkt habe, dass ich da etwas ganz Besonderes schaffe“, sagt er. Noch einen oben drauf zu setzen, gelingt ihm – zumindest in seiner Wahrnehmung. „Für mich sind das die besten Lieder meines Lebens.“ Und er will aufhören, wenn es am schönsten ist.

Wenn es um seine Familie geht, dann ist der Graf selbstkritischer. Er habe seiner Familie zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Er will sich mehr Zeit für die Menschen nehmen, die ihn unterstützt und gefördert haben. Welche Menschen das sind, ist weitgehend unbekannt. Er schottet sie vollkommen von den Medien ab.

Er sagt nicht, ob er verheiratet oder wie alt er ist, nicht einmal wie er heißt. Er ist in Würselen geboren, aufgewachsen und lebt dort. Er hat einen Hund, einen großen Freundeskreis und eine intakte Familie. Im Internet kursieren ein paar Gerüchte. Das war‘s.

Diese für Außenstehende unbekannte Familie soll nun einen weit größeren Teil im Leben des Grafen einnehmen. „In den vergangenen Jahren war ich zwar ab und zu bei meiner Familie, aber eher wie ein Besucher.“ Er denkt, er lebt, er atmet Musik, er könne „körperlich, aber nicht geistig an dem Leben der Menschen teilnehmen, die ich so liebe“, sagt er. Er denke immer an seine Musik, immer – und an alles, was damit zu tun hat. Wie werden die Lieder? Wo kann man Fotos machen? Welche Auftrittsorte sucht man aus? Wie groß ist die Bühne? „Ich kann das nicht halbherzig machen.“

Trotz all dieser Fragen sei sein Beruf für ihn immer noch wie ein Hobby. „Aber auch wenn man seine Familie wegen seines Hobbys vernachlässigt, muss man ab und zu mal aus dem Keller herauskommen, in dem die Eisenbahn steht“, sagt er. Und diese Eisenbahn müsse man auch mal abbauen, um das Kapitel zu beenden.

Indem er dieses Kapitel seines Lebens schließt, beendet er sein Popstar-Leben. Noch ein Album, noch eine Tour und noch ein großes Abschlusskonzert 2016, dann macht der Graf Schluss mit Unheilig. Dann ist er nur noch der zurückgezogen lebende Familienmensch. „Mein privates Leben ist total normal. Ich bin sehr konservativ erzogen worden. Ich tue keine ausschweifenden Dinge. Mein Leben ist das eines normalen Typen, der ab und zu einen schwarzen Anzug anzieht und auf die Bühne geht“, sagt er.

Der Graf mag Aachen und Würselen, er will in der Region bleiben, „bis ich die Radieschen von unten sehe“. Aber er will in Aachen und Umgebung keine Konzerte geben. Auch nicht auf der Abschiedstour. Er ist der Meinung, dass er, wenn er beispielsweise auf der Würselener Burg Wilhelmstein aufträte, Musik und Privatleben vermische. Das will er nicht.

In dieser Beziehung sind seine Aussagen deutlich. Man kauft ihm ab, dass er keine Ausnahme machen will. Genauso deutlich schließt er ein Comeback aus. Man müsse den Mut haben, einen Abschluss zu machen – und zwar endgültig, meint er. Vielleicht würde er irgendwann ein Lied für einen anderen Künstler schreiben. Wenn es mal eine Anfrage geben sollte. Aber erst mal sehnt er sich nach Alltag. Für ihn ein „Abenteuer“.

Aber muss er wirklich gehen? Wenn er wollte, könnte weitermachen, er könnte versuchen, auf die „besten Lieder meines Lebens“ noch einmal einen drauf zu setzen. Aber genau das will er nicht. Er glaubt, dass er mit der Musik etwas Bleibendes geschaffen habe. Seiner Meinung nach könne es aber nur bleiben, „wenn es einen Anfang, eine Zeit und einen Abschluss hat“. Wenn er weitermachte, verwässere er durch alles, was noch käme, sein Werk.

Der kleine stotternde Junge

Einen Abschluss kann er auch finden, weil er sich durch die Musik verändert hat. Der Graf stottert. Schon als Kind wollte er nichts tun, das mit Sprechen zu tun hat. Er machte lieber Sport, Musik oder zeichnete. Dafür bekam er Zuspruch. Trotzdem sagt er: „Ich habe nie gelernt, Selbstbewusstsein aufzubauen.“ Wenn er auf der Bühne steht, klatschen die Menschen. Das ist sein Antrieb. Aber er habe es nicht geschafft, das Selbstbewusstsein von der Bühne mit nach Hause zu nehmen. „Ich habe mich auf der Bühne wertvoll gefühlt, weil ich mich sonst nie wertvoll gefühlt habe“, sagt er.

Dann kamen er die ersten Preise und goldenen Schallplatten – und mit ihnen das Selbstbewusstsein. Jetzt geht er nicht mehr für sein Ego auf die Bühne, sondern weil es ihm Spaß macht. „Ich habe mich von dem kleinen stotternden Jungen verabschiedet, der immer das Gefühl hat, etwas falsch zu machen.“ Der Prozess ist vollendet.

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