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Der Gesundheit unserer Seen auf den Grund gehen

Von: Thorsten Karbach
Letzte Aktualisierung:
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Aus der Donau in die Aachener Labore: RWTH-Doktorandin Yin Shao untersucht die gesammelten Wasserproben im Rahmen des Solutions-Projektes. Foto: Andreas Steindl
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Die Auswertung läuft: Henner Hollert, Werner Brack und Björn Deutschmann schauen auf die ersten Resultate des EU-Projektes Solutions, bei dem die Wasserqualität der europäischen Flüsse und Seen in bisher nie dagewesener Ausführlichkeit untersucht wird. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Steht den Fischen in der Donau das Wasser bis zum Hals? Ganz so plakativ ist die Frage natürlich nicht, der sich mehr als 100 Wissenschaftler von 39 Projektpartnern aus ganz Europa, China, Brasilien und Australien stellen.

Aber es geht um Fische (nicht nur) und um das Wasser, in dem sie leben. In den nächsten fünf Jahren wird im Rahmen des EU-Projektes Solutions dem Zustand der europäischen (Oberflächen-)Gewässer, also Seen und Flüssen, auf den Grund gegangen. Es geht um Schadstoffbelastungen und ihre Auswirkungen auf die Umwelt.

Eine Spur des in dieser Form nie dagewesenen riesigen Projektes mit einem Fördervolumen von zwölf Millionen Euro führt von der Donau nach Aachen – direkt in die Labore des RWTH-Instituts für Umweltforschung, als Teil der Aachener Biologie und Biotechnologie (ABBt). Dort untersucht Doktorand Björn Deutschmann Gewebe und Gewebeproben von Fischen. Ein Videofilm zeigt, wie er mit der Expedition auf der Donau unterwegs war und diese Proben genommen hat – in Ungarn, Serbien und Rumänien. Und genau diese Reise auf der Donau, die „Joint Danube Survey 3“, macht das Ganze so einzigartig, denn in einer solchen Größenordnung wurden noch nie Proben entnommen.

Risiko für Flora und Fauna

Der Ansatz ist logisch. Nur wer weiß, was in Flüssen und Seen ist, kann anschließend Lösungen formulieren. Solutions ist Englisch und heißt: Lösungen. Am Ende soll – ganz einfach gesagt – das Wasser wieder sauberer werden. Denn Chemikalien stellen in Flüssen und Seen immer ein Risiko für Flora und Fauna – auch für den Menschen – dar.

Laut Bundesministerium für Umweltschutz, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit befanden sich Ende 2012 lediglich zehn Prozent aller deutschen Oberflächengewässer in einem guten ökologischen Zustand. Und in anderen Ländern ist es weit schlimmer. Dabei erwartet die EU in einer Wasserrahmenrichtlinie bis 2015 überall einen guten ökologischen Zustand. „Die ganz große Mehrheit wird das nicht erreichen“, sagt Professor Henner Hollert, einer der beiden Leiter des RWTH-Instituts für Umweltforschung. Das kann nicht gut sein.

Für einzelne Stoffe gibt es schon immer Richtwerte. Doch Solutions hat einen anderen Ansatz: Es nähert sich über die Wirkung der Chemikalien dem Problem. Die Schäden haben die Forscher direkt vor Augen. Es ist denkbar, dass zwei Chemikalien kritische Richtwerte nicht überschreiten, in ihrer Wechselwirkung aber verheerende Folgen haben können. Das wurde so bislang vollkommen vernachlässigt. Am Ende stehen Flüsse und Seen, die nie besser untersucht worden sind.

Starke Partnerschaft

Koordiniert wird das Projekt von Dr. Werner Brack am Leipziger Helmholtz-Institut für Umweltforschung, der größten deutschen Einrichtung ihrer Art mit 1300 Mitarbeitern.

Das Helmholtz-Institut pflegt seit Jahren eine starke Partnerschaft mit dem RWTH-Institut für Umweltforschung als Teil des ABBt. Hunderte Proben wurden genommen – nicht nur an der Donau, auch andere Flüsse wie Rhein und Ebro stehen im Fokus. Das sogenannte Monitoring, also die Untersuchung von Gewässern, wird sukzessive auf andere Flüsse und Seen ausgeweitet, da die Forschung mit reinen chemischen Analysen nicht weiterkommt.

Es sind mehr als 10.000 Chemikalien, die sich mühelos in einem Fluss wie der Donau feststellen lassen. Doch welches sind die bösen Buben? Die suchen die Forscher und finden beispielsweise Herbizide, die in der EU seit Jahren so nicht mehr verwendet werden dürfen. In Regensburg hatte sich Björn Deutschmann mit den anderen Wissenschaftlern auf drei großen Schiffen für über einen Monat auf den Weg gemacht. Im Video ist zu sehen, wie er mit einer Stirnlampe Fische untersucht. Für die malerische Umgebung bleibt keine Zeit.

Muskelgewebe im Tiefkühler

In den Aachener Laboren begutachtet er Leberproben auf Enzymaktivitäten und Blutproben auf die Schädigung des Erbgutes. Im Tiefkühler liegt gut konserviert Muskelgewebe. Da an vielen Orten Proben genommen wurden, lassen diese sich vergleichen und die Belastungsmuster in einer Detektivarbeit erkennen. An Zellkulturen wird die estrogene oder auch verweiblichende Wirkung von Wasserproben aufgrund chemischer Stoffe untersucht – unter dem Mikroskop von Doktorandin Yin Shao, die nach der Doktorarbeit an der RWTH helfen möchte, die Qualität der chinesischen Flüsse zu verbessern. Allein diese Arbeit der Aachener Biologen wird von der EU-Kommission mit 213.000 Euro gefördert.

„Es ist eine Menge Wissen vorhanden, aber um Lösungen zu entwickeln, müssen wir die Auswirkungen betrachten“, erläutert Projektkoordinator Werner Brack, der auch in Aachen in der Biologie lehrt. Nun wird erstmal mit Spannung die Auswertung der Donau-Expedition erwartet. Die Veröffentlichung naht.

Am Ende steht vieles in Frage: die vorhandene Klärtechnik zum Beispiel, das Düngen von Feldern, die Produktion von bestimmten Chemikalien. „Die wechselseitige Wirkung von Schadstoffen wurde bislang unterschätzt“, sieht Brack jetzt schon ein erstes Resultat von Solutions.

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