Maastricht - Der Geiger der Monarchie lässt sich feiern

Der Geiger der Monarchie lässt sich feiern

Von: Armin Kaumanns
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Beim Einzug auf den Vrijthof pfeift André Rieu sich eins: Alle acht Konzerte in seiner Heimatstadt Maastricht sind fast ausverkauft, die Fans kommen aus aller Herren Länder. Und die Stimmung ist ein Phänomen. Foto: Armin Kaumanns

Maastricht. Es muss schon „Het Wilhelmus“ sein. Unter der niederländischen Nationalhymne macht’s André Rieu nicht. Also stimmt der Stehgeiger von Weltruhm, der zu diesem Zweck orangefarbene Brustbinden befohlen hat und entsprechende Taftschleifen an die Notenständer seines Johann-Strauß-Orchesters binden ließ, diese Hymne an.

Mehr als 8000 Leute erheben sich von ihren Klappstühlen, Hand aufs Herz, und singen aus voller Kehle.

Der Vrijthof in Maastricht ist einer der stimmungsvollsten Plätze der Niederlande. Mittelalterlich blicken St. Johannis und St. Servatius mit ihren imposanten Türmen als einmaliges Kirchen-Ensemble auf die ehemalige Begräbnisstätte. Hier bietet sich ihnen in diesen Tagen eine Szenerie, wie sie nun seit neun Jahren drei Sommerwochen lang die Stadt verändert.

Wenn sie könnten, sie würden die ehrwürdigen Häupter schütteln: Maas­trichts Herz – ein Tollhaus. Menschen dicht an dicht. Mit Scheinwerferbatterien bestückte Gerüste umstehen den hermetisch abgesperrten Platz. An dessen Kopf haben rund 200 Arbeiter eine Woche lang einen römischen Tempel errichtet. Hohe Säulen, die Front eines Zeltdaches im Cinemascope-Format, dekoriert mit musikalischen Allegorien. Basaltblöcke, Blumengebinde, Treppe – alles aus Plastik.

Ein Musentempel, gemacht für den weltberühmten Sohn der Stadt und sein Orchester. Es ist Samstagabend, kurz nach neun. Die Hitze des Tages beginnt sich aus dem Zentrum von Limburgs Provinzhauptstadt zu verziehen. Ein Traum.

Rieu ist ein Glück für Maastricht und umgekehrt. Der 63-jährige Stehgeiger, der vor ein paar Jahren noch kurz vor der Pleite stand, kriegt acht Mal in 16 Tagen den Vrijthof voll. Die Karten kosten 55 bis 95 Euro. 50-Mann-Orchester, 20 Mann im Chor, ein Dutzend Solisten, rund 100 rot uniformierte Männer mit goldenen Kordeln entlang der Knopfleiste weisen die Plätze an, nicht gerechnet die Truppe an der Technik – Rieus Unternehmen ist ein bedeutender Arbeitgeber.

Eisbuden, Waffelbäckereien, Bierstände, der obligatorische Devotionalienstand. Der Kaffeebecher zu acht, das Rieu-Schmusekissen zu 20, die DVD zu 25 Euro. Und, und, und. Hinzu kommt der Boom, den die Vrijt­hof-Konzerte für Einzelhandel und Hotellerie bedeuten. Fast jeder auswärtige Besucher übernachtet, weil Rieus Konzerte dauern. Mitternacht ist Minimum. Das nehmen Hotels auch in Aachen und Düsseldorf erfreut wahr.

Kult, und das auch und gerade bei den Einheimischen, ist das Terrassenarrangement, bei dem man es sich für 79 Euro zum Dreigang-Menü an den Tischen vor den Restaurants gemütlich macht und das Konzert auf großen LED-Bildschirmen verfolgt, während man genüsslich noch ein Fläschchen Wein leert. Der Innenraum ist abgesperrt, komplett bestuhlt. Gegen trockene Kehlen liegt hier eine Flasche Wasser auf jedem Sitz.

An diesem Abend ist alles ideal. Gegen halb neun erhebt sich ein großes Tamtam. Die „Koninklijke Harmonie Sainte Cecile Eijsden 1880“ spielt auf. An die 100 Mann marschieren mit Klarinetten, Saxofonen, Trommeln und Tenorhörnern in Schwarz-weiß-rot mit weißem Federbusch um den Platz.

Dann kommt, inszeniert als eine Art Einzug der Gladiatoren, der Stargeiger selbst mitsamt seinem Orchester. Die Damen in schulterfrei modernem Rokoko, in allen Bonbonfarben, die Herren im schwarzen Frack. Rieu vorneweg, umrauscht vom Applaus. Er strahlt übers ganze Gesicht, die Locken frisch geföhnt, und pfeift sich eins. Mitten durchs Publikum geht’s, der Star zum Abklatschen.

Hier sitzen sie nun und jubeln. Männer und Frauen jeglicher Herkunft, jeglichen Alters. Mit Tendenz zu 65 plus. Im letzten Jahr wurden 87 Nationalitäten statistisch erfasst. Fähnchen aus Spanien, Norwegen, Brasilien. Edle Anzüge und Krawatten neben T-Shirt und Shorts. Pumps, Flipflops, Laufschuhe, Sandalen mit und ohne Socken. Unter den Stühlen das Strickjäckchen für später, Einkaufstüten von Boutique bis Aldi.

Ein paar Edelfans haben den weißen Rieu-Schal am Hals, jeder Zweite zückt sein Smartphone. Nebenan eine älteres Ehepaar aus Zwolle, vorn ein Damengrüppchen aus Utrecht, hinten ein formidabler Bass. Sie alle springen auf den Zug, den Rieu führt. Der Zug heißt Willem Alexander und Maxima.

Strauß walzert durch die Reihen

Und das ist für gestandene Republikaner dann doch überraschend, auf welch fruchtbaren Boden Rieus Spiel auf der Monarchie-Klaviatur fällt. Zu Beatrix’ Abschiedsfotos fiedelt es „Time to say goodbye“, eine sehr blonde, sehr gelockte Musical-Sängerin schmachtet „Argentina“, alles singt mit beim Volkslied über Piet Heyn, den Kapitän der Niederländer schlechthin. Jubel, Tränchen, und Rieus smarte, erfolgsgewisse Moderation. Ja, mit einem Zwinkern verspricht er der Fangemeinde sogar royalen Nachwuchs.

Die Show ist grandios. Rieu schöpft aus dem Vollen. Riesige LED-Bildschirme rechts und links, die Bühne umgeben von einem fulminanten Panorama-Bildschirm. Dudelsack-Kapelle, Solistinnen in rasant wechselnder Garderobe, ein zwölfjähriger Trompeter samt Papa, ein toller Bandoneon-Spieler, Hollands Star-Komiker und Karnevalist André van Duin. Hipphipphurra und „Tulpen aus Amsterdam“.

Schließlich auch Walzerseliges. Da ist es schon elf, und Johann Strauß’ „Schöne blaue Donau“ walzert durch die Reihen. In blaues Wellenspiel getaucht die Bühne, blau illuminiert der ganze Platz. Die Leute tanzen, singen, sind fröhlich. Bald beginnt das Zugaben-Spiel. Die Sterne funkeln. Auch St. Servatius ist herrlich blau.

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