Der Frust eines Leiharbeiters: „Immer bei null anfangen”

Von: Stephan Vallata
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Unsicherer Arbeitsplatz: Leiharbeit gibt es häufig im gewerblichen Bereich. Auch bei den Gebäudereinigern verdienen Leiharbeitskräfte bei gleicher Leistung wesentlich weniger als ihre festangestellten Kollegen. Foto: ddp

Düren. Wie sich das so anfühlt, wenn der Mensch zum Kostenfaktor wird, erlebt Bernd Rademacher (Name von der Redaktion geändert) gerade am eigenen Leib. Er ist Leiharbeiter. Oder aber auch Zeitarbeiter. Beide Begriffe sind mittlerweile gebräuchlich, allerdings sprechen die Personaldienstleister lieber von Zeitarbeit, weil es ein bisschen hübscher klingt.

Geliehene Arbeitskräfte - ja wo gibt´s denn sowas? Bernd Rademacher jedenfalls ist einer unter vielen. Und er macht das Ganze nicht, weil er will, sondern weil er keine andere Wahl hat. Das Ziel heißt Überleben.

„Du findest nichts anderes als Leiharbeitsfirmen”, sagt der 35-jährige Maschinenbautechniker mit einiger Ernüchterung über die eher trüben Aussichten auf dem Arbeitsmarkt. Seit Jahren geht das schon so. Das Geschäft mit der billigen Leiharbeit boomt. Gewerkschaften sprechen da gerne mal von „Dumping-Löhnen”.

Schlimm ist für Bernd Rademacher aber nicht nur, dass er 40 bis 50 Prozent weniger verdient als ein vergleichbarer Arbeitnehmer aus der Stammbelegschaft eines Unternehmens. Schlimm ist für ihn auch, dass er alle paar Monate in einen neuen Betrieb kommt, keine langfristige Perspektive entwickeln kann und immer mit der Angst leben muss, schon morgen vor die Tür gesetzt zu werden.

Das bleibt nicht ohne Folgen. Er sagt: „Man entwickelt eine Gleichgültigkeit und weiß nicht, wo man die Motivation noch hernehmen soll.” Zeitarbeiter sind die ersten, die bei stagnierenden Auftragseingängen und einer rückläufigen Produktion auf der Straße stehen, da sie nicht langfristig an den Betrieb gebunden sind und leicht „freigesetzt” werden können.

Korrekturbedürftig

Jürgen Müller, Betriebsratsmitglied des Automobilzulieferers Tedrive in Düren, hält die Spielregeln in der Zeitarbeitsbranche für dringend korrekturbedürftig, damit Arbeitnehmern tatsächlich eine berufliche Perspektive geboten werden kann. „Man muss sich das Ganze vorstellen wie ein Fußballspiel ohne Schiedsrichter”, sagt er. Gleiches Geld für gleiche Arbeit - der viel zitierte Gleichstellungsgrundsatz spiele im Grunde gar keine Rolle mehr, da für die Zeitarbeiter meist eigene Tarifverträge mit geringeren Verdienstmöglichkeiten gelten.

Arbeitnehmervertreter nennen so etwas eine „Tarifflucht”. Müller nennt so etwas „Menschenhandel”. Und er hat noch eine Befürchtung: „Geraten wir nicht in die Gefahr, dass viele Leute sagen: Dafür gehen wir nicht mehr arbeiten?” Ob es tatsächlich soweit kommt, weiß Müller nicht. Er weiß aber: „Du hältst das Karussell nicht an.”

Aus dem Mund von Ursula von der Leyen, Bundesministerin für Arbeit und Soziales, hört sich das alles etwas anders an: Zeitarbeit „baut Brücken in Arbeit für Menschen, die sonst schlechte Chancen auf dem ersten Arbeitsmarkt hätten”, kommentierte sie Mitte Januar den elften Bericht der Bundesregierung über Erfahrungen bei der Anwendung des Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes. Und Zeitarbeit sorge auf Seiten der Unternehmen dafür, „dass diese flexibler auf Nachfragespitzen oder Auftragsflauten reagieren können”.

Allerdings kündigte die Ministerin auch an, die aktuellen Entwicklungen in der Branche unter die Lupe zu nehmen. „Wenn sich dabei zeigt, dass es Missbrauch gibt, Recht verletzt oder Gesetze umgangen werden, müssen wir nachsteuern und notfalls bessere Regeln für die Zeitarbeit aufstellen, um die Lücken zu schließen.”

Für Bernd Rademacher gilt derweil das Prinzip Hoffnung. Er versucht, an die positiven Aspekte der Leiharbeit zu glauben; daran, dass er durch den Kontakt mit verschiedenen Firmen irgendwann die Chance auf eine Übernahme hat, und daran, dass er überhaupt Arbeit gefunden hat. Alles in allem überwiegen jedoch die negativen Erfahrungen aus fünf Jahren Leiharbeit. „Ich bin extrem unzufrieden, weil ich jeden Tag sehe, dass ich die gleichen Stückzahlen wie meine Kollegen schaffe, aber für die falsche Firma arbeite.”

Einmal seien er und zwei weitere Arbeitssuchende gleichzeitig bei einer Zeitarbeitsfirma angestellt worden mit dem Hinweis: „Ihr geht jetzt in den Betrieb, arbeitet acht Wochen dort, und der Beste darf dann bleiben, die anderen müssen gehen.” Ein anderes Mal habe er zwei Tage lang zur Probe arbeiten sollen. „Nur wenn ich dann einen Arbeitsvertrag bekommen hätte, wäre mir das Geld für die beiden Tagen ausgezahlt worden.” Bernd Rademacher fühlt sich wie ein Arbeitnehmer zweiter Klasse.

Diesen wenig respektvollen Umgang mit Leiharbeitern kennt auch Betriebsratsmitglied Jürgen Müller. Letzten Endes, weiß er, gehe es wohl immer nur um Kosteneinsparungen: Bei vielen Verleihfirmen bekämen Angestellte einen fixen Stundenlohn plus einem übertariflichen Bestandteil. „Wenn man aber Urlaub hat, werden die übertariflichen Bestandteile nicht ausgezahlt.” Bei Schichtzuschlägen, Weihnachts- und Urlaubsgeld entfalle dieser Zuschlag genauso.

Zeitarbeiter Bernd Rademacher entlocken all die Winkelzüge nur noch ein bitteres Lächeln. Ohnehin muss er jedes Mal ganz bei Null anfangen, wenn er wieder mal die Firma gewechselt hat. Urlaubs- und Weihnachtsgeld habe er seit Oktober 2007 nicht mehr bekommen, das weiß er ganz genau. Ansprüche darauf gebe es nämlich erst nach Ablauf einer bestimmten Frist.

Eine seiner bisher schwärzesten Tage und Wochen erlebte er, als er sich einen Teil seines Lohns vor Gericht erstreiten musste, weil auf der Schlussabrechnung 750 Euro fehlten. Wie sich das aushalten lässt? „Es muss Dir irgendwann egal sein, sonst gehst Du kaputt daran.” Bernd Rademacher ist angekommen in der neuen Arbeitswelt.
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