Der frühe Blick auf gewaltbereite Salafisten

Von: Marlon Gego und Claudia Schweda
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Die Aachener Nadelfabrik ist nun auch Sitz des Salafismus-Präventionsprojekts „Wegweiser“ für die Region, das am Dienstag von NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD, Mitte) und Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp (CDU, rechts) eröffnet wurde. Ostbelgiens Ministerpräsident Oliver Paasch trägt das Projekt mit Hilfe Aachens nach Eupen. Foto: Schweda

Aachen. Verfassungsschützer gehen davon aus, dass es in der Region Aachen, Düren und Heinsberg 200 Salafisten gibt. 30 davon werden als Dschihadisten eingestuft. „Sie sind dazu bereit, ihre politische Ideologie auch mit Gewalt durchzusetzen“, sagte Burkhard Freier, Leiter des NRW-Verfassungsschutzes, in Dienstag in Aachen.

Er war mit Innenminister Ralf Jäger (SPD) zur Eröffnung einer neuen Beratungsstelle des Präventionsprogramms „Wegweiser“ angereist. Das Projekt soll junge Menschen, die für salafistische Botschaften empfänglich sind, früh erreichen und verhindern, dass sie in die gewaltbereite Salafisten-Szene abrutschen.

Vor drei Jahren waren die ersten „Wegweiser“-Beratungsstellen in NRW eingerichtet worden. Die am Dienstag in Aachen eröffnete, die auch bei Fällen aus den Kreisen Düren und Heinsberg helfen soll, ist die 13. Beratungsstelle in NRW. Gleichzeitig wird die Idee nach Ostbelgien exportiert.

Dort soll es künftig eine Anlaufstelle nach dem Vorbild des NRW-Programms geben. Dazu unterzeichneten Jäger, der ostbelgische Ministerpräsident Oliver Paasch und Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp (CDU) eine Vereinbarung.

Bis Ende des Jahres soll es in NRW 25 Beratungsstellen geben. Die Zahl verdeutlicht, dass das Innenministerium die Initiative „Wegweiser“ nicht nur in Städten anbietet, in denen sich auffallend viele junge Menschen radikalisieren, sondern mehr oder weniger flächendeckend vorgeht.

Jede Beratungsstelle habe wöchentlich 40 bis 50 Kontakte. In der Regel seien es keine Salafisten, die die Beratungsstellen aufsuchen, sagte Freier, sondern Menschen aus deren Umfeld, „meist Frauen“. Mütter oder Schwestern, die sich um ihre Kinder oder Geschwister sorgen und Hilfe suchen.

Vor allem Lehrerinnen suchten den Kontakt. „Sie sind die ersten, die eine Veränderung bei ihren Schülern bemerken und den Mut haben, es offen anzusprechen.“ Aus insgesamt 5500 Kontakten in den Beratungsstellen hätten sich seit 2014 mehr als 400 längerfristige Beratungsfälle in NRW ergeben. Freier wertete das als Erfolg.

Obwohl das dem Innenministerium unterstellte Landesamt für Verfassungsschutz für das Projekt zuständig ist, seien die „Wegweiser“-Beratungsstellen keine Außenstellen des Geheimdienstes, im Gegenteil. Die Berater seien unabhängig, die Beratungsstellen sollen eher „den Charakter eines Schutzraumes“ haben, in dem vertrauliche Gespräche geführt werden könnten, sagte Freier.

Nach dem ersten Kontakt mit Angehörigen, Freunden oder Lehrern eines gefährdeten Jugendlichen würde ein Berater den Kontakt zum Betroffenen suchen. Nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern auf Augenhöhe. Der Berater verweist den Betroffenen nicht weiter, sondern bleibt so lange wie nötig der für ihn verantwortliche Helfer.

Die Beratungsstellen arbeiten mit einem Netzwerk regionaler Partner zusammen – mit Vereinen, Sozialverbänden, Ämtern, Familienberatung, Jobcenter, Polizei und Moscheegemeinden. Die Kosten für jede Beratungsstelle, auch die in Aachen, belaufen sich auf etwa 180.000 Euro pro Jahr.

Es mag paradox erscheinen anzunehmen, dass staatliche Beratungsstellen Einfluss auf Salafisten nehmen könnten, auf Menschen also, die sich bewusst gegen Staat und Gesellschaft stellen. Deswegen, sagte Innenministeriumssprecher Jörg Rademacher am Dienstag, sei wichtig, dass es Berater gebe, die die kulturelle Kompetenz besitzen, mit den Jugendlichen auf Augenhöhe sprechen zu können.

Also Muslime, die mit den jungen Menschen in deren Muttersprache reden könnten. Denn 90 Prozent der in Deutschland Betroffenen stammten aus muslimisch geprägten Ländern, nur „zehn Prozent der Salafisten sind Konvertiten“.

400 Beratungen, zwei vergeblich

Der Verfassungsschutz hat eine große Kooperationsbereitschaft in den Moscheegemeinden festgestellt, bei „Wegweiser“ mitzuwirken. Aber natürlich suche man nicht unbedingt Berater in den Moscheen, die als salafistisch beeinflusst gelten. In unserer Region gehen laut Freier in zwei Aachener und einer Dürener Moschee Salafisten ein und aus. In einer Moschee in der Städteregion, die lange als salafistisch beeinflusst galt, habe der Moscheeverein nach Hinweisen dafür gesorgt, dass dort nun keine Salafisten mehr predigen.

Dass unter den drei Jugendlichen, die am 16. April 2016 am Anschlag auf einen Essener Sikh-Tempel beteiligt waren, zwei sind, die zuvor in Kontakt mit einer „Wegweiser“-Beratungsstelle standen, sieht das Innenministerium keinesfalls als Rückschlag. „Über 400 junge Menschen sind innerhalb des Projektes ‚Wegweiser‘ beraten worden“, sagte Freier.

„Wenn nur zwei von über 400 trotz Beratung in die gewaltbereite salafistische Szene rutschen, ist diese Quote ein Erfolg.“ Dass Beratungen nicht in jedem Fall zum gewünschten Ziel führen, sei normal. Anderenfalls, sagte Radermacher, müsste man auch jede Suchtberatungsstelle in Frage stellen.

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