Aachen - Der Fall K.: Seit wann wusste das Bistum Bescheid?

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Der Fall K.: Seit wann wusste das Bistum Bescheid?

Von: Marlon Gego
Letzte Aktualisierung:
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Wer wusste wann was? Das Generalvikariat, die Verwaltung des Bistums Aachen, hat nach Darstellung eines Geistlichen spätestens seit 2003 über die Missbrauchsvorwürfe gegen Pfarrer K. Bescheid gewusst – und nicht konsequent gehandelt. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Die Staatsanwaltschaft Krefeld will die Auslieferung des früher im Bistum Aachen wirkenden und nun in Südafrika lebenden Priesters K. wegen Verdachts des sexuellen Missbrauchs an Kindern und Jugendlichen erreichen. Der suspendierte Priester, dem in Deutschland sexueller Missbrauch von Kindern in 37 Fällen vorgeworfen wird, steht auch in Südafrika wegen Missbrauchs vor Gericht.

Der Fall K. beschäftigt das Bistum Aachen mindestens seit 2003. Es bleibt die Frage, wie es passieren konnte, dass vor allem das Bistum Aachen nichts unternommen hat, um den Pfarrer von Kindern fernzuhalten.

Vergangene Woche ist ein Pfarrer aus dem Bistum Aachen in Südafrika verhaftet worden. Gegen Pfarrer K. läuft seit 2010 in Johannesburg ein Prozess wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen.

Zu einem Urteil ist das Gericht bislang nicht gekommen, die Staatsanwaltschaft Krefeld, die in Deutschland gegen K. ermittelt, kann nichts weiter tun, als da­rauf zu warten, ob die südafrikanische Regierung einem bereits 2010 gestellten Auslieferungsantrag zustimmt oder nicht.

Der Fall K. beschäftigt das Bistum Aachen mindestens seit 2003. Die Chronologie der Ereignisse wirft die Frage auf, wie es passieren konnte, dass vor allem das Bistum Aachen nichts unternommen hat, um den Pfarrer von Kindern fernzuhalten. K., obwohl als Priester vom Dienst suspendiert, wird nach wie vor vom Bistum alimentiert.

1997: Der in Kempen am Niederrhein arbeitende Pfarrer K. bittet beim Bistum um eine Versetzung nach Sydney in Australien. Angeblich möchte er dort seinen erblich bedingten Haarausfall behandeln lassen. Die Versetzung scheitert, weil sich der in Sydney tätige Pfarrer nicht versetzen lassen will. K. bleibt in Kempen, 2001 übernimmt er eine Gemeinde in Nettetal am Niederrhein.

23. April 2003: Ein Geistlicher aus Erkelenz, damals Kaplan in K.s Gemeinde in Nettetal, ist zum Gespräch im Generalvikariat, der Verwaltung des Bistums Aachen. Er informiert den Leiter der für Personalangelegenheiten zuständigen Hauptabteilung 3, Pfarrer Heiner Schmitz, über ungewöhnliche Vorgänge in K.s Pfarrhaus.

Nach Darstellung des Kaplans berichtet er Schmitz, dass K. wiederholt mit Minderjährigen in der Sauna seines Pfarrhauses gewesen sei. Das sei ihm aus dem Kreis der Messdiener zugetragen worden. Pfarrer Schmitz jedoch erklärte später, der Kaplan habe ihm damals lediglich mitgeteilt, K.s Lebensstil lasse sich nicht mit dem eines Pfarrers vereinbaren. Nach dem Gespräch mit dem Kaplan unternimmt das Bistum nichts.

Hauptabteilungsleiter Schmitz kennt Pfarrer K. als Kollegen. Bevor Schmitz ins Generalvikariat des Bistums und K. als Pfarrer nach Nettetal wechseln, waren sie als Geistliche in Kempen tätig. Schmitz erklärt im Rahmen einer Podiumsdiskussion Mitte 2010 in Viersen: „Ich kann sagen, dass mir während dieser Zeit“ bezüglich Pfarrer K. „nichts aufgefallen ist“.

Sommer 2003: Besorgte Eltern aus K.s Pfarre berichteten einer am Niederrhein erscheinenden Zeitung von den Saunagängen. Die Zeitung setzt sich wiederholt mit der Pressestelle des Bistums Aachen in Verbindung und leitet die Informationen weiter. Jahrelang jedoch erklärt das Bistum auch gegenüber unserer Zeitung, verwertbare Hinweise auf ein Fehlverhalten K.s gebe es keine.

7. Oktober 2003: Beim Bistum Aachen geht ein Brief aus Nettetal ein. Die Verfasser geben sich als Mitglieder von K.s Gemeinde zu erkennen, ihre Namen aber nennen sie nicht. Sie berichten von K.s Saunagängen mit Minderjährigen und von fehlenden seelsorgerischen Angeboten in der Gemeinde.

K. wird als „Lebemann“ und als „Saufkumpan“ bezeichnet, der mehr Energie auf seine Freizeitgestaltung als auf seine Amtsausübung lege. Jahre später erklärt das Bistum gegenüber unserer Zeitung, anonymen Hinweisen könne nicht nachgegangen werden.

28. Oktober 2003: Der für Personalangelegenheiten im Bistum verantwortliche Pfarrer Schmitz beauftragt den für Nettetal zuständigen Regionaldekan, Pfarrer K. ins Gewissen zu reden, was auch geschieht. Der Dekan erinnert K. daran, er sei eine Person des öffentlichen Lebens und möge sich auch demgemäß verhalten.

Direkte Konsequenzen entstehen für K. aus dem Gespräch nicht. Die Saunagänge werden fortgesetzt, später ist auch von Alkoholexzessen Minderjähriger im Pfarrhaus die Rede, die K. wenigstens toleriere.

Mai 2006: K. bittet beim Bistum erneut um Versetzung, dieses Mal nach Südafrika. Bischof Mussinghoff gibt dem Ersuchen statt.

1. Januar 2007: Im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz, die vom Bistum nicht über die Vorwürfe gegen K. informiert wird, tritt Pfarrer K. seinen Dienst in der deutschen Auslandsgemeinde St. Bonifatius in Randburg an, 20 Kilometer nördlich von Johannesburg.

Anfang 2008: Bei der Staatsanwaltschaft in Johannesburg geht eine Anzeige gegen K. ein. Ihm wird zur Last gelegt, während eines sogenannten Vorbereitungscamps zur Erstkommunion fünf Jungen sexuell belästigt zu haben. Die Anzeige wird der Deutschen Bischofskonferenz zugeleitet, die Pfarrer K. drei Monate vom Dienst suspendiert. K. bestreitet alle Anschuldigungen.

März 2008: Ein Angestellter der Deutschen Bischofskonferenz reist nach Südafrika, er trifft sich auch mit Pfarrer K. Anschließend trifft er auch die Mutter eines Opfers von K. Die Mutter wird später erklären, der Angestellte der Deutschen Bischofskonferenz habe ihr gesagt: „Sollte der Fall“ des sexuellen Missbrauchs ihres Sohnes durch Pfarrer K. „nach außen dringen, wäre eine Wiedergutmachung nicht möglich“.

K. zieht bald darauf von Randburg nach Kapstadt. Schon bald hielt er eine Informationsveranstaltung für Erstkommunionskinder ab, obwohl ihm das untersagt war.

21. Mai 2008: Pfarrer K. telefoniert mit Hauptabteilungsleiter Schmitz vom Bistum Aachen und erzählt ihm von der Anzeige. Zu diesem Zeitpunkt ist K. bereits suspendiert. Auch Schmitz gegenüber beteuert er seine Unschuld.

8. Januar 2010: Der Vater eines von K. missbrauchten Jungen ruft bei Pfarrer Heiner Schmitz an und berichtet ihm Einzelheiten. Da Schmitz den Anrufer kennt, hält er seine Darstellungen für vertrauenswürdig. Schmitz rät dem Vater, sich an die Staatsanwaltschaft Krefeld zu wenden.

Frühjahr 2010: Bei der Staatsanwaltschaft Krefeld gehen mehrere Anzeigen wegen sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen gegen K. ein. Mehrere Zeitungen, unter anderem unsere, berichten detailliert über Vorwürfe und Zeugenaussagen.

Die Vorwürfe fallen sowohl in K.s Zeit in Nettetal als auch in seine Zeit in Südafrika. Die Staatsanwaltschaft leitet ein Ermittlungsverfahren ein.

März 2010: Nach langem Ermittlungsverfahren beginnt in Johannesburg der Prozess gegen K. Seine Anwälte versuchen durch immer neue Anträge, den Prozess in die Länge zu ziehen. Das gelingt, bis heute läuft der Prozess.

3. Mai 2010: Pfarrer K. erstattet von Südafrika aus schriftlich Selbstanzeige bei der Staatsanwaltschaft Krefeld. Die Vorwürfe aus der Zeit zwischen 2002 und 2006, wegen derer die Staatsanwaltschaft ermittele, seien weitgehend zutreffend.

Die Staatsanwaltschaft erwirkt einen internationalen Haftbefehl gegen Pfarrer K., mit Hilfe der Bundesregierung wird ein Auslieferungsantrag an die südafrikanische Regierung formuliert.

12. Juli 2010: In Viersen findet auf Einladung der „Initiative gegen Gewalt und sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen“ eine Podiumsdiskussion zum Thema Pfarrer K. statt, an der auch Pfarrer Heiner Schmitz vom Generalvikariat des Bistums Aachen teilnimmt.

In seltener Offenheit gesteht Schmitz vor 80 Zuhörern ein: „Auch wir brauchen Hilfe, ich bin kein Experte in solchen Dingen“, also im Umgang mit Menschen wie Pfarrer K.

5. Dezember 2011: Das Bistum Aachen gesteht im Gespräch mit unserer Zeitung erstmals ein, im Fall Pfarrer K. falsch gehandelt zu haben. „Man hätte anders reagieren müssen, als wir es 2003 und 2007 getan haben“, sagt Bistumssprecher Franz Kretschmann.

September 2013: Mehr als drei Jahre nach dem Inkrafttreten des internationalen Haftbefehls wird Pfarrer K. in Südafrika festgenommen. Gegen Auflagen kommt er wieder frei. Ob und wann die südafrikanische Regierung über den Auslieferungsantrag aus Deutschland entscheidet, ist offen.

Bistumssprecher Kretschmann erklärt, eine Konsequenz aus dem Fall Pfarrer K. und den vielen anderen 2010 öffentlich gewordenen Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche sei, dass Priester und andere kirchliche Mitarbeiter speziell geschult werden.

Innerhalb des Bistums Aachen seien Mitarbeiter für Probleme wie sexuellen Missbrauch sensibilisierter als noch vor fünf Jahren.

Der Prozess gegen K. in Johannesburg läuft weiter, die Deutsche Bischofskonferenz hat nach Aussage von Pfarrer Schmitz mindestens bis ins Jahr 2010 die Anwalts- und Prozesskosten von Pfarrer K. getragen, Schätzungen zufolge bis zu 100.000 Euro. Das Bistum Aachen zahlt K. trotz seiner Suspendierung monatlich 1100 Euro.

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