Der Euregio-Zoo als soziales Zentrum

Von: Manfred Kutsch
Letzte Aktualisierung:
Mut beweisen, Selbstwertgefüh
Mut beweisen, Selbstwertgefühl entwickeln, Vertrauen spüren: nur drei Aspekte beim therapeutischen Reiten, die auch dieser kleine Junge im Aachener Tierpark seitenverkehrt auf dem Rücken des Pferdes deutlich spürt. Foto: Andreas Schmitter, Harald Krömer

Aachen. Kevin (9) ist wie vom Donner gerührt. Carlotta (11) bekommt den Mund kaum zu. Auch Miriam (13) hängt gebannt an den Lippen von Elke Bank-Fischer. Doch die präsentiert gerade nicht das neueste Computer-Killerspiel, sondern ein Entenei mit einem Luftloch, durch das das Küken bereits lugt.

„Wie kriegt das Küken die Schale geknackt?”, fragt die Zoopädagogin - und man könnte eine Stecknadel fallen hören. Die Lehrerin zeigt auf den Schnabel eines entschlüpften Kükens: „Guckt mal, da ist ein Knübbelchen drauf, mit dem sich die Kleinen mühsam befreien. Nach ein paar Tagen ihres Lebens verschwindet der Knubbel wieder.” Boah! Die Stadtkinder sind beeindruckt.

Was viele über den bekannten Freizeitwert des Aachener Tierparks hinaus nicht wissen: Längst ist der Euregio-Zoo zu einem sozialen und kulturellen Wertezentrum der Region geworden - auch durch die pädagogische Arbeit im Kinderbauernhof, aber nicht nur. Denn während in diesen Ferientagen allen Wetterlaunen zum Trotz wieder etliche der jährlich 350.000 Menschen in die Idylle am Beverbach strömen, zurrt Tierparkchef Wolfram Graf-Rudolf den Jahresplan mit insgesamt 131 Behinderteneinrichtungen, Schulen, Institutionen und Vereinen fest.

Ob die Werkstatt der „Lebenshilfe” in Aachen, die Blindenschule in Düren, die Förderschule für Lernbehinderte in Eicherscheid oder das Berufskolleg in Eschweiler, das Citaverde College in Heerlen, Euro-türk, „Frau und Kultur” oder die Staatsanwaltschaft mit ihren jugendlichen Straftätern: Alle Einrichtungen sind in irgendeiner Weise mit dem Zoo verzahnt.

Ungezählt sind die Aktionstage von Sonderschulen, Projektwochen der Kindergärten oder Führungen von Autisten. Ganz abgesehen von rund 120 Praktikanten, die im Vorjahr eine Langzeitbetreuung erhielten, oder von genau 2722 Besuchen der 172 Kinderbauernhof-Kids und den über 1000 Teilnehmern an den Ferienspielen.

„Es ist doch so, dass heutzutage viele Kinder noch nie ein Tier angefasst haben”, sagt Bank-Fischer. Und auch bei Erwachsenen sei die Unwissenheit enorm: „Kürzlich war eine Mutter hier, die wollte ein Küken für ihre Wohnung kaufen, wusste aber nicht, dass dies noch groß wird.” Je weiter sich Tierwelt und Menschenleben in den Städten voneinander entfremden, desto bedeutender wird der Wert eines Zoos: „Es ist inzwischen so, dass Eltern ihre Kinder bringen, weil sie zu Hause keine Haustiere haben beziehungsweise immer öfter nicht halten dürfen”, sagt die Pädagogin.

Und ihre Kollegin Evelyn Sonnek sagt: „Die Wahrnehmung von Tieren als Individuen, vom Meerschweinchen bis zur Schlange, ist für die Entwicklung von Kindern extrem wichtig. Zudem erfahren sie bei der Tierpflege im Kinderbauernhof ganz wichtige Tugenden wie Zuverlässigkeit, Teamgeist und Disziplin.”

„Auch vor all diesen Hintergründen sind unsere niedrigen Preise ganz bewusste Politik”, sagt Graf-Rudolf, der mit seinen 26 Mitarbeitern für 800 Tiere aus 230 Arten verantwortlich ist - wobei sich in Kürze auch Geparden und Kapuzineraffen hinzugesellen werden. Zu 70 Prozent kann Graf-Rudolf mit den Eintrittsgeldern sein Budget von 1,5 Millionen Euro abdecken, der Rest erfolgt über Spenden und Zuwendungen.

Die soziale Kompetenz der Einrichtung hat viele Facetten - bis hin zum Schnullerbaum, an den Kleinkinder zum wehmütigen Abschied ihren Sauger hängen. Im Wissen darum, dass sie ihn dort besuchen können und er unter hunderten anderen Schnullern in toller Gesellschaft ist. Ganz unbemerkt von der Öffentlichkeit werden täglich aufs Neue anrührende Biografien im Tierpark geprägt: „Seit 25 Jahren haben wir aus einem Krankenhaus für Psychiatrie einen Dauerpatienten, der jeden Tag die Trinktöpfe der Ponys ausschrubbt, darin frisches Wasser holt und dabei ein ganz wichtiges Selbstwertgefühl erfährt”, schildert Evelyn Sonnek ein Beispiel.

Ein anderes ist der Fall eines Zwangsneurotikers, der aus Angstzuständen heraus keine Türen öffnen konnte. „Diese Angst konnten wir mit Hilfe von Ponys bekämpfen. Bei Körperkontakt zu ihnen wurde er ganz ruhig”, sagt sie. Ponys seien „die besten Mediatoren”.

Das werden sie auch wieder am 15. Juni unter Beweis stellen, wenn im Aachener Tierpark die „Traumnacht” stattfindet, zu der rund 80 schwerstbehinderte Kinder mit ihren Geschwistern und Eltern eingeladen sind. Sie werden dann noch mehr erleben wie Kevin, Carlotta und Miriam, die jetzt übrigens auch die Antwort auf die Frage von Elke Bank-Fischer kennen, worin sich weibliche und männliche Küken unterscheiden. Nämlich durch gar nichts.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert