Der EKG-Stick: Die Zukunft der Schlaganfall-Vorsorge?

Von: Sabine Rother
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Apothekenkundin Josefine Jeworrek (67) ist gespannt, was der Test mit dem EKG-Stickestab ergibt. Gabriele Neumann (links), Vorsitzende des Apothekerverbandes Aachen, nimmt alle nötigen Daten auf. Foto: Michael Jaspers, Martin Meynberg
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Professor Nikolaus Marx, Direktor der Klinik für Kardiologie am Universitätsklinikum Aachen. Foto: Ralf Roeger

Aachen. Er hat das Potenzial zur Sensation, zum Meilenstein in der Präventionsarbeit, wenn es um eine niederschwellige Früherkennung des Schlaganfall-Risikos geht: Der neu entwickelte EKG-Stab steht im Mittelpunkt einer großen Studie, die Professor Nikolaus Marx, Direktor der Klinik für Kardiologie, Angiologie und Internistische Intensivmedizin an der Uniklinik Aachen, auf den Weg gebracht hat.

Ein breit angelegtes Screening bei Menschen ab 65 Jahren soll dabei helfen, die Schlaganfallrate zu reduzieren, indem unentdecktes Vorhofflimmern erkannt wird. Denn das ist mit Hilfe dieses Stabs möglich, der als Pulsmesser in 60 Sekunden ein „Ein-Kanal-EKG“ aufzeichnet. Mit im Boot bei dieser bundesweit einmaligen Kampagne sind 90 Apotheken: Nach dem Start in Aachen, wo sich in 43 Apotheken Menschen testen ließen, geht das Projekt nun in die nächste Runde. In der Städteregion haben sich 47 Apotheken bereiterklärt, den über 65-Jährigen den EKG-Stick in die Hand zu geben.

Bis zum 25. Februar kann man an der Studie teilnehmen, die zunächst für 6000 Probanden ausgelegt ist. „Die Zusammenarbeit funktioniert großartig“, berichtet Marx. Gemeinsam mit der Klinik für Neurologie und dem Lehrgebiet Allgemeinmedizin hat Marx ein großes Ziel: die Ausweitung und Anerkennung dieser Früherkennungsmethode in ganz Deutschland mit Förderung der Bundesregierung.

500.000 Euro wurden jetzt bereits investiert, um 50 EKG-Sticks und 70 Laptops anzuschaffen – Marx hat engagierte Sponsoren gefunden. Jede teilnehmende Apotheke erhält Stick und Computer. Die Messung geschieht, wenn der Proband den Stick eine Minute lang mit beiden Händen festhält.

Die anonymisierten Daten werden sofort zur Datenbank des Klinikums weitergeleitet. „Der Stick misst die elektrische Aktivität des Herzens“, erklärt Marx die Technik. „Gibt es Unregelmäßigkeiten, leuchtet ein rotes Licht. Das kann auf ein Problem hindeuten, aber das ist noch kein Grund zur Panik. Bei grünem Signal ist alles gut.“ Was geschieht im Herzen, wenn es „flimmert“ und warum ist das gefährlich? „Bei einer Rhythmusstörung bleibt Blut, das normalerweise zum Herzen gepumpt wird, im Vorhof, dem sogenannten Herzohr, stehen“, erklärt Marx. „Dort kann sich in diesem Moment ein Gerinnsel bilden. Gerät das Gerinnsel in die Blutbahn, könnte es ins Gehirn gelangen und dort den Gefäßverschluss verursachen – den Schlaganfall.“

Die Apothekenkunden werden mit Hilfe eines kleinen Fragebogens nach Vorerkrankungen befragt. Sie geben zudem eine Telefonnummer an, unter der man sie bei einem roten Licht nach einer gewissen Zeit fragt, ob sie den Kardiologen aufgesucht haben. Auch wer „Grün“ gesehen hat, wird angerufen. „Wir möchten dann wissen, ob es inzwischen vielleicht doch noch ein Problem mit dem Herzen gegeben hat“, so Marx.

Die Apotheken werden bei der Aktion nicht alleingelassen: Sieben eigens für das Screening geschulte studentische Hilfskräfte sind als Ansprechpartner und Nothelfer im Einsatz – wenn es Fragen zur Technik gibt oder der Datenfluss nicht funktioniert, der Computer streikt. „Sie sind vielfach vor Ort in den Apotheken, das macht allen viel Spaß“, erzählt Marx. „In einer WhatsApp-Gruppe tauscht man sich intensiv aus.“

Für Gabriele Neumann, Apothekerin in Aachen und Vorsitzende des Apothekerverbandes Aachen, ist die Studie nicht nur eine sinnvolles Projekt zur Prävention: „Ärzte sollten viel intensiver mit Apotheken zusammenarbeiten, da gibt es noch ein großes Potenzial“, betont sie. „Wir sind schließlich wichtige Ansprechpartner für die Patienten. In eine Apotheke geht man als Kunde, nicht als Patient, da sind alle ungezwungener.“

In Aachen, wo bereits 3800 Probanden ihre Daten haben speichern lassen, hat die Aktion erstaunliche Reaktionen ausgelöst. Vielfach standen die Kunden Schlange, um den EKG-Stick zu greifen. Wer erst nach Ablauf des Untersuchungszeitraums kam, ließ sich Adressen in der Städteregion geben, um dort eine teilnehmende Apotheke aufzusuchen. Kurz nach Start erhielt Marx zudem Anfragen aus anderen Städten, die an einer Zusammenarbeit interessiert wären.

Die Altersgrenze von 65 Jahren ist bewusst gewählt: „Erst ab 65 Jahre geben wir blutverdünnende Medikamente, wenn es zum Vorhofflimmern kommt“, erklärt Marx.

Nach Abschluss des Screenings werden zunächst die gespeicherten Daten der über 6000 Probanden ausgewertet. Kernfrage: Wie häufig wurde Vorhofflimmern bei über 65-Jährigen entdeckt, die davon bisher noch nichts bemerkt hatten? Kann mit diesem Wissen das Schlaganfallrisiko gesenkt werden?

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