Aachen - Der Bischof, der Gefährten sucht

Der Bischof, der Gefährten sucht

Von: Peter Pappert und Claudia Schweda
Letzte Aktualisierung:
diesermja2.jpg
Helmut Dieser sagt, was seine Kirche braucht: Zusammenhalt. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Das war dann doch überraschend: Aachens neuer Bischof beginnt mit Europa – mit dem politischen Europa, das gefährdet ist. An den Anfang seiner ersten Predigt im Aachener Dom setzt Helmut Dieser – ausdrücklich „als neuer Bischof der Europastadt Aachen“ – einen politischen Appell.

Der Traum vom geeinten Europa sei trotz aller Probleme nicht geplatzt. „Es geht weiter! Die Generationen vor uns haben etwas Großartiges begonnen. An uns ist es, daran weiter zu bauen.“Einheit und Zusammenhalt sind zentrale Maßgaben, die bei Helmut Dieser immer wieder auftauchen. Sie bestimmen auch diesen festlichen Vormittag, an dem er im Aachener Dom sein neues Amt offiziell antritt. Die rund tausend Gäste in der Marienkirche und jene, die ihm in benachbarten Gotteshäusern per Live-Schaltung oder zu Hause am Fernsehen zuhören, fleht Dieser regelrecht an, zusammenzuhalten, sich bewusst zu machen, was jetzt nötig ist. „Weh einer Gesellschaft, wenn sie nicht von inneren Überzeugungen zusammengehalten wird!“ Orientierung müsse immer neu gewonnen und durchgehalten werden.

Der zweite Name

Da ist der Bischof dann bei seiner Kirche. Ungeschminkt, wie es seine Art ist, spricht er über deren Zustand: „Wer meint, die Kirche wäre fertig oder müsste es doch bitte endlich mal sein, wird bitter enttäuscht.“ Dieser weiß um die Defizite und empfiehlt Nachsicht: Wer die Kirche besserwisserisch vor sich hertreibe, „weil sie immer noch nicht weiter ist, versäumt und verweigert auch den eigenen Anteil daran, dass sie besser wird.“

Über seinen Anteil am Einsatz für Kirche und Zusammenhalt scheint sich der Oberhirte vollkommen im Klaren zu sein. Deshalb bittet er so händeringend um Beistand. Der wird ihm jedenfalls zum Amtsantritt vielfältig und herzlich zuteil.

Als der Kölner Erzbischof, Kardinal Rainer Maria Woelki, und sein Aachener Amtsvorgänger, Bischof Heinrich Mussinghoff, ihn zum Bischofsstuhl führen, er sich setzt und seinen Hirtenstab in die Hand nimmt, ist er nun offiziell der Bischof von Aachen.

Zuvor hat der Botschafter des Vatikans in Berlin, der Apostolische Nuntius, Erzbischof Nikola Eterovic, die päpstliche Ernennungsurkunde verlesen, und die Aachener können mit Genugtuung feststellen, dass ihr neuer Bischof mit zweitem Namen Karl heißt. Hinten in der Chorhalle wird man es im Karlsschrein gerne gehört haben.

Dompropst Manfred von Holtum und Weihbischof Karl Borsch, der das Bistum vorübergehend leitete, strahlen zufrieden. Warmer Applaus, der auch wiederholt Mussinghoff und dessen Verdiensten gilt, tut Dieser gut, zahlreiche Amts- und Mitbrüder umarmen ihn, Vertreter katholischer Laien beglückwünschen ihn – das schöne, berührende Bild einer Kirche, die sich ihrer Traditionen bewusst ist, sich ihrer Stärke vergewissert und doch weiß, wie hilfsbedürftig sie ist angesichts der inneren und äußeren Herausforderungen, denen sie sich stellen muss. Vielleicht weiß es niemand besser als Helmut Dieser. Also freut er sich über diese heiteren Stunden umso mehr.

Für solche Feiern verfügt die katholische Kirche über ein erfreulich reichhaltiges Repertoire liturgischer, musikalischer und choreographischer Möglichkeiten. Schon der Einzug ist imposant: Bischöfe, Kardinäle, Domkapitel, eine ganze Armada von Messdienern (Messdienerinnen gibt es am Dom nicht) und Uniformierte unterschiedlichster Provenienz. Alles läuft wie am Schnürchen. Wofür hat man schließlich tags zuvor fünf Stunden lang geprobt.

Unter der Leitung von Domkapellmeister Berthold Botzet ist der gesamte Gottesdienst musikalisch bestens gestaltet mit Domchor, Mädchenchor, Bläserensemble, Domkantor Marco Fühner und Domorganist Michael Hoppe. Als besondere Überraschung erlebt die Festgemeinde sogar eine Uraufführung: Erstmals erklingt im Dom die „Aachener Bischofsfanfare“, an der das britische Musikgenie Edward Elgar („Pomp & Circumstance“) seine helle Freude gehabt hätte. Sie ist eigens für diesen Anlass von dem Kölner Trompeter Alexander Reuber komponiert worden.

Vor der Gabenbereitung werden dem Bischof von Repräsentanten aus allen Regionen seines Bistums Symbole überreicht – unter anderem ein Stern der Dreikönigssänger, Martinslaterne, Pfadfinder-T-Shirt, Pilgerwege-Wanderkarte und ein Stein der Kirche von Borschemich, die dem Braunkohle-Tagebau weichen musste.

Helmut Dieser lernt sein Bistum kennen. Das gelang ihm schon, wie er im Dom erzählt, bei seinem ersten Besuch in Aachen nach der Ernennung, als er mit zwei Passantinnen ins Gespräch kam, man sich freundlich unterhielt, und er im Weitergehen noch hörte, wie eine der beiden Frauen zur anderen sagte: „Kann man mit leben!“ Das treffe genau den Punkt; er wolle ein Bischof sein, mit dem man leben kann.

Mehrmals bittet Dieser die Menschen im Bistum darum, ihn als Bischof nicht allein zu lassen: „Von nun an gehören wir zusammen.“ Leben und Glauben dürften nicht getrennt sein. „Lassen Sie mich mitleben! Normal, nicht überhöht und übersteigert, nicht verbunkert in Rollen und Erwartungen.“

Gute Laune, gute Eindrücke

Aachen hat einen neuen Bischof, der sich mit ganz natürlichem, offenem Lächeln an die Menschen wendet. So setzt sich die lockere Atmosphäre aus dem Dom beim Empfang im Krönungssaal nahtlos fort. Der Bischof steht – wenig überraschend – mittendrin. Die Gäste fühlen sich wohl, bringen die gute Laune vom Hochamt mit ins Rathaus und wollen ihre ausschließlich guten Eindrücke teilen.

Die kurze Ansprache von Aachens Bürgermeisterin Margrethe Schmeer geht fast im Stimmengewirr unter. Dieser hört am Bühnenrand aufmerksam zu, wie sie ihm im Namen der Stadt „von Herzen Gottes Segen“ wünscht. Dann geht er auf die Menschen zu, und die Menschen auf ihn. Der langen Schlange von Gratulanten stellt er sich ohne Hast und so, wie ihn alle an diesem Tag beschreiben: zugewandt. Er plaudert, knüpft Kontakte, findet offensichtlich mit jedem ein Gesprächsthema. Am Ende der Feier bleibt bei vielen der Eindruck: Mit Helmut Dieser „kann man leben“.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert