Aachen/Bonn - Der Beweis für Erderwärmung liegt im Meer

Der Beweis für Erderwärmung liegt im Meer

Von: Naima Wolfsperger
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Miriam Pfeiffer von der RWTH Aachen ... Foto: Wolfsperger, Ostermann
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... und Sebastian Unger vom IASS in Potsdam sorgen sich um die Meere. Foto: Wolfsperger, Ostermann

Aachen/Bonn. Bonn liegt zwar am Rhein und somit am Wasser, abgesehen vom Seezugang für Schiffe hat das mit dem Meer aber nicht so viel zu tun. Das Thema Ozeane erhält auf der Weltklimakonferenz in Bonn trotzdem eigene Thementage. Sie dienen dazu, Lobby zu machen für die Meere. Einerseits, weil der offizielle Gastgeber Fidschi mächtig Druck macht: Die Inselstaaten laufen in absehbarer Zeit Gefahr unterzugehen.

Andererseits, weil Experten und Forscher die Verbindung zwischen Bonn und sogar Aachen und dem Ozean viel näher einschätzen als man meinen möchte. Auch der ländliche Beitrag von CO2, Erwärmung und Müll hat Einfluss auf die Ozeane. Mit verheerenden Folgen. Unter anderem könnte es bereits in 50 Jahren keine Korallen mehr geben.

„In Deutschland gibt es ein großes Bewusstsein für Müll im Meer. Wie unser tägliches Leben sich aber auf die Ozeane auswirkt und wie wichtig sie für uns sind – auch im Landesinneren –, das vergessen wir oft“, sagt Sebastian Unger, Leiter einer Forschungsgruppe am Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS) in Potsdam.

Bereits vor zehn Jahren veröffentlichten Mitglieder des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung eine Studie unter dem Titel: „Die Zukunft der Meere – zu warm, zu hoch, zu sauer“. „Und diese Zukunft ist jetzt“, sagt Unger. Der tägliche Ressourcenverbrauch – Fleisch, industrielle Tierhaltung, Landwirtschaft – lässt sehr viele Nährstoffe absickern, die dann ins Meer fließen und dort zu einer Überdüngung führen. Diese sogenannte Eutrophie wird zusätzlich durch den hohen CO2-Anteil in der Erdatmosphäre unterstützt.

Nach dem im Mai veröffentlichten Meeresatlas nehmen die Ozeane 27 Prozent des ausgestoßenen CO2 und zugleich 93 Prozent der globalen Erderwärmung auf. Sie dämpfen damit die menschengemachte Klimaerwärmung. „Die Meere sind eben häufig das Empfangsende, sozusagen am Ende der Pipeline, und bekommen alles ab“, sagt Unger.

Indikator für Erderwärmung

In dieser Eigenschaft gilt das Meer als Indikator für Erderwärmung. Vielleicht könnte man es auch als eine Art überforderten Katalysator bezeichnen, der wegen Überlastung durchzubrennen droht.

Wie eng die Ozeane und das Klima miteinander verbunden sind, das weiß Miriam Pfeiffer. Am Geologischen Institut der RWTH Aachen hat sie jetzt die Ergebnisse ihrer Doktorarbeit veröffentlicht: Sie kann durch die Analyse von Korallen die Erderwärmung beweisen und endlich Messfehler, die in der Vergangenheit nicht nur Kritikern in die Hände spielten, sondern auch zu Problemen in der Forschung führten, revidieren. Ihr Büro ist im Bergbaugebäude an der Wüllner­straße. In gewisser Weise ist auch sie mit ihrer Forschung, die jetzt zumindest in einem Büro an der RWTH Platz findet, der Beweis dafür, dass Aachen dem Meer immer näher kommt.

Die Klimakritiker

„Die Meerestemperatur dient schon lange als Indikator für Klimaerwärmung – und sie wurde auch schon seit Mitte des 18. Jahrhunderts gemessen.“ Da aber nicht nur die Messmethoden unterschiedlich waren, sondern die während des Zweiten Weltkriegs gesammelten Daten der USA und Großbritanniens unterschiedliche und mitunter große Schwankungen aufwiesen, gab es lange Zeit eine wissenschaftliche Diskussion um das Phänomen Klimaerwärmung.

„Diese Schwankungen dienten Klimakritikern als Argumentationsgrundlage. Sie machten es aber auch für alle anderen Klimaforscher schwieriger, Methoden zu entwickeln. Denn die Basisdatenlage schien nur begrenzt Sinn zu ergeben.“ Mit der Arbeit an den Korallen wird der eigentliche Trend bestätigt. Der Indische Ozean hat sich, ohne größere Schwankungen im Monatsmittel, immer stärker erwärmt. Und das wenigstens seit etwa 150 Jahren.

Für Pfeiffers Forschungen untersucht sie jüngere Korallen, aber auch fossile Proben aus dem 17. bis 19. Jahrhundert. Korallen haben eine Art zu wachsen, die mit jener von Bäumen vergleichbar ist. Die Koralle wächst Zentimeter für Zentimeter nach außen. Ihre Beschaffenheit gibt Auskunft über die Temperatur in der bestimmten Wachstumsphase. „Wenn es zu warm wird, dann geraten Korallen unter Stress. Sie stoßen die Algen ab, mit denen sie in Symbiose leben, können sich daraufhin nicht mehr ernähren, und schließlich setzt die sogenannte Korallenbleiche ein.“ Das heißt, sie verlieren ihre Farbenpracht. Hält dieser Zustand breitflächig an, kann ein ganzes Riff kippen und die abgestorbenen Korallen werden abgetragen.

Dass das letzte Riff stirbt, könnte laut aktuellen Studien bereits in 50 Jahren der Fall sein. Was das Meer selbst angeht, könnte es aber sein, dass der Kampf bereits verloren ist. Denn die Wiederbelebung von Riffen kann Jahrzehnte in Anspruch nehmen. „Die Natur existiert in anderen Zeitrechnungen – was wir hier sehen, sind Langzeiteffekte. Es ist nicht klar, wie lange eine Regeneration dauern würde. Auch nicht, ob sie dann überhaupt noch möglich ist“, sagt Pfeiffer.

Eine Gefahr, die auch Unger sieht. „Aber aufgeben darf man deshalb nicht.“ Für die Ozeane, sagt er, ist das Zwei-Grad-Limit der Erderwärmung eigentlich nicht ausreichend. „Wir müssten uns schon um das weiter gesteckte Ziel, auf die 1,5 Grad, bemühen.“

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