Der beste Azubi Deutschlands mit Asperger-Syndrom

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Der beste Azubi – trotz oder wegen des Asperger-Syndroms? Fest steht: Jonathan Haas ist ein ausgezeichneter mathematisch-technischer Softwareentwickler. Foto: Heike Lachmann
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„Er hat eine wahnsinnige Auffassungsgabe“, sagt Roland Schmitz (l.) über seinen Azubi Jonathan Haas.

Region. Nur noch zwei Tage. Dann wird Jonathan Haas dort stehen, wo er eigentlich ungern steht: mitten im Rampenlicht – und in diesem Fall auch noch auf einer Bühne in Berlin. Rund 1000 Gäste werden bei dem „großen Festakt“, wie es in der Einladung heißt, erwartet.

Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel wird eine Rede halten, Entertainerin Barbara Schöneberger moderieren. Die Industrie- und Handelskammer (IHK) zeichnet am kommenden Montag ihre bundesweit erfolgreichsten Azubis aus, und Jonathan Haas aus Aachen ist einer von ihnen.

Ein schwieriger Weg

Eigentlich könnte die Geschichte an dieser Stelle zu Ende sein. Sehr gute Azubis – so erwähnenswert ihr Erfolg auch ist – kommen immer mal wieder aus unserer Region. Doch Jonathan Haas – schwarze lockige Haare, grüne Augen, Kapuzenpulli – ist kein gewöhnlicher Auszubildender. Der 27-Jährige hat das Asperger-Syndrom, eine leichte Form des Autismus. Und trotz – oder vielleicht auch zum Teil wegen – des Asperger-Syndroms hat Haas seine Ausbildung zum mathematisch-technischen Softwareentwickler als bundesweit Bester in der Sparte Softwareentwicklung abgeschlossen. Parallel dazu beendet er jetzt an der Fachhochschule Aachen seinen Bachelor im Bereich „Scientific Programming“.

Hinter ihm liegt ein nicht ganz einfacher Weg. Doch von vorn: Nach dem Abitur kämpft Haas damit, seinen Weg zu finden. Informatikstudium nach einem Semester abgebrochen; mehrere erfolglose Bewerbungen auf Ausbildungsplätze. „Ich habe einige Bewerbungsgespräche gehabt. Aber ich war immer ziemlich nervös und bin wohl auch deshalb nicht so gut rübergekommen“, sagt er. Dass er das Asperger-Syndrom hat und ein Bewerbungsgespräch auch schon deshalb für ihn eine schwierigere Situation darstellt als für viele andere Bewerber, erzählt er seinen potenziellen Arbeitgebern nicht.

Haas weiß selbst lange Zeit nicht, was mit ihm los ist. Schon im Kindergarten spielt er häufig lieber allein statt mit den anderen Kindern. Auch in der Schule gibt es Probleme. Als Jugendlicher ist er mehrmals in psychologischer Behandlung; wirklich helfen kann ihm keiner. Haas spricht heute offen über diese schwierige Zeit in seinem Leben. „Natürlich habe ich mich manchmal gefragt, was stimmt mit mir nicht? Was habe ich falsch gemacht?“ Dann – einige Zeit nach dem Abitur – endlich die Diagnose, die sicher nicht alles, aber doch vieles erklärt: Asperger-Syndrom.

Die Bundesagentur für Arbeit Aachen-Düren vermittelt Jonathan Haas in eine Reha-Maßnahme für Menschen mit einer Erkrankung im Autismus-Spektrum. Ein Jahr lang trainiert er dort seine Kommunikationsfähigkeit, wird für weitere Bewerbungen geschult und schließlich in ein zweiwöchiges Praktikum bei der Aachener Firma Kappich Systemberatung vermittelt, die Software für Verkehrsrechnerzentralen entwickelt.

Eigentlich nimmt die kleine Firma – drei Angestellte, Azubi plus Chef – keine Praktikanten auf. Zu viel Aufwand. Zu wenig Ertrag. Doch als Mitarbeiter Roland Schmitz am Telefon von Haas’ Asperger-Syndrom erfährt, lässt er sich überzeugen.

„Ich musste mich damals erst einmal über dieses Phänomen informieren“, sagt Schmitz, der in der Firma die Auszubildenden betreut. Er spricht bewusst von einem Phänomen, nicht von einer Krankheit oder gar einer Behinderung. „Jonathan ist nicht krank“, sagt Schmitz und klingt sehr bestimmt, als er das sagt. „Jonathan ist einfach anders.“

Diese Andersartigkeit ist es, die in Haas’ Ausbildungsbetrieb geschätzt wird. Innerhalb weniger Tage gelingt es Haas, seinen zukünftigen Arbeitgeber von sich und seinen Fähigkeiten zu überzeugen. Er darf direkt programmieren und zeigen, was in ihm steckt. Nach dem Praktikum arbeitet er einige Zeit weiter im Betrieb und beginnt schließlich seine Ausbildung in der Firma.

„Er ist bei seiner Arbeit ausgezeichnet, kann sich sehr schnell in neue Aufgaben eindenken, hat eine wahnsinnige Auffassungsgabe und arbeitet sehr exakt“, sagt Roland Schmitz über seinen Azubi. „Das Programmieren ist einfach seine Sache.“ Dass Haas vielleicht nicht besonders gut im Bereich Small Talk ist oder noch Schwierigkeiten hat, mit fremden Menschen am Telefon zu sprechen, stört hier niemanden.

Mit 98 von 100 möglichen Punkten hat Jonathan Haas seine Ausbildung als mathematisch-technischer Softwareentwickler vor wenigen Wochen beendet. Nicht nur als bester Azubi im Raum Aachen oder Nordrhein-Westfalen, sondern als bester Azubi deutschlandweit.

Ungestört und allein

Wenn man ihn in seinem Büro bei der Arbeit beobachtet, versteht man auch, warum Jonathan Haas so gut ist in dem, was er tut. Am Computer sitzend, wirkt es, als wäre er völlig in eine andere Welt versunken. Die Programmiersprache Java blinkt auf dem Display, auf dem Schreibtisch stapeln sich Bücher mit Titeln wie „Java Hardcore“ oder „Entwurfsmuster von Kopf bis Fuß“. Um ihn herum ist es vollkommen still. So arbeitet Haas am liebsten – allein und ungestört. Derzeit befindet er sich in den letzten Zügen seiner Bachelorarbeit, er entwickelt eine Kartendarstellung für Nutzer von Smartphones mit dem Android-Betriebssystem. Dann hat er auch den Studienteil seiner dualen Ausbildung abgeschlossen.

Während Ausbildung und Studium hat Haas nicht nur gelernt, wie er mathematische Methoden bei der Programmierung anwendet und Software erstellt, sondern er hat auch gelernt, mit dem Asperger-Syndrom anders umzugehen. „Ich bin in den vergangenen vier Jahren viel offener geworden“, sagt er. „So ein Gespräch, wie wir es heute geführt haben, wäre damals nicht möglich gewesen.“

Und wie geht es jetzt für ihn weiter? „Ich werde hier bleiben“, sagt Jonathan Haas. „Ich komme gut mit meinen Kollegen zurecht, und ein Jobwechsel würde für mich auch viel Aufregung bedeuten. Das brauche ich im Moment nicht.“

Aufregung hat Haas in diesen Tagen schon genug. Zeitungs- und TV-Interviews, nun die Ehrung in Berlin. Sein Ausbilder Roland Schmitz und Firmenchef Gerhard Kappich werden ihn bei seiner Reise in die Hauptstadt begleiten. Und auch wenn Jonathan Haas die große Bühne und das Rampenlicht eigentlich nicht mag, die Vorfreude auf die Ehrung in Berlin schlägt in diesem Fall die Aufregung.

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