Der argwöhnische Rentner und das Blutbad von Schwalmtal

Von: ddp
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Mord-Prozess um das Blutbad von Schwalmtal
Die Tochter des mutmaßlichen dreifachen Mörders aus Schwalmtal, Barbara K. fasst sich in Mönchengladbach vor Prozessbeginn gegen ihren Vater Hans P. ans Auge. Foto: dpa

Mönchengladbach. Als er aus einer unscheinbaren Tür den Schwurgerichtssaal betritt, steht Hans P. einer Wand aus Kamera- Objektiven gegenüber. Der Rentner im grauen Anorak sinkt auf die Anklagebank, schluckt und bricht in Tränen aus.

Als Richter Lothar Beckers ihn anspricht, guckt der 72-Jährige desorientiert in die falsche Richtung. Ein halbes Jahr nach dem Blutbad im niederrheinischen Schwalmtal hat am Mittwoch in Mönchengladbach der Prozess um den dreifachen Mord begonnen.

Auch wenn der mutmaßliche Mörder beim Prozessauftakt schweigt, lässt sein Verteidiger Siegmund Benecken keinen Zweifel an seiner Täterschaft: „Dass er geschossen hat, räumt er ein. Dass er der Täter ist, steht fest”, sagt Benecken. Hans P. soll kaltblütig zwei Rechtsanwälte und einen Gutachter erschossen haben. Ein zweiter Gutachter konnte sich von zwei Schüssen getroffen schwer verletzt retten.

Der Rentner hatte - so sein Geständnis bei der Polizei - eine Verschwörung gewittert. Seine Tochter hatte sich scheiden lassen, das gemeinsame Haus der Geschiedenen, das Hans P. nach eigener Aussage mit gebaut hat, sollte nach jahrelangem Streit zwangsversteigert werden. Um den Wert des Hauses zu ermitteln, waren am 18. August 2009 zwei Rechtsanwälte und zwei Gutachter in dem Gebäude zusammengekommen.

Doch der 72-Jährige hält die Anwesenden für korrupt und befürchtet, dass seine Tochter über den Tisch gezogen werden soll. Mit einer Pistole Kaliber 9 und 100 Schuss Munition im Gepäck war der streitbare Senior einen Tag zuvor aus Unna angereist. Als er beim Besichtigungstermin hinzutritt - so die Anklage - zieht er die Pistole hinter dem Rücken hervor, eröffnet wortlos das Feuer und schießt das gesamte Magazin leer. Er habe „ein Zeichen setzen” wollen, sagt er später.

Es war den Akten zufolge nicht sein erster Gewaltausbruch: An gleicher Stelle soll er bereits im Jahr 2006 zugeschlagen haben - mit einem Baseball-Schläger habe er damals Verwandte angegriffen und verletzt. Das Strafverfahren wurde seinerzeit eingestellt, weil Hans P. von einem Gutachter als verhandlungsunfähig eingestuft worden war. Dass eine andere Entscheidung das Blutbad verhindert hätte, glaubt Staatsanwalt Stefan Lingens aber nicht: „Er wäre damals sicher nicht als Gefahr für die Allgemeinheit eingestuft und weggesperrt worden. Heute sieht man das natürlich anders.”

Der Staatsanwalt strebt eine lebenslange Haftstrafe wegen dreifachen Mordes und Mordversuchs mit anschließender Sicherungsverwahrung an. Am kommenden Verhandlungstag soll das einzige überlebende Opfer als Zeuge gehört werden. Weil der 50- jährige Gutachter auch nach sechs Monaten noch mit dem Folgen des Mord-Anschlags kämpft und Angst vor einer Begegnung mit seinem Peiniger hat, soll die Vernehmung aus einer Klinik in den Gerichtssaal übertragen werden.

Der Angeklagte werde im Prozess zu einem späteren Zeitpunkt aussagen, kündigt sein Anwalt an. Die Zusammenarbeit mit einem Psychiater zur Frage der Schuldfähigkeit hatte der Senior abgebrochen.

Nach den Schüssen hatte die Tochter einen Notruf an einen Bekannten per Handy abgesetzt und die Polizei daraufhin Großalarm ausgelöst. Zunächst gingen die Beamten von einem Amoklauf oder einer Geiselnahme aus. 200 Beamte riegelten die Umgebung im idyllischen Schwalmtal-Amern weiträumig ab. Schwer bewaffnete Spezialeinheiten belagerten das Haus stundenlang, bevor Hans P. aufgab und auf die Straße trat.

Drinnen bot sich den Beamten ein grausiges Bild. Zwei 38 und 70 Jahre alte Rechtsanwälte sowie ein Gutachter (48) des Kreises Viersen starben im Kugelhagel. Der Rentner soll sogar noch nachgeladen und jeweils einen Schuss auf jedes der drei Opfer abgegeben haben.
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