Der AKV holt sich die AKK in den Käfig

Von: Robert Esser
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Ritterin in Berlin gekürt: Annegret Kramp-Karrenbauer und AKV-Präsident Werner Pfeil. Foto: Harald Krömer

Aachen/Berlin. Sie ist die erste Ordensritterin, die im Internet entdeckt wurde. Ein wahres Online-Märchen. Irgendwie hat‘s klick gemacht. Als Putzfrau Gretel hänselt die saarländische Ministerpräsidentin nämlich politische Freunde wie Feinde so filmreif, dass der Präsident des Aachener Karnevalsvereins (AKV) vor der und für die Mattscheibe nicht widerstehen konnte.

Zwei Jahre ist das her. Da stachen Werner Pfeil Online-Mitschnitte von „Fasnacht“-Auftritten der frech frotzelnden CDU-Politikerin aus Saarbrücken ins Auge – er holte Annegret Kramp-Karrenbauer sofort nach Aachen. Klasse, bloß: Annegret wer? 2013 feierte sie vor Ritter Cem Özdemir ihr Debüt auf der AKV-Bühne. Weithin unbekannt – im Saal umjubelt, gefeiert. Backstage hatte sie vorher im Putzfrauen-Outfit schon einen verdutzten Elferrat aus dessen Garderobe geschmissen. „Raus, ich muss jetzt wischen!“, raunzte sie den ahnungslosen Lackschuh-Karnevalisten an – und lachte sich schlapp. Der AKV-Vertreter weniger. Der erkannte die kostümierte Ministerpräsidentin erst auf der Bühne. Köstlich.

Jetzt klettert Madame AKK, die Frankreich-Freundin mit Zungenbrecher-Namen, selbst in den Narrenkäfig. Und kann an diesem Freitag in Berlin ihr Glück kaum fassen. Weil sie am Vorabend bei Kanzlerin Merkel dinierte und am nächsten Vormittag bei der 923. Sitzung des Deutschen Bundesrates nicht fehlen darf, präsentiert der AKV die Auserwählte im Hohen Haus der Bundeshauptstadt. Närrisches Intermezzo im preußischen Prachtpalast. Leider ohne Alaaf.

Drei Dutzend Journalisten notieren, fotografieren und filmen, wie die burschikose Pragmatikerin die Nominierung zum Orden wider den tierischen Ernst entgegennimmt. Was gleichermaßen würdevoll und witzig wirkt. Sieben AKV-Elferräte sind dazu eigens eingeflogen. Als die Narrenkappe auf der Kurzhaar-Frisur sitzt, gibt AKK erstmal freundlich zu Protokoll, dass sie die Auszeichnung „als große Ehre empfindet“. Ganz Ministerpräsidentin. Dann taut sie auf: „Die Begründung des AKV hat mir die Schamesröte ins Gesicht getrieben. Aber ich habe meinem Mann gesagt, er soll sie einrahmen und zu Hause aufhängen“, lächelt sie. Falls mal jemand Zweifel an ihr habe, fügt sie an. Alles lacht.

Obwohl das ja vorkommt. FDP-Rabauke Rainer Brüderle zum Beispiel. Der diffamierte die CDU-Ministerpräsidentin im Streit um den Spitzensteuersatz als „schwarz lackierte Sozialistin“. Wobei Kramp-Karrenbauers Verhältnis zu Liberalen nach dem Bruch der schwarz-gelb-grünen Jamaika-Koalition im Saarland ohnehin ordentlich unter die Räder gekommen ist. „Jamaika? War ich noch nie. Ich mag Paris“, kontert sie. Umso mehr freut sich die dreifache Mutter aus Püttlingen auf ihren Laudator, FDP-Chef Christian Lindner. „Bei meinem Vorgänger in Ritterwürden erhöht sich die Chance, dass irgendetwas Nettes dabei ist, ganz erheblich“, erklärt sie.

Humor und Menschlichkeit im Amt – das hat die Landeschefin längst bewiesen. Nicht nur in ihrer Paraderolle als Putzfrau Gretel im saarländischen Landtag. Eine Verspätung bei einem Auftritt entschuldigte sie zuletzt mit Wischmopp und Kopftuch bewaffnet „wegen dem Franzeesischunnericht in der Staatskanzlei“, an dem jetzt alle Putzfrauen teilnehmen müssten, weil „de NSA uus net vaschdehd, wenn mia schwätze“.

Damit das Aachener Publikum der Ordensverleihung am 31. Januar im Eurogress und Millionen TV-Zuschauer der ARD bei der Sendung am 2. Februar nicht dialektisch überfordert abschalten, will AKK bei ihrer Ritter(innen)rede einen besonderen Ton treffen. Die Befürworterin solider Frauenquoten findet nämlich, dass nicht nur Unternehmensvorstände und Aufsichtsräte, sondern auch die Elferräte der närrischen Nation deutlich mehr Damen vertragen. „Da werde ich eine geharnischte Gender-Debatte anzetteln“, droht die 51-Jährige augenzwinkernd. „Der AKV-Elferrat braucht endlich Frauen – und ich bin erst die fünfte Ritterin in 65 Jahren“, stellt sie fest. Lediglich Gertrud Höhler, Renate Schmidt, Heide Simonis und Gloria von Thurn und Taxis brachen vor ihr in den Ritterkonvent ein. „Da sind noch dicke Bretter zu bohren – kann ich“, verkündet sie.

Mit jecken Preisen kennt sich AKK übrigens aus. Im Februar erhielt sie den „Lachenden Amtsschimmel“ in Bonn. Zudem gibt‘s ein jeckes Jubiläum: Kramp-Karrenbauer ist jetzt seit 3x11 Jahren CDU-Mitglied. Was einen Extra-Tusch wert ist.

Wie die uneitle, wortgewandte Annegret als Ritterin über sich und ihre Zunft herzieht, wird 2015 sicher nicht nur online ein Hingucker. Womöglich verwandelt sich die Putzfrau gar in einen telegenen Straßenfeger...

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