Aachen - Depressionen im Sport: „Einfach nur Mut zu machen, das reicht nicht“

Depressionen im Sport: „Einfach nur Mut zu machen, das reicht nicht“

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Er ist froh, auch auf positive Beispiele hinweisen zu können. Jan Baßler, früher Fußball-Profi bei Hannover 96, ist Geschäftsführer der Robert-Enke-Stiftung. Foto. Andreas Steindl

Aachen. Das psychische Erkrankungsbild der Depression ist heute in allen Alters- und Berufsschichten anzutreffen - so auch im Profisport. Bewegende Ereignisse wie der Tod Robert Enkes fördern ein tiefgreifendes Problem zu Tage und zeigen, wie notwendig die Entwicklung weiterer Hilfsmaßnahmen ist.

Vier Jahre ist es her, dass Fußballnationaltorwart Robert Enke sich das Leben nahm. Der Profisportler litt an schweren Depressionen. Seine Frau, Teresa Enke, gründete daraufhin gemeinsam mit dem Deutschen Fußballbund (DFB), dem Ligaverband (DFL) und Hannover 96 die Robert-Enke-Stiftung.

Im Rahmen der Reihe „Sprechstunde“ sprachen Studenten des Studiengangs Communication and Multimedia Design an der FH Aachen mit dem Geschäftsführer der Stiftung, Jan Baßler, über Depressionen im Profisport, die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit und die Aussicht auf Heilung.

Herr Baßler, seit über drei Jahren sind Sie der Geschäftsführer der Robert-Enke-Stiftung. Wie schätzen Sie den bisherigen Erfolg der Stiftung ein?

Baßler: Das Thema „Volkskrankheit Depression“ ist sicherlich ein Bereich, in dem wir in den letzten drei Jahren einiges bewegen konnten. Hier geht es um Öffentlichkeitsarbeit und Enttabuisierung. Das heißt, Verständnis bei Nichtbetroffenen für die Krankheit zu schaffen und vor allem, den vielen Betroffenen Mut zu geben.

Auch im persönlichen Gespräch?

Baßler: Ja. Hier haben wir als größtes Projekt der Stiftung die Hotline, die wir gemeinsam mit dem Universitätsklinikum Aachen betreiben. Mit der Hotline bieten wir Betroffenen eine Möglichkeit, sich zu informieren und auch, sich helfen zu lassen, also sich in Behandlung zu begeben. Die Hotline stellt sicher, dass in der Versorgung erste Fortschritte gesehen werden können.

Gelten diese Ansätze auch für Depressionen im Profisport?

Baßler: Im Bereich Leistungssport ist es schwieriger, Dinge zu verbessern. In Sportarten wie dem Profi-Fußball geht es um viel Geld. Das Interesse der Öffentlichkeit ist groß, so dass die Medien immer präsent sind. Wir sind jetzt nach etwa drei Jahren froh, dass es positive Beispiele gibt: Markus Miller, Ralf Rangnick, Lindsey Vonn, Martin Fenin, Martin Amedick. Das sind alles Leistungssportler, die offen mit ihrer psychischen Krankheit umgegangen sind und dafür Respekt und Akzeptanz erfahren haben. Sie konnten zurückkehren und wieder am Leistungssport teilnehmen. An diesen Beispielen merken wir, dass sich etwas geändert hat. Das hat sich durch Robert Enke und ein Stück weit auch durch die Arbeit der Stiftung entwickelt.

Sie haben selber schon einige Namen genannt. Und es gibt noch weitere prominente Beispiele für Spitzensportler, die an Depressionen erkrankt sind. Sind Leistungssportler heute gefährdeter als noch vor ein paar Jahren?

Baßler: Darüber gibt es natürlich keine Erhebung. Man muss wahrscheinlich davon ausgehen, dass die Dunkelziffer früher sehr groß war und die Menschen erst jetzt offen mit ihrer Krankheit umgehen. Insofern ist anzunehmen, dass früher einfach weniger Fälle bekannt wurden. Eine Zunahme an psychisch erkrankten Spitzensportlern ist statistisch nicht nachweisbar.

Und doch stellt sich zwangsläufig die Frage, ob der Sport Schuld an den Erkrankungen trägt.

Baßler: Das ist ein interessantes Thema, über das ich sehr oft mit Teresa Enke spreche. Der Leistungssport an sich wird niemals dafür verantwortlich sein, dass eine Krankheit ausbricht. Wenn aber beispielsweise eine erbliche Veranlagung vorliegt, dann können natürlich gewisse Faktoren einen Ausbruch der Krankheit begünstigen. Der Leistungssport, gerade der große Fußball, beinhaltet einige dieser Katalysatoren. Zum Beispiel der Kampf um eine Position innerhalb der Mannschaft, um Vertragsverlängerungen oder bessere Angebote. Auch die mediale Darstellung und der große Leistungsdruck, der von der Erwartungshaltung der Öffentlichkeit noch einmal verstärkt wird, stellen solche Katalysatoren dar.

Glauben Sie, dass dieser hohe Erwartungsdruck es vielen betroffenen Sportlern schwer macht, mit ihrer Krankheit an die Öffentlichkeit zu gehen?

Baßler: Natürlich. Man muss ein Vertrauen schaffen dafür, dass man mit dem Krankheitsbild offen umgehen kann. Den Betroffenen einfach nur Mut zu machen, das reicht aber nicht. Am wichtigsten ist in dem Zusammenhang, die Außenstehenden über die Krankheit aufzuklären. Dazu zählt auch die Enttabuisierung der Krankheit. So gesehen muss es Ziel sein, dass auch in der öffentlichen Wahrnehmung eine Depression wie ein Kreuzbandriss angesehen wird. Als eine Verletzung beziehungsweise eine Erkrankung, bei der der Spieler sich in Behandlung begeben muss. Aber bei der es eben auch die Aussicht auf Heilung gibt.

Sie sprechen von Heilung. Ist eine vollständige Heilung denn überhaupt möglich?

Baßler: Ich bin natürlich kein Mediziner. Aus meiner Erfahrung im Umgang mit den Betroffenen würde ich diese Frage aber bejahen. Je eher man sich in eine Behandlung gibt, desto besser sind die Chancen auf eine Heilung. Das heißt nicht, dass eine Depression nach der Behandlung nicht wiederkehren kann. Auch hier lässt sich wieder der Vergleich zu einer Verletzung wie etwa einem Kreuzbandriss ziehen.

Und wie heilt man eine Depression?

Baßler: Für eine vollständige Heilung bedarf es nach einer rechtzeitigen Erkennung der Krankheit eine medizinische Behandlung. Daher geht es unserer Stiftung in erster Linie darum, schnell Therapien zu ermöglichen und den Behandlungserfolg zu verbessern. Nur so ist ein Wiedereinstieg in das Leben möglich.

Ist ein solcher Wiedereinstieg in den Profisport denn überhaupt ratsam?

Baßler: Ich glaube, dass eine Rückkehr in den Leistungssport durchaus helfen kann. Grundsätzlich ist es so, dass gerade bei den Leistungssportlern der Sport ein ganz wesentlicher Bestandteil des Lebens ist. Für Robert Enke war es auch in seinen schweren depressiven Phasen noch das Wichtigste, zum Training zu gehen und mit seinen Jungs in der Kabine zu sprechen. Das nennt man in der Fußballwelt „Kabinentalk“. Natürlich gibt es auch Beispiele wie Sebastian Deisler, der für sich selber im Rahmen der Therapie festgestellt hat: Der Sport ist nicht gut für mich. Das ist natürlich dann eine persönliche Entscheidung des Betroffenen.

Sie haben von einem verbesserten Umgang mit der Krankheit in der Öffentlichkeit gesprochen. Gibt es auch Bereiche, in denen Sie bislang noch keine Verbesserung erkennen?

Baßler: Wenn ein psychisch Erkrankter den Mut gefunden hat, einen Arzt oder Psychiater zu kontaktieren, dann muss er in Deutschland bis zu sechs Monate auf einen Termin warten. Deshalb geht es darum, schnellere Hilfe zu ermöglichen. Wenn in Deutschland jemand schwer erkrank ist – und eine Depression ist eine schwere Erkrankung – dann muss es möglich sein, dass er auch als Kassenpatient innerhalb von kurzer Zeit einen Termin bekommt. Es kann nicht unser Ernst sein, dass wir wissen, dass sich die Chancen auf eine Heilung durch frühzeitige Maßnahmen erheblich verbessern und Betroffene trotzdem ein halbes Jahr auf eine Behandlung warten müssen. Diese Situation gilt es zu verbessern.

Worin sehen Sie die zukünftigen Aufgaben der Robert-Enke-Stiftung?

Baßler: Die Stiftung hat mit der Öffentlichkeitsarbeit begonnen. Sie hat sich für einen positiveren Umgang der Öffentlichkeit mit der Krankheit eingesetzt. Die Hotline unterstützt Betroffene. Die Stiftung hat sich also in erster Linie um rückwirkende Maßnahmen gekümmert. Im nächsten Schritt muss es sicherlich ein Ziel sein, präventive, also vorsorgende Maßnahmen, einzurichten. Also ganz platt ausgedrückt: Wie schaffen wir es, dass weniger Menschen an Depressionen erkranken?

Und wie sollen diese präventiven Maßnahmen aussehen?

Baßler: Das beginnt im Fußball mit der Trainer-Ausbildung. Wir wollen bei den Sportlern und vor allem bei den Trainern ein gewisses Verständnis für die Krankheit schaffen. Das soll unter anderem über Schulungen erreicht werden. Davon erhoffen wir uns, dass in den Mannschaften selbst eine Sensibilisierung stattfindet. Und dass man dadurch einige der beschriebenen „Katalysatoren“, zum Beispiel den Leistungsdruck, reduzieren kann. Wir führen auch Gespräche mit dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales im Bereich Arbeitsschutz. Ziel ist es, Angebote und Möglichkeiten zu schaffen, damit die Menschen durch diese Katalysatoren nicht in eine Krankheit getrieben werden. Das ist sicherlich auch ein Ausblick, den der Vorstand langfristig für die Stiftung sieht.

Ein zweites Interview fand statt mit Professor Dr. med. Dr. rer. soc. Frank Schneider, der seit Ende 2003 die Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Universitätsklinikum Aachen leitet. Schneider ist Autor des Buches „Depressionen im Profisport“ und Prodekan der Medizinischen Fakultät der RWTH Aachen. Sehen Sie hier das Interview im Video:

Am Projekt beteiligt waren Catherine Dittel, Michael Döll, Tanja Esser, Inga Jensen, Stephan Klumpp, Anja Ries, Celina Schreiner, Michelle Simon.

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