Deniz Naki: Schüsse auf den Fußballprofi auf der A4 bei Düren

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Deniz Naki: „Ich lasse mich vom Anschlag nicht einschüchtern“

Von: Christoph Pauli und Tobias Schächter mit dpa
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Erst freigesprochen, dann wegen „Terrorpropaganda“ für die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK zu einer Bewährungsstrafe verurteilt: Deniz Naki gibt im November 2016 nach einem Gerichtstermin in Diyarbakir ein Interview. Foto: dpa

Düren. Deniz Naki will zeitnah nach Ostanatolien zurückkehren, die Vorbereitung auf die Rückrunde bei seinem Klub Amed SK startet. Am späten Sonntagabend ist sein Auto auf der Autobahn beschossen worden. Die Schüsse ändern seine Reisepläne nicht. Amed SK wird in der Türkei als Mannschaft der Kurden wahrgenommen, üble Beschimpfungen und Schikanen gehören bei Auswärtsspielen zum ganz normalen Wahnsinn.

Der türkische Nationalismus schlägt dem Klub bei jedem Auftritt entgegen. Vergangenen Sommer ist Naki bei einem Spiel in Mersin von einem Zuschauer tätlich angegriffen worden: Als er einen Freistoß schießen wollte, rannte ein Mann auf den Platz und schlug auf ihn ein.

Naki spielte früher unter anderem mit Mats Hummels und Jérome Boateng in der deutschen U21-Nationalmannschaft. Seine fußballerische Ausbildung genoss er bei Bayer Leverkusen. Danach spielte er beim FC St. Pauli und beim SC Paderborn. Seit mehr als zwei Jahren steht er bei dem kurdischen Verein unter Vertrag, der in der dritten türkischen Liga spielt.

In Amed war Naki schnell in das Visier der Behörden gekommen, nachdem er sich via Facebook für Kurden stark gemacht hatte. Das Gerichtsverfahren in Diyarbakir – Amed ist das kurdische Wort für den Ort – im April dauerte nicht einmal 30 Minuten, dann lautete das Urteil: ein Jahr, sechs Monate, und 22 Tage Haft auf Bewährung, ausgesetzt für fünf Jahre.

Politisch motiviertes Urteil?

Naki wurde „Terrorpropaganda“ für die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK vorgeworfen. Dabei war ein ähnliches Verfahren mit dem Hinweis auf Meinungsfreiheit ein paar Monate vorher eingestellt worden. Zwei Tage später folgte die Revision. Derselbe Richter, der ihn zunächst freigesprochen hatte, verurteilte ihn nun. Naki sagte nach dem Urteilsspruch: „Ich gehe davon aus, dass ich noch im Knast landen werde. Ich werde weiter den Mund aufmachen, wenn ich Menschen Not leiden sehe.“ Prozessbeobachter wie der deutsche Linken-Politiker Fabio de Masi sprachen von einem politisch motivierten Urteil – ähnlich dem Fall des inhaftierten Journalisten Deniz Yücel.

Wegen seiner angeblichen Propaganda war Naki auch vom Verband für zwölf Spiele gesperrt worden. In dem Facebook-Eintrag, der ihm juristisch zur Last gelegt wurde, hatte er auf Türkisch geschrieben: „Wir schulden all jenen Dank, die uns nicht alleine gelassen haben – den Politikern, Künstlern, Intellektuellen und unserem Volk. Und wir widmen unseren Sieg jenen, die bei den seit mehr als 50 Jahren auf unserem Boden andauernden Grausamkeiten ihr Leben verloren haben und verletzt wurden.“ Auf Kurdisch hatte er angefügt: „Es lebe die Freiheit.“ Das Wort „Azadi“, kurdisch für Freiheit, trägt der 28-Jährige auch als Tätowierung auf dem Unterarm.

Naki wurde im Rheinland geboren, seine Eltern flohen einst aus der Türkei. Sein kurdischer Vater wurde vom türkischen Militärregime gefoltert. Sein Vater habe ihm beigebracht, zu seinem Wort zu stehen, sagt Naki. Er will diesen Kampf führen, auch wenn er gefährlich für ihn ist. Und so wird er weiter für die kurdische Mannschaft spielen, deren Kapitän er ist.

Die etwa zwölf Millionen türkischen Kurden sehen ihn durchaus als Helden, weil er der Regierungsmeinung widerspreche. Die Schüsse auf Naki waren am Montag ein großes Thema in Amed.

Die Hamburger Linke-Politikerin Cansu Özdemir berichtete auf Twitter noch in der Nacht zum Montag von dem Vorfall. Özdemir kennt Naki schon seit langem, sie war auch als Beobachterin bei seinem Prozess vor Ort. Kurz nach dem Zwischenfall habe Naki die pro-kurdische Partei in der Türkei und auch sie telefonisch informiert, sagt Özdemir. „Er wirkte sehr gefasst.“ Die Politikerin sagt, dass sie sich seit vielen Jahren mit den Netzwerken Erdogans in Deutschland befasse.

Die tolerante Politik der Bundesregierung habe den türkischen Präsidenten wohl ermutigt, seine Strukturen auch in Deutschland aufzubauen. Exakt an dem Tag, als Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) sich mit seinem türkischen Amtskollegen Mevlüt Cavusoglu zum „Teekränzchen“ getroffen habe, hätten mutmaßliche türkische Agenten auf der Autobahn Jagd auf Erdogan-Kritiker gemacht. So bewertet sie den Vorfall. „Es wundert mich nicht, dass auch Mordkommandos in Deutschland unterwegs sind. Unsere Hinweise wurden bislang nie ernstgenommen. Hoffentlich ändert sich das jetzt.“

Naki reagierte trotzig auf die Schüsse. Er will seinen Weg weitergehen. „Ich bleibe der Deniz Naki, der ich bin. Ich lasse mich nicht einschüchtern. Auch nicht von diesem Anschlag.“

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