Demografischer Wandel: Der „Dorv“-Laden ist die Zukunft

Von: Naima Wolfsperger
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Den individuellen Service und das gemeinschaftliche Leben in Pannesheide wieder aufleben zu lassen, das ist das Ziel des Dorfladens. Bald soll auch eine kurzfristige Kinderbetreuung möglich sein. Foto: Harald Krömer
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Den individuellen Service und das gemeinschaftliche Leben in Pannesheide wieder aufleben zu lassen, das ist das Ziel des Dorfladens. Bald soll auch eine kurzfristige Kinderbetreuung möglich sein. Foto: Harald Krömer
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Hier hat alles angefangen: Judith Marx und Corinna Schwiering schmeißen den Laden in Barmen. Das „Dorv“-Konzept ist für sie inzwischen Alltag. Foto: Naima Wolfsperger
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Hier hat alles angefangen: Judith Marx und Corinna Schwiering schmeißen den Laden in Barmen. Das „Dorv“-Konzept ist für sie inzwischen Alltag. Foto: Naima Wolfsperger
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Für die Damen vom Montagsstammtisch hat der „Dorv“-Laden in Düren den Grüngürtel erst wieder zum Leben erweckt. Ohne ihren Treffpunkt können sie sich ihre Nachbarschaft nicht mehr vorstellen. Foto: Harald Krömer
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Heinz Frey ist ehrenamtlicher Geschäftsführer des Barmener „Dorv“-Ladens.
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Für die Damen vom Montagsstammtisch hat der „Dorv“-Laden in Düren den Grüngürtel erst wieder zum Leben erweckt. Ohne ihren Treffpunkt können sie sich ihre Nachbarschaft nicht mehr vorstellen. Foto: Harald Krömer

Region. Der Zustand: kein Arzt, keine Bank, kein Supermarkt. Wenn der Metzger erst mal zumacht, dann folgt oft auch der Bäcker. Und das nächste Geschäft, und das nächste. Heinz Frey und Norbert Schommer aus Barmen wollten diesen Entwicklungen nicht tatenlos zusehen.

Sie haben überlegt: Was braucht ein Dorf oder ein Stadtteil, um lebenswert zu sein? Eigentlich alles, was man zum Leben braucht. Was das genau ist, das unterscheidet sich von Dorf zu Dorf.

Die Lösung: Der „Dorv“-Laden. „Dorv“ steht für Dienstleistung und ortsnahe Rundum-Versorgung. Die Idee dahinter ist ebenso einfach wie brillant: ein Geschäft, das alles kann; der moderne „Tante Emma“-Laden. Der Unterschied zur alten „Tante Emma“ ist, dass der „Dorv“-Laden mehr sein soll als nur ein Ort zum Einkaufen. Er soll ein Dorfzentrum sein, das auch weniger mobilen Menschen ermöglicht, in ihrem Haus und der gewohnten Umgebung leben zu können.

Die Voraussetzungen: „Nur über eine aktive Dorfgemeinschaft kann der Laden entstehen“, sagt Frey. Das Geschäft soll Lebensmittelpunkt für einige, eine qualitative Aufwertung des Wohngebiets für alle sein. Der Bürger wird hierbei Kunde und Ladenbetreiber zugleich, denn die Finanzmittel kommen aus der Bevölkerung selbst. Ortsansässige Unternehmen können sich beteiligen, Fördergelder können beantragt werden. Langfristig soll der Laden sich selbst tragen und Profite abwerfen, die in eine Erweiterung des Warenangebots investiert werden.

Die Experten: Frey und Schommer haben mit ihrem Konzept eine Blaupause für die Planung von anderen „Dorv“-Läden geschaffen. Als ehrenamtliche Geschäftsführer betreiben die beiden heute eine Beratungsstelle für Bürger, die einen „Dorv“-Laden einrichten wollen.

Der Erfolg: Das Konzept hat inzwischen weite Kreise gezogen. Fünf „Dorv“-Läden gibt es bereits in der Region: In Stolberg sind es gleich zwei. Die drei in Barmen, Pannesheide und Düren stellen wir unten vor. In Alsdorf und Linnich-Gereonsweiler sind weitere geplant.

In ganz Deutschland gibt es inzwischen mehr als 200 „Dorv“-Läden. Es gibt Beratungsanfragen aus den Niederlanden, Belgien, England, Norwegen und Frankreich. Zweimal war eine Wirtschaftsdelegation aus China in Barmen, um sich über das „Erfolgsrezept“ zu informieren. Frey und Schommer werden immer wieder nach Berlin zu Konferenzen eingeladen.

In der Region gibt es inzwischen unter anderem die folgenden Projekte:

Pannesheide: Der „Dorf-Michel“

Pannesheide gehört zu Kohlscheid, Herzogenrath. Kohlscheid hat mehr als 20.000 Einwohner. Für den Dorfladen an der Pannesheidener Straße 61 heißt das vor allem eins: Konkurrenz. Einige hundert Meter weiter gibt es einen Supermarkt. Etwas entfernt, aber erreichbar, gibt es in Kohlscheid auch eine Bankfiliale. Der Laden bildet insofern nicht das neue Dorfzentrum. 2009 wurde das Geschäft eröffnet. Es ist einer der ältesten „Dorv“-Läden, neben jenen in Barmen und Düren.

Der Konkurrenzdruck sei ihm durchaus bewusst gewesen, sagt Wilfried Hammers, ehrenamtlicher Geschäftsführer, „aber es ging uns auch darum, dem Stadtteil eine neue Perspektive zu geben.“ Deshalb werde hier besonders viel Wert auf gesellschaftliche Aktionen gelegt. Folgen hat die wirtschaftlich anspruchsvolle Lage aber auch: Weder DHL noch die Sparkasse konnten als Kooperationspartner gewonnen werden. Kein Grund um aufzugeben, findet nicht nur Hammers, sondern auch die beiden Angestellten Gabi Radermacher und Michael Offergeld.

Sie wissen: was der Pannesheidener Dorfladen an Dienstleistungen bietet, das findet man sonst nicht. Offergeld wird auch mal von dem ein oder anderen Kunden zu Hause angerufen – nach Feierabend. Der eine hat Probleme mit dem Rücken und kann gerade die Wäsche nicht aufhängen, der nächste braucht Werkzeug, um seinen Zaun zu reparieren. Wenn Offergeld Zeit und Kraft habe, helfe er gern, sagt er. Deshalb, und „weil er immer so witzig ist“, nennen ihn die Kunden „Dorf-Michel“.

Auch Radermacher ist überzeugt: „Der Dorfladen ist etwas besonderes.“ Es seien die Sonderwünsche, wie ein spezieller Saft oder eine Zeitschrift, die auf Anfrage mit ins Sortiment genommen werden. Der nette Plausch beim Einkauf oder mit jenen, die ihre Wartezeit lieber im Laden verbringen, als an der Bushaltestelle. Behördengänge werden übernommen, Kleidung für die Reinigung kann hier abgegeben werden, für den Urlaub wird Katzensitting angeboten. „Was früher die Nachbarschaft war, ist heute der Dorfladen“, sagt Radermacher.

Von Beginn an sei vor allem ein sozial-gesellschaftlicher Aspekt verfolgt worden, sagt Hammers, „wir haben nur zwei Mitarbeiter, die sind dafür fest angestellt. Es war uns wichtig, ein Beschäftigungsverhältnis zu wählen, von dem die Angestellten auch ihr Leben finanzieren können.“

Der soziale Aspekt hat hier auch den Anstoß für den Dorfladen gegeben. Hammers engagiert sich im Förderverein Arbeit, Umwelt und Kultur in der Region Aachen e. V. Das „Dorv“-Konzept in Pannesheide ist das  jüngste von sieben sozialen Projekten des Fördervereins.

Einige der Konkurrenzprobleme konnten die Pannesheidener lösen, Päckchen können im Laden jetzt über Hermes verschickt werden. Die Angebotspalette unterscheidet sich auch von jener in Barmen und in Düren – kleiner, irgendwie ausgewählter. Es gibt eine besonders starke Orientierung an regionalen Nahrungsmittelproduzenten und  an Fair-Trade-Produkten. Ein offenes Bücherregal steht im Laden, und lokale Handwerker können ihre Produkte gegen Geld zum Kauf anbieten. Eines von Hammers persönlichen Highlights ist der Apfel-Mango-Saft aus Stolberg.

Alsdorf-Barmen: Alles weg. Was nun?

ls idyllisch könnte man Barmen bezeichnen. Etwas mehr als 1300 Menschen wohnen in dem Dorf. Große rote Backsteinhäuser reihen sich aneinander, hier und da ein weitläufiger Garten. Rad- und Wanderwege  schlängeln sich um Barmen herum; entlang des Rurtals und der Niederrheinischen Bucht und rund um den Barmener See – die Barmener wohnen, wo andere ihre Freizeit verbringen.

Es gibt aber auch eine Kehrseite. Je mehr Natur, desto weiter weg von der Stadt, von Verkehrsanbindungen, Supermärkten, Bankautomaten und Behörden. Zwei Buslinien gibt es in Barmen, sie fahren in Richtung Jülich, Linnich und Aldenhoven. Wer mit den öffentlichen Verkehrsmitteln nach Aachen möchte, ist etwa 1,5 Stunden unterwegs. Als 2001 die Sparkasse als letztes Geschäft geschlossen wurde, gab es plötzlich nichts mehr. Und so wurde Barmen 2004 der Geburtsort des „Dorv“-Ladens.

Im Prinzip war es eine ganz einfache lösungsorientierte Idee“, sagt Frey. Der ehemalige Lehrer ist ehrenamtlicher Geschäftsführer des Barmener „Dorv“-Ladens. Er ist nicht nur bei „Dorv“, sondern auch politisch für Barmen aktiv. Der grauhaarige schmale Mann wirkt auch in seinem Auftreten dynamisch. „Man muss die Dinge beim Schopf packen“, sagt er. Eine nachhaltige und selbsttragende Lösung sei  notwendig gewesen, sagt Frey, als wäre die „Dorv“-Entwicklung geradezu selbstverständlich.

Als es noch die Sparkasse gab, hätten die Älteren und Kranken sich die Einkäufe von Enkeln oder Freunden mitbringen lassen können. „Aber wer will schon dem Enkelchen die Bankkarte mitgeben, und das Kind dann mit Hunderten von Euro durch die Stadt fahren lassen“, fragt Frey. 2001 sei den weniger mobilen Menschen das Leben im Ort schier unmöglich geworden.

Der Barmener Dorfladen ist in die ehemalige Sparkasse eingezogen. Im Haus ist auch eine Zahnarztpraxis. Zusätzlich konnte aufgrund einer „Dorv“-Initiative ein Allgemeinarzt aus Linnich angeworben werden, der ebenfalls in dem Haus eine Zweitpraxis eröffnet hat. Medizinische Versorgung. Auch konnten die Barmener die Sparkasse überzeugen, einen Bankautomaten in ihrem Geschäft zu lassen.

Der Laden ist nicht gerade riesig. Dennoch reicht der Platz für eine Fleischtheke, frisches Obst und Gemüse. Um 10.30 Uhr werden die Eier geliefert. Etwas spät. „Aber dafür sozusagen gerade erst eingesammelt“, freut sich Frey, „das Geschäft lebt davon, dass wir hier täglich frische regionale Produkte anbieten.“ Es gibt auch Dosen und Kühlschrankwaren und eine kleine Getränkeabteilung. Nicht zu vergessen das integrierte Café, über das die Gemeinschaft und das Miteinander im Dorf gefördert werden soll.

Der Laden dient als Post und auch als KFZ-An- und Abmeldestelle. Für das neue Nummernschild müssen die Barmener also nicht mehr nach Jülich fahren. Der Barmener Laden bietet das Rundum-Paket des „Dorv“-Konzepts. Der Laden bildet das Geschäftszentrum im Dorf, wo es zuvor „einfach nichts mehr gegeben hat“, sagt Frey.

Düren: Endlich ein Café

Die Damen auf der einen, die Herren auf der anderen Seite – „und dann geht hier die Post ab“, erzählt Hannelore Utzerath (70) und lacht herzhaft. „Alle zwei Wochen machen wir hier am Montagmorgen Frühstücksstammtisch.“ Eine Ecke des Cafés wird dann von Utzerath und ihren Freundinnen belagert. Durch einen Blumenkasten getrennt genießen die Herren ihren eigenen Stammtisch in der anderen Ecke. „Immer schön getrennt, nicht, dass die uns noch nachstellen“, sagt Utzerath, und das Gelächter ist groß im „Dorv“-Laden am Grüngürtel in Düren.

Sozialer Mittelpunkt, so könnte man die Bedeutung des Dürener Dorfladens für den Grüngürtel beschreiben. „Lebendes“ Beispiel für die Bedeutung des „Dorv“-Konzepts für die Gemeinschaft. Zumindest, wenn man Hannelore Utzerath und ihrer Freundin Kläre Hamacher Glauben schenkt.

Der Laden ist riesig und kann von der Größe her locker mit den großen Supermarktketten mithalten. Es gibt Saisongemüse aus der Region, aber insgesamt steht die Produktpalette regulären Supermärkten in nichts nach. Und die Konkurrenz ist auch nicht weit. Nur zehn  Minuten zu Fuß braucht Hannelore Utzerath bis zum nächsten Supermarkt. Aber sie könne eben nicht mehr so weit tragen, sagt sie, und außerdem „trifft man da ja keinen!“

Für Utzerath und Hamacher ist der „Dorv“-Laden mehr als nur ein Geschäft.  Sie frühstücke hier fast täglich, sagt sie. An diesem Tag hat sie sich ein Rührei gegönnt. „Ein Kaffee nach dem Einkauf kann ja nicht schaden. Hier treffe ich immer jemanden, den ich kenne.“

Ihre Nachbarn und Freunde machen es ähnlich. Das Viertel sei durch den Laden viel schöner geworden, findet auch Kläre Hamacher. „Die Möglichkeit zusammenzusitzen, das fördert Gemeinschaftsgefühl und  Freundschaften“, sagt sie. Auch Hamacher geht regelmäßig zum Frühstücksstammtisch  – eine Tradition, die erst mit dem Dorfladen eingeführt wurde. Vorher sei das Leben im Viertel eine Katastrophe gewesen, sagt Hamacher, „da war hier gar nichts!“

Aktionen wie das jährliche Nikolaus-Frühstück, da sind sich die beiden Damen einig, die hätten das Viertel wieder so richtig aufblühen lassen. „Das Nikolausfrühstück ist so gut besucht, inzwischen bieten wir zwei Termine an“, sagt Maria Hannen, Filialleiterin des Dorfladens.

An Karneval wird mit Krapfen und Grill vor dem Geschäft gefeiert, und die Älteren freuen sich über die Sitzmöglichkeiten, die dann draußen angeboten werden: Da habe man den besten Blick auf den Karnevalszug, sagt Hamacher. „Im Sommer machen wir ein wöchentliches Grillfest“, erzählt Hannen. Ihr Mann übernimmt auch schon mal kostenlose Lieferungen für die Dorfladenkunden, wenn diese krank sind oder die Kiste Wasser nicht alleine nach Hause tragen können.

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