Demo im Tagebau: „Der Frust kommt nach dem Einsatz“

Von: Claudia Schweda
Letzte Aktualisierung:
10679775.jpg
Einsätze mit Frustpotenzial: „Wie viel Mühe wir uns geben, diese Situationen mit jedem Einzelnen friedlich zu lösen, das kriegt niemand mit“, sagt Markus Szech, GdP-Pressesprecher und bei dem Einsatz im Tagebau Garzweiler am vorigen Wochenende als Polizist dabei. Foto: Gerhards
10679526.jpg
War als Gruppenführer einer Hundertschaft bei dem Polizeieinsatz am vorigen Wochenende in Garzweiler eingesetzt: Markus Szech aus Heimbach, GdP-Pressesprecher in Köln. Foto: Schweda

Aachen. Seit sieben Jahren ist Markus Szech (33) bei der Einsatzhundertschaft in Köln. Ein Einsatz wie der am vorigen Wochenende im Tagebau Garzweiler, in den über 800 Umweltaktivisten eingedrungen sind, ist für ihn Alltag.

Zu diesem Alltag gehört auch, dass er und seine Kollegen nach solchen Einsätzen häufig die frustrierende Erfahrung machen, dass manches in der Öffentlichkeit nicht so dargestellt wird, wie sie es vor Ort erlebt haben. Polizeioberkommissar Szech ist Gruppenführer in einer Hundertschaft und Pressesprecher der Gewerkschaft der Polizei (GdP) in Köln. Der zweifache Vater lebt seit vier Jahren in seiner Wahlheimat Heimbach und ist dort für die SPD aktiv.

Macht Ihnen Ihr Job eigentlich noch Spaß?

Szech: In der überwiegenden Zeit ja. Es sind die Begegnungen mit Einzelnen, die einen aufregen und belasten.

Entsteht durch Einsätze wie in Garzweiler ein genereller Frust?

Szech: Ja, da kann ich einen ganz klaren Haken dran machen. Der Frust kommt nach dem Einsatz. Direkt danach ist man erstmal zufrieden, wir haben die Aktion gut beendet. Der Frust kommt dann, wenn man später sieht, wie alles dargestellt wird. Man findet seinen eigenen Einsatz in den Medien wieder und fühlt sich falsch dargestellt. In der Öffentlichkeit findet sich oftmals eine recht einseitige Darstellung. Es ist wahrscheinlich ganz natürlich, dass Demonstranten und Polizisten häufig eine andere Sichtweise haben. Was ich aber problematisch finde, ist die subjektive Spickung der Sichtweise, also die Frage, wie etwas erzählt wird. Die Aktivisten agieren da sehr schlau.

Nennen Sie ein konkretes Beispiel.

Szech: Was mich sehr geärgert hat, ist die Formulierung, man habe Polizeiabsperrungen „durchflossen“. Wenn man an Polizeibeamten vorbeigeht, sie schlägt, sich gewaltsam Platz verschafft, eine Sperre durchbricht, ist das kein „durchfließen“. Das ärgert mich. Das spiegelt nicht die Situation wider, wie wir sie vor Ort erlebt haben.

Wie war die Situation?

Szech: Weit über 100 Leute sind auf rund 30 Kollegen zugekommen und haben sich teils durchgedrückt, geschubst, einige haben geschlagen und getreten. Das ist kein ziviler Ungehorsam mehr.

Die Reaktionen auf die Besetzungsaktion im Tagebau liegen extrem weit auseinander: Die einen begrüßen diesen zivilen Ungehorsam, die anderen zeigen völliges Unverständnis. Das ist ein riesiges Spannungsverhältnis, in dem es keine Mitte zu geben scheint. Kann man da als Polizei überhaupt gewinnen?

Szech: Das ist das Problem von uns Polizisten. So richtig Recht machen können wir es keinem, aber wir müssen den Mittelweg finden. Gerade hier in der Region. Hier gibt‘s viele, die leben von RWE. Umgekehrt ist der Hambacher Forst einer der letzten großen Urwälder, die wir haben. Das ist die Schwierigkeit der Polizei: Wir werden es nie allen Recht machen können. Auch wenn das der Anspruch sein muss.

Die Aktivisten vertreten ein berechtigtes Interesse im Sinne des Gemeinwohls: die CO2-Reduktion. Ist das auch Teil des Problems, es nicht allen Recht machen zu können?

Szech: Es ist für uns natürlich ein Zwiespalt. Ganz viele Forderungen, die von den Aktivisten erhoben werden, können wir unterschreiben. Wir sind auch Bewohner dieser Region, wir sind auch Familienväter, die ihren Kindern eine lebenswerte Welt erhalten wollen. Und Protest gehört zu einer Demokratie. Der Großteil macht das auf eine kreative und berechtigte Weise. Problematisch wird‘s, wenn sich einige wenige daruntermischen, die die Grenze überschreiten.

Wie groß ist dieser Anteil des gewaltbereiten Kerns unter allen 800?

Szech: Das ist schwer zu sagen. Es ist ein kleiner Teil, aber der sucht den Schutz im großen Ganzen. Wir haben Leute da erlebt, die hatten ihre Kinder auf dem Rücken. Die sind nicht gewalttätig. Die wollen keinen Ärger mit der Polizei. Dann haben wir die ganz normalen Leute mit ihrem berechtigten Anliegen, die auch gewillt sind, an einem bestimmten Punkt aufzuhören. Und dann ist da noch die kleine Gruppe, denen alles egal ist, und die billigend in Kauf nehmen, dass andere verletzt werden. Da fein zu trennen und die Situation immer wieder neu zu bewerten, das ist die eigentliche Herausforderung und auch Teil der Frustration. Denn diese Komplexität sieht ja von außen niemand.

Ist für Sie eine Grenze schon überschritten, wenn sich Aktivisten Zugang zum Gelände verschaffen?

Szech: Es ist die Frage, wie man das macht. Wenn man sich heimlich draufschleicht, hat das noch eine gewisse Kreativität. Aber wenn da die Polizei steht und sagt, hier ist Ende, hier geht keiner mehr vorbei, wir schützen hier ein Grundrecht – und jemand geht dann mit Gewalt durch. Da ist die Grenze.

Das sehen die 800 Aktivisten, die in den Tagebau eingedrungen sind, offenbar anders.

Szech: Sie müssen die Perspektive der Teilnehmer sehen. Es ist oft so, dass vorne welche laufen, die sich mit Gewalt Platz verschaffen, und die anderen folgen. Die kriegen gar nicht mit, was da vorne läuft. Später setzen sie sich hin, weil sie dazu aufgefordert werden, um den Protest deutlich zu machen. Vollkommen in Ordnung. Dann gehen wir hin und sagen ruhig: „Sie haben Hausfriedensbruch begangen. Der Eigentümer möchte, dass Sie das Gelände zu verlassen. Wir werden Sie gleich auffordern, das Gelände zu verlassen.“

Und schon bei dieser Ansprache gibt es dann die, die versuchen, das zu überschreien, so dass viele gar nicht mitkriegen, worum es geht. Dann gehen wir auf jeden Einzelnen zu und fragen: „Möchten Sie freiwillig aufstehen?“ „Nein.“ „Dann werden wir Sie wegtragen. Bitte leisten Sie keinen Widerstand.“ Wie viel Mühe wir uns geben, diese Situationen mit jedem Einzelnen friedlich zu lösen, das kriegt niemand mit. Und das ärgert uns oftmals so. Trotz unserer Mühe gibt es dann Leute, die Widerstand leisten. Und sie leisten ihn oft genau in dem Moment, wenn niemand hinschaut. Dann wird getreten, geschlagen oder gebissen, um dann sofort zu schreien: „Was tut mir die Polizei hier an!“

Natürlich gucken dann alle hin und sagen: „Polizist, was machst Du da mit dem? Der hat Dir doch nichts getan?“ Und das, was dann passiert, das ist das Schlaglicht, das öffentlich wird: Jemand wird weggeschleift mit den Händen auf dem Rücken fixiert... Diese Diskrepanz zwischen dem Erlebten und der öffentlichen Wahrnehmung ist für die Kolleginnen und Kollegen schon belastend. Vor allem die Macht der Bilder ist frustrierend.

Was empfinden Sie am Widerstand der Aktivisten als aggressiv?

Szech: Aggressiv ist die Art und Weise, wie das geschieht. Wir nähern uns nicht in einer feindseligen Absicht. Wir gehen offen auf sie zu, ohne Aggression, geben uns Mühe zu deeskalieren, versuchen, in einen Dialog zu kommen, müssen dann jemanden wegtragen – und das wird ausgenutzt, um auf eine hinterlistige Art und Weise einem Polizisten in die Hand zu beißen oder Richtung Gesicht zu treten. Solche Sachen sind passiert. Aber was allen im Gedächtnis bleibt, ist die Folge: das Bild des Aktivisten, der weggeschleift wird. Das ärgert uns.

Müssen Sie nicht mit dieser Verdrehung von Opfern und Tätern nicht rechnen? Ist das, was Sie als „hinterlistig“ beschreiben, nicht Teil eines längst eingeübten Protestmusters?

Szech: Nein, wir rechnen nicht unbedingt damit. Wir treffen ja meistens auf einen sehr bunt gemischten Haufen. Der Großteil der Leute ist friedlich und geht selbst oder lässt sich wegtragen. Damit kann man klarkommen. Aber man sieht den Leuten das nicht an, zu welcher Gruppe sie gehören. Und wenn das dann einer ausnutzt, um Gewalt anzuwenden, ist das für uns problematisch. Aber zugehen muss man erstmal auf alle gleich.

Haben Sie das Gefühl, zwischen zwei Fronten zerrieben zu werden?

Szech: Tatsächlich. „Zerrieben“ würde ich zwar nicht sagen. Aber es ist schwierig, weil ganz viele Erwartungshaltungen auf der Polizei ruhen. Man hat einmal von Seiten der RWE die Vorstellung, dass die Polizei verhindern muss, dass jemand auf das Gelände kommt. Aber der Tagebau Garzweiler ist ein unwahrscheinlich großes, mäßig – nein – schlecht gesichertes Gelände, das sehr unwegsam ist. Auf der anderen Seite schimpfen Bürger, dass ihr Steuergeld für einen solch großen Polizeieinsatz verschwendet wird. Und dann noch die Vorwürfe, wir wären Handlanger von RWE und würden mit dem Werkschutz paktieren. Wir haben den Eindruck: Egal, was wir tun, irgendwas Negatives findet sich immer.

Wie erleben Sie die Aktivisten im Wiesencamp Hambacher Forst?

Szech: Wir waren diverse Male im Hambacher Forst eingesetzt und ich muss sagen, dass das dort oftmals sehr kreative Aktionen sind. Gerade dort sind sie eigentlich nicht gewalttätig. Wenn wir dort räumen mussten, konnten wir das kommunikativ sehr gut lösen. Natürlich gab es einzelne Aktionen, wo extremer Widerstand geleistet wurde. Trittfallen mit Nägeln auf den Baumplattformen, die man nicht sieht, oder Gegenstände, die von oben geworfen wurden. Aber das sind Einzelfälle. Rasierklingen in den Haaren, wie ich es anderswo schon erlebt habe, um Polizisten zu verletzen, habe ich dort noch nicht erlebt. Wenn bei dem Wiesencamp in Hambach Polizisten an einer Absperrung stehen, dann geht da in der Regel keiner durch. Es wird zwar diskutiert, es wird auch mal ein Polizist beleidigt. Das ärgert einen auch. Aber es ist noch ein Restrespekt vorhanden. Das hatten wir beim Klimacamp in Garzweiler nicht. Das war eine andere Qualität eines gewaltgeneigten Kerns und von geübten Störern.

Gibt es noch mehr Frustpotenzial?

Szech: Der Großteil der Anzeigen wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt, die wir nach solchen Einsätzen schreiben, werden später eingestellt. Und das trifft uns sehr persönlich, denn da geht es um unsere Gesundheit. Manche Richter sagen, das sei Berufsrisiko, andere sagen, es sei nichts passiert oder der Angezeigte falle zum ersten Mal auf. Aber wo fängt Widerstand an? Ich habe eine sehr schwere Schutzausrüstung an. Wenn mir da einer volle Pulle gegenschlägt, bricht mir kein Knochen, aber die Intention, mich schwer zu verletzen, ist doch da. Wenn man immer wieder derjenige ist, der angegriffen ist, verändert das einen.

Inwiefern?

Szech: Irgendwann hat man das Gefühl, man ist der Prügelknabe der Nation und muss für alles immer wieder den eigenen Kopf hinhalten. Das sind die Dinge, die einen belasten, und die man auch mit nach Hause nimmt. Das ist nach dem Dienst nicht vorbei.

Trotzdem habe ich nach unserem Gespräch das Gefühl, dass Sie sich nicht wie der Prügelknabe der Nation vorkommen, sondern Ihre Aufgabe immer noch gerne tun?

Szech: Es ist eine Sache der Auseinandersetzung, wie viel man sich damit beschäftigt und wie sehr man sich darauf einlässt. Die Hilfestellung, sich auch im Dienst professionell damit auseinanderzusetzen, ist gut. In der Tat kann es einen verändern, wenn man diese Aggression jedes Wochenende erlebt. Deswegen ist es wichtig, auch beim Einsatz mit den Demonstranten und Aktivisten zu sprechen, um für sich klar zu bekommen, dass die Aggression nur von einem harten Kern ausgeht.

Nicht alle ticken so und sehen uns Polizisten als ihre Feinde. Aber gerade als Hundertschaft hat man oft mit den problematischen Leuten zu tun. Das birgt die Gefahr, dass sich der Blick verschiebt und man meint, alle wären einem gegenüber negativ eingestellt. Aber genau das darf nicht passieren. Es ist ganz, ganz wichtig, offen als Polizist über die Einsätze zu sprechen – auch über Gefühle. Mit seinen Kollegen und zu Hause. Meine Frau muss sich da viel anhören.

Leserkommentare

Leserkommentare (9)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert